Samstag, 25. August 2007

Johannes Dyba: Christliches Abendland und moderne Gesellschaft aus theologischer Sicht


Im Rahmen des 12. Sinclair-Haus-Gesprächs vom 23./24. April 1999 hielt Erzbischof Dr.Johannes Dyba (Bischof von Fulda) die folgende Rede:

Christliches Abendland und moderne Gesellschaft aus theologischer Sicht

Die Präambel unseres Grundgesetzes beginnt mit den Worten: "Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen". In der Tat: Unser Schöpfungs- und Weltverständnis, unser Menschenbild und unsere Wertauffassungen sind in so entscheidender Weise vom Christentum geprägt worden, daß eine Verständigung über zentrale Verfassungs- und Rechtsprinzipien auch heute nur dann möglich ist, wenn die christlichen Wurzeln solcher Prinzipien und Elemente unserer gesellschaftlichen Struktur mit einbezogen werden. Das läßt sich geschichtlich eindeutig nachweisen, wenn hier auch nicht der Raum für einen solchen Exkurs gegeben ist. Die abendländische Ethik, auf der wir aufbauen, ist christliche Ethik. Man kann darüber hinaus wohl sogar sagen, daß alle Kulturen der Menschheitsgeschichte das Fundament ihrer geistlichen Kraft und ihrer inneren Bindung in religiösen Vorstellungen fanden, die ihr irdisches Wirken in der Transzendenz verankerten. Auf der anderen Seite hat es der Atheismus bisher noch nie und nirgendwo vermocht, einen geistigen, sittlichen und gesellschaftlichen Grundkonsens entstehen zu lassen
Nun wäre es aber gar nicht mehr so sicher, daß ein Parlamentarischer Rat, der heute eine Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland zu entwerfen hätte, das Grundgesetz noch expressis verbis in Gott verankern würde. Damit kommen wir zu der Frage, ob die moderne Gesellschaft sich aus dem christlichen Abendland nicht bereits zunehmend verabschiedet hat. Wir werfen hier einen Blick auf das Ergebnis eines langen Prozesses, den man als "Emanzipation" bezeichnet und der sich auf verschiedenen Ebenen abgespielt hat. Es ist ein Prozeß, der in einem immer größeren Autonomiestreben des Menschen zum Ausdruck kam. Der Befreiung aus feudalen Strukturen folgte auf den zunehmenden Wunsch, sich aus geistig-ethischen Bindungen zu lösen, letztlich eine tiefgreifende Abkehr vom Göttlichen und Transzendenten überhaupt. Diese Abkehr, die sich zuerst im Bereich der Philosophie vollzog, ging in der Folge mit einer rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der demokratisch-freiheitlichen Bewegung Hand in Hand. Diese Erkenntnisse und zunehmende Verfügungsgewalt über Natur und Kosmos, sowie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung haben jene Gesellschaft hervorgebracht, die man als säkularisiert und permissiv bezeichnet – säkularisiert deshalb, weil sie zur Erklärung der Welt nichts anderes benötigt als eben die Welt, und permissiv, weil sie für das Handeln keine andere Instanz zuständig sein läßt als die Subjektivität des Einzelnen. Ich habe diesen geschichtlichen Prozeß nur kurz und summarisch skizziert, weil es uns heute vor allem darauf ankommt, uns über seine Folgen klarzuwerden.
Welche sind nun die heute erkennbaren Folgen der Säkularisierung? Wo der Bezug zur Transzendenz verloren geht, wo – bildlich gesprochen – der Himmel geschlossen wird, wird es auf der Erde sehr eng, zumal für Menschen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht vergessen können. Wo der Weg durch die Religion zu Gott blockiert ist, suchen die Menschen immer wieder Auswege. Das zeigt uns die geschichtliche Erfahrung. Ein erster Ausweg ist nun der, daß sich politische Systeme als Ersatzreligionen anbieten. Denken wir an die Altäre und Göttinnen der französischen Revolution, an die feierlichen Rituale des Dritten Reiches, an die Jugendweihe in den kommunistischen Ländern. Ein zweiter Ausweg aus dem Verlust der Transzendenz und aus der säkularisierten Langeweile ist die Flucht in weltverbesserische Sozialutopien. Denken wir an die vielen Versuche, neue, revolutionäre, befreite Gesellschaften zu schaffen, in denen vollkommene Strukturen an die Stelle der unvollkommenen Menschen treten sollen. Dagegen beweist die Erfahrung mit unzähligen blutigen Revolutionen und politischen Strukturreformen in aller Welt, daß sich durch die Änderung der Etiketten praktisch gar nichts verändert, wenn sich die Menschen nicht verändern. Hier könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch sagen:
"Der Ort ist gut, die Fahne neu, der alte Lump ist auch dabei."
Erst Menschen mit einem neuen Ethos können in Sachen Gerechtigkeit und Frieden etwas zum Besseren wenden, und selbst das nie endgültig und unverlierbar.
Eine der ganz großen Utopien, der die Menschheit im letzten Jahrhundert verfallen ist, und die sich erst in unseren Tagen als eine solche erweist, ist der säkularisierte Fortschrittsglaube. Er beinhaltet zwei Zielrichtungen: Die weitausgreifende Expansion in den Naturwissenschaften und der Technologie bei gleichzeitigem als Befreiung empfundenem Abbau der alten ethischen Maßstäbe und moralischen Gesetze. So können wir in den von uns gelebten Jahrzehnten enorme wissenschaftliche Fortschritte und technische Errungenschaften einerseits und eine verkümmerte Ethosbildung, ja eine geradezu verstümmelte sittliche Gewissens- und Konsensbildung andererseits, konstatieren.
