Samstag, 10. November 2007

Jean Guitton: Mein jüngstes Gericht I

Spätestens seit der Erscheinung des Werkes "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins wird die Gottesfrage wieder heiß diskutiert, z.B.: hier. Daher soll nun eine lose Folge von Beiträgen hier erscheinen, die sich mit dem Buch "Mein jüngstes Gericht. Der Philosoph und der Tod" von Jean Guitton befassen (Topos Taschenbücher 2001).
Das Buch zählt zu meinen großen Favoriten. Guitton erzählt eine nette, teils gewollt skurrile Handlung, die in der Hauptsache aus Gesprächen mit schon verstorbenen Personen besteht, denen Guitton unmittelbar vor oder kurz nach seinem Tod begegnet und die ihn auf ihre je verschiedene Weise danach fragen, wie er zu Gott steht. Der erste Teil des Buches behandelt in diesem Zusammenhang klassisch fundamentaltheologische Fragen: Warum ist es sinnvoll an einen Gott zu glauben? Warum ist es sinnvoll, an den christlichen Gott zu glauben? Warum ist es sinnvoll der römisch-katholischen Kirche anzugehören?

Ich bringe hier eine Zusammenfassugn der ersten Sequenz der Handlung des Buches, lade aber nochmal herzlich ein, das Buch selbst zu lesen. Es liest sich wirklich gut, ist unterhaltsam bedenkt tiefsinnig die Fragen, denen sich jeder Mensch zu stellen hat. Es beinhaltet viele Anspielungen auf Guitton selbst, auf seine Frömmigkeit, sein Leben, die hier wegfallen müssen, die aber auch sehr lesenswert sind.

Teil I. Mein Tod. Ein seltsamer Besucher.
In seiner Todesnacht erhält der Philosoph Jean Guitton seltsamen Besuch. Ein Mann im schwarzen Anzug und von etwa fünfzig Jahren erscheint. Guitton weiß, was dieser will – ihm seinen Glauben rauben. Es ist niemand anders als Luzifer selbst, der ihm einen letzten Besuch abstattet. Guitton aber sieht diesen Besuch als den Besuch eines Bundesgenossen, der ihm hilft, in der Auseinandersetzung zu wahren Ideen und wahren Überzeugungen zu kommen. Den Philosophen bewegt naheliegender Weise die Frage, was nach dem Tod kommt. Aber zu Guittons Glaubensüberzeugungen hat der Satan nun doch einige Rückfragen…
Des Teufels erster Einwand gegen den Glauben: Sprechen wir über Aufrichtigkeit. Als Sie die Wahrheit des Christentums erforschten, waren Sie schon Christ. Durch ihre Erziehung, Ihre Tradition und Ihre Gewohnheiten waren Sie dem Christentum schon zugetan. Sie wollten, dass es die Wahrheit ist. Wie können Sie vorgeben, objektiv gewesen zu sein? Sie haben nur Gründe gesucht, die Ihnen ermöglichen zu glauben; und Sie haben versucht, die Gründe zurückzuweisen, die sie zweifeln ließen. Sie haben eine a priori und ohne tieferen Grund gefasste Entscheidung rationalisiert.
Guittons Antwort: Dieser Einwand gilt für beide Seiten. Aber auch wenn man einem Gegenstand nicht indifferent gegenübersteht, bedeutet das nicht den Verlust der Objektivität. Denn der eigene innere Skeptiker verlangt ebenso Objektivität wie der äußere Gegner.
Des Teufels zweiter Einwand gegen den Glauben: Sie sind der Debatte ausgewichen. Der eigentliche Grund des Problems ist, dass Sie nicht zweifeln. Wie können sie aufrichtig sein, wenn Sie nicht zweifeln? ... Der Zweifel macht reinen Tisch. Auf diese entsteht die Freiheit des Geistes. Und diese Freiheit … schließt Ihren Glauben aus.
Guittons Antwort: Man muss zweifeln, aber man muss richtig zweifeln. Der wirklich universelle Zweifel beinhaltet auch den Zweifel am Zweifel selbst. Der wirklich kritische Geist schließt die Kritik der Kritik ein. Dieser Zweifel führt zu einer höheren Freiheit, die sich mit meinem Glauben verträgt. Durch die Aufgabe des Glaubens hingegen würde man die kritische Vernunft verraten.
Und der Besucher verschwand.

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