Sonntag, 21. Oktober 2007

Günther Rohrmoser: Die Unverzichtbarkeit der Nation

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sind die Völker Osteuropas als solche wieder in die Geschichte zurückgekehrt. Während man in Westeuropa die Vorstellung einer europäischen Wirtschaftsgesellschaft anhängt, leben in Osteuropa nationale Traditionen und ihr Erbe auf. Dem Westen hingegen schwebt nicht etwa ein multinationales, sondern ein multikulturelles Europa vor. An die Stelle von Völkern, Kulturen und partikularen Identitäten tritt dabei aber vielmehr eine Art universaler Interaktions- und Kommunikations-zusammenhang. Besonders Deutschland scheint sich der Mission verschrieben zu haben, alles zu überwinden was das atomare Individuum von der universalen Menschheitsrepublik trennt. Sollte sich die deutsche Tendenz zu rein abstrakten universalen Prinzipien und die inhumane Rationalität einer Verwirklichung der privaten Interessen nicht bald korrigieren, wird sich das deutsche Volk als geschichtliche und politische Größe früher oder später selbst abschaffen. Dabei ist die Notwendigkeit internationaler Institutionen natürlich nicht zu bestreiten. Aber ebenso müssen die Besonderheiten der nationalen und regionalen Kulturen anerkannt werden. Letztlich geht es um die Versöhnung von Universalismus und Partikularismus.
Der besondere deutsche Beitrag Deutschlands zur Moderne war die Hervorbringung des historischen Bewusstseins, auf den sich der Ruhm deutscher Universitäten im 19.Jahrhundert gründete. Das war nicht selbstverständlich – hatte doch Descartes alles was sich auf Geschichte und Autorität stützt, in Frage gestellt und umgestürzt. Alles Sein, was seiner puren Rationalität nicht genügte, war mithin nur noch Objekt einer Umgestaltung nach rationalen, aber ahistorischen Methoden. Wenn man nun den besonderen Platz, den sowohl die Nation, als auch das geschichtliche Denken im konservativen Denken einnehmen berücksichtigt wird deutlich, wie sehr dieses Denken durch die Neuzeit in Frage gestellt wurde. Nun ist das Nationale aber weltweit wieder oder auch nach wie vor, das einzige ordnende Bauelement der Politik und auch supranationale Politik setzt handlungsfähige Nationen voraus. Destruktiv wird der nationale Gedanke erst bei seiner Verdrängung oder Unterdrückung. Keine Friedensordnung wird auf das Recht auf nationale Selbstbestimmung verzichten können. Aber worin liegt die eminente Bedeutung des nationalen Gedankens und Bewusstseins in der modernen Welt begründet? Was hält ein Gebilde wie die „deutsche Gesellschaft“ zusammen? Kann der einzelne noch über die Bedürfnis- und Interessenbefriedigung für etwas in Anspruch genommen werden? Was kann das grundlegend Verpflichtende dafür sein, wenn nicht eine bejahte, gelebte Gemeinsamkeit? Zumindest in Deutschland war bisher der Sozialstaat der Kitt, der das Land zusammenhielt. Dessen Integrationskraft sieht seinem Ende entgegen. Hält uns noch etwas darüber hinaus als Nation zusammen? Es ist die erfahrene, erlebte, bewusste und geteilte gemeinsame Geschichte, die die Nation als Schicksalsgemeinschaft konstituiert. Die Nation war auch in den letzten 200 Jahren die Form der kollektiven Gegenwart der Geschichte in einer an sich geschichtslosen modernen Gesellschaft. Die Nation ist die Weise, in der die Geschichte für ein Kollektiv gegenwärtig bleibt. Im Grunde ist sie damit etwas Irrationales – sie ist keine rational konstruierte Größe (was dann auch zu einer mythischen Verklärung führen kann). Auch das Christentum kennt einen „christlichen Universalismus“, der doch aber stets die Völker kennt und sie als solche schätzt – Paulus wird nicht zur Menschheit gesendet, sondern zu den Völkern. Dies begründet keinen völkischen Nationalismus, aber sieht die Völker als etwas was man anerkennen und respektieren muss. Jedes Volk hat das Recht ein eigenständiges Volk zu sein, das sich in seiner Vielfalt und Besonderheit pflegt und erhält. Die Vielfalt der Völker ist das Bauprinzip der Menschheit (Herder). Dem Abstrakten, Universalen muss das Konkrete und Besondere entgegen gestellt werden. Vollendung bedeutet gerade die Entfaltung des jeweilig individuell Besonderen und Typischen, zu dem eine Nation bei ihrem Gang durch die Geschichte geworden ist, bei dem sie – wie auch jeder Mensch - gleichermaßen Zweck wie Mittel ist.

Zusammengefasst aus: Rohrmoser, Günther: Die Unverzichtbarkeit der Nation. Wider die Geschichtsvergessenheit. Bietigheim 1994.

Kommentare:

Samuel Röhnstätter hat gesagt…

Notwendige Gedanken Rohrmosers in Anbetracht der zunehmenden Heterogenisierung unseres Volkes, gegen die leider nichts unternommen wird.

Joschka Fischer betrachtete den Nationalstaat in einem Spiegel Spezial namens "Die Deutschen - Wer wir wurden, wer wir sind" als überholt an in einer globalisierten Welt und forderte den Ausbau der EU.
So gehen Meinungen und Ansichten auseinander. Dass man Rohrmoser eher zustimmt, sollte logisch erscheinen.

Samuel Röhnstätter hat gesagt…

Aber ich frage mich, wem die allgemeine Bevölkerung eher zustimmt? Fischer, einem Taxifahrer, oder Rohrmoser, einem politischen Theoretiker?

KJunk hat gesagt…

Um mal Kühnelt-Leddhin aus dem Gedächtnis zu zitieren: In der Demokratie zählt die Stimme der 19jährigen Gelegenheitsprostituierten genausoviel wie die Stimme des 70jährigen Professors... Vermutlich wird sich erstmal Fischer durchsetzen. Man darf aber auf die Dauer auch das kritische Potenzial der kaum wahrgenommenen Theoretiker nicht unterschätzen, denn wenn mal deutlich wird, dass ihre Aussagen wichtig sind, dann gewinnen sie ganz schnell Einfluß. War ja auch bei den Linken so. Was fehlt, ist der Anlass, der Auslöser, dass vielen die Augen aufgehen. Bis dahin müssen wir Geduld haben und "bereit sein" eine Alternative zu bieten.

Samuel Röhnstätter hat gesagt…

Du hast Recht.
Die meisten Menschen merken erst, dass etwas richtig war, wenn das Falsche missglückte. Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Der Mensch scheint ein Bequemlichkeitsgeschöpf zu sein, dass nur den einfachen Dingen hinterher läuft. Die Themen, die man am leichtesten versteht bzw. verstehen will werden zuerst aufgegabelt. So auch die Verleumdung des Nationalstaates und der Nation an sich.

Sie werden sehen, wer letztenendes Recht hatte.