Daß aber ein sittliches Defizit nicht belanglos oder etwa nur für die Theologen bedeutsam ist, möchte ich Ihnen an einem ganz praktischen Beispiel aus dem Alltag aufzeigen. Vor 40 Jahren dauerte ein Flug von Frankfurt nach London an sich länger als heute. Wir haben heute schnellere Maschinen, ferngesteuerte Landehilfen, Reservierungscomputer, elektronisch gesteuerte Gepäckbeförderung. Wir haben die Sache also enorm modernisiert. Trotzdem dauert die Flugreise von Frankfurt nach London heute genauso lange wie vor 40 Jahren, weil nämlich der Konsens dafür verlorengegangen ist, daß der Luftreiseverkehr tabu ist, daß man Flugzeuge nicht entführt oder in die Luft sprengt und Passagiere nicht als Geiseln nimmt. Dieser eine Konsensverlust allein kostet Milliarden von Stunden, verlorene Stunden für Passagiere und Besatzungen, und Unsummen an Sicherheitsvorkehrungen aller Art. So kann der Verlust beim sittlichen Standard den Gewinn beim technischen Standard sozial gesehen völlig auffressen. Wie gesagt, ein eher noch bescheidenes Beispiel, wenn wir an die Bedrohung aus anderen Bereichen denken, wo heute bereits weithin nach dem Motto texanischer Cowboys operiert wird: "Shoot first, ask questions later."
Wie hatte der Aufbruch in das gelobte Zeitalter von Freiheit und Fortschritt doch angefangen! Lassen sie mich eine bedeutende Stimme aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zitieren, als sozusagen der Endspurt begann. Die ersten großen Erfindungen waren gemacht, man sah das neue Zeitalter. Da schrieb kein geringerer als Victor Hugo: "Das 19. Jahrhundert ist groß, aber das 20. Jahrhundert wird glücklich sein. Nichts wird dann unserer alten Zeit noch gleichen. Es wird keine Angst mehr geben wie in unseren Tagen, keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr zwischen den Völkern, keine Eroberungskriege, keine Invasionen, keine Überfälle." Es wird keine Angst mehr geben! Ja, um diese Zeit sagte Bismarck noch: "Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt." Heute fürchten wir zwar nicht mehr Gott, aber sonst so ziemlich alles auf der Welt. Atom, Hormon, Ozon lassen grüßen!
Dieser Zerfall eines gemeinsamen Grundkonsenses wird ja heute besonders deutlich, so deutlich, daß ich glaube, wir stehen heute eher am Ende des sogenannten modernen Bewußtseins, nämlich jener optimistischen Schau, die meinte, alles sei machbar, Wissenschaft und Technik hätten die Zauberformel gefunden, mit der wir die Zukunft des Menschen und der Welt gewinnen könnten. Das hat sich einfach als Trug entlarvt. Aber eben sehr spät. Wir haben Raubbau nicht nur an der Natur getrieben, sondern auch an den Schätzen unseres geistigen Erbes. Wir haben allzu achtlos Grenzen überschritten und finden uns nun heimatlos in einem Niemandsland wieder, in dem auch niemand Verantwortung übernehmen kann oder will. Sie alle kennen den berühmten Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde, daß der heutige freiheitliche und säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Es ist ja ein gutes Zeichen, daß er heute schon so oft zitiert wird. Aber ich glaube, dem muß man heute einen Satz hinzufügen. Wenn wir schon die Voraussetzungen unseres freiheitlichen Zusammenlebens nicht selbst garantieren, nicht selbst schaffen können, sollten wir sie aber doch wenigstens nicht selbst abschaffen.
Es gibt aber viele Anzeichen dafür. Ich sehe heute in unserer Gesellschaft gewaltige zentrifugale Kräfte, die die Menschen aus der Mitte, aus der Geborgenheit und Sicherheit gemeinsamer Überzeugungen und gemeinsamen Handelns in gestalteten Gemeinschaften an die Peripherie vereinzelten amorphen Daseins in der Masse schleudern. Massenmedien, Unterhaltungselektronik bis ins Internet – der Mensch wird heute mit Informationen und Reizen überschüttet – aber Werte oder gültige Antworten findet er da nicht. Nach dem Credo der modernen Gesellschaft besteht doch der Wert des Lebens darin, daß es erfolgreich ist und daß es Spaß macht. "Fit for fun." Wenn aber diese Lebensart – die Neil Postman mit seinem Buchtitel, "Wir amüsieren uns zu Tode", so treffend markiert hat – wenn diese moderne Lebensauffassung sich weiter ausbreitet wie ein Flächenbrand, dann werden die für das Schicksal eines Menschen so entscheidenden Dinge wie die Annahme von Kreuz und Leid, Krankheit, Schmerz, Alter, Schwäche, Behinderung, aber auch Treue und Gehorsam, Opferbereitschaft, Selbstbeherrschung, Ehrlichkeit auch im Verborgenen zu barem Unsinn. "Der Ehrliche ist der Dumme", ist dann ja auch der Titel eines weiteren Bestsellers unserer Tage.
Ich glaube, wir müssen einmal ganz klar die Grenzen aufzeigen. Wir können aus dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt unseres modernen Zeitalters sehr viel Nützliches, Angenehmes und unser irdisches Leben Erleichterndes empfangen. Auf die Sinnfrage kann uns der wertfreie Fortschritt aber überhaupt keine Antwort geben. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens finde ich nur in meinem Glauben, im Glauben an Gott, der mich ins Dasein gerufen hat, damit ich als sein Ebenbild an seinem göttlichen Leben teilhabe.
Und das ist der Dienst, den die Kirche den Menschen der modernen Gesellschaft leisten kann und leisten muß: Ihnen die Offenbarungen Gottes im Glauben zugänglich zu machen, sie in das Abenteuer des Glaubens zu locken. Und da sollte sich heute die Kirche selbst zu allererst auf das Wort ihres Gründers besinnen: Suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben werden. Nur die Kirche kann Gottesdienste feiern – pädagogisierende Bildungsveranstaltungen können alle anderen auch abhalten. Nur die Kirche kann uns in die sakramentale Begegnung mit dem lebendigen Gott führen – diskutieren können wir auf allen Marktplätzen der Welt. Nur die Kirche kann uns doch heute noch zeigen, daß Erbarmen zum Menschsein gehört. Und deshalb sollte sich die Kirche auf ihr einzigartiges Proprium besinnen – die Kirche kann uns nicht die bessere Gesellschaft bescheren – aber bessere Christen könnte sie uns bescheren und bei gläubigen Christen, die ihren Glauben auch wirklich leben, wäre auch die Gesellschaft in besten Händen.

