Sonntag, 29. Juli 2007

St.Augustinus - Zwei Gesinnungen

Ich möchte zunächst untersuchen, ob es vernünftig und klug ist, sicher der Weite und Größe eines Reiches zu rühmen, da man doch nicht nachweisen kann, daß Menschen glücklich sind, die stets in Kriegsnöten dahinleben und in Bürger- oder Feindesblut, auf jeden Fall Menschenblut waten, die in düsterer Furcht und blutgieriger Leidenschaft ihr Leben führen und sich Freuden verschaffen, die glänzend und brüchig sind wie Glas, um die man sich schrecklich ängstigen muss, sie könnten plötzlich zersplittern. Um dies leichter zu entscheiden, wollen wir ... uns einfach zwei Menschen vor Augen stellen. Ist doch jeder einzelne Mensch, ebenso wie der einzelne Buchstabe in der Rede, ein Grundbestandteil des Staats und Reiches, mag es sich auch noch so weit durch Eroberung ausgedehnt haben. Der eine der beiden also sei arm oder lebe in bescheidenen Verhältnissen, der andere sei schwerreich. Der Reiche aber werde von Furcht geängstigt, verschmachte in Kümmernissen, brenne vor Begierden, sei niemals sicher, immer unruhig, stöhne unter der Last ständiger Anfechtungen und Feindseligkeiten, aber in all diesem Elend vergrößere er sein Vermögen ins Ungemessene, häufe freilich zugleich ebensosehr bitterste Sorgen an. Der in bescheidenen Umständen Lebende lasse sich dagegen an seinem kleinen, beschränktem Vermögen genügen, sei seinen Angehörigen lieb, leben mit Bekannten, Nachbarn und Freunden in erfreulichster Eintracht, sei fromm, wohlwollend, gesund, mäßig in seiner Lebensführung, keusch in seinem Wandel, ruhig im Gewissen. Ich kann mir nicht denken, daß jemand so töricht wäre zu zweifeln, wem er den Vorzug geben soll. Was von diesen beiden Menschen gilt, gilt auch von zwei Familien udn ebenso von zwei Völkern und zwei Reichen, und wenden wir diese Regel mit Bedacht an und lassen durch sie unsere Anschauung berichtigen, so werden wir mühelos erkennen, wo Eitelkeit und wo das Glück zu Hause ist. Darum, wenn der wahre Gott verehrt wird und man ihm durch rechten Gottesdienst und gute Sitten huldigt, ist es heilsam, daß solche guten Menschen weit und breit und lange herrschen, ist es nicht nur für sie selbst, sondern erst recht für diejenigen heilsam, über die sie herrschen, über die sie herrschen. Denn was sie selbst betrifft, sind ihnen Frömmigkeit und Redlichkeit, diese großen Gottesgaben, schon zum wahren Glücke ausreichend, in dessen Besitz sie ihr Erdenleben gut hinbringen und hernach das ewige Leben erlangen. In dieser Weltzeit aber ist die Herrschaft der Guten nicht so sehr für diese selbst als für die menschlichen Verhältnisse von Wert. Die Herrschaft der Bösen jedoch schadet mehr den Machthabern selber, da sie durch die größere Freiheit, Verbrechen zu begehen, ihre Seelen verwüsten, während denen, die ihnen dienen und untertan sind, nur ihre eigene Schlechtigkeit schadet. Denn das Übel, das den Gerechten von gottlosen Herren zugefügt wird, ist nicht Strafe für Vergehen, sondern Tugendprobe. So ist denn der gute Mensch frei, auch wenn er dient, der böse ein Knecht, auch wenn er herrscht, und zwar Knecht nicht eines einzelnen Menschen, sondern, was schlimmer ist, so vieler Herren, wie er Laster hat.
Aurelius Augustin: Der Gottesstaat, IV 3. In der Übersetzung von H.U. v. Balthasar