zitiert nach: http://www.die-union.de/

Freitag, 24. August 2007

Armin Mohler: Der Konservative vor der Geschichte

Im Folgenden eine Zusammenfassung einer Erörterung Armin Mohlers von 1975 zum Verhältnis des Konservativen zur Geschichte.

Der Konservative vor der Geschichte

Der Konservative hat ein besonderes Verhältnis zur Geschichte. Allerdings nicht so, wie es sich viele vorstellen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um Nostalgie – das sich zurückträumen in frühere Epochen, vielleicht, weil man mit der Gegenwart nicht zurecht kommt. Nostalgie gibt es unter Konservativen, wie unter Nicht-Konservativen, konstitutiv für den Konservatismus ist sie nicht.
Sich der Geschichte zuwenden, wie der Konservatismus es tut, heißt vielmehr, sich selbst anders wahrzunehmen, nämlich in den Bezügen, in den man steht und sich in vielfältigen Blickwinkeln zu betrachten. So gewinnt man auch in einen gewisser Weise Abstand von sich. Aus der Geschichte zu lernen erscheint dabei jedoch schwierig – die Fehler wiederholen sich, die Nacheiferer der Vorbilder sind spärlich.
Der Geschichte kommt auch vielmehr eine andere Funktion zu, nämlich die, die in den Naturwissenschaften das Experiment hat. Sie erlaubt verifizierbare Aussagen zu machen. Man kann sagen, was sich in der menschlichen Welt ereignet hat, was es geworden ist und was sich dabei verändert hat.
Dabei macht der konservative Geschichtsbetrachter die Erfahrung, dass es so einfach mit der Geschichte nicht ist. Die Welt „geht nicht auf“, Erklärungsmuster erfassen sie nie völlig. Der Charakter der Wirklichkeit ist zu komplex. Diese Komplexität – bisweilen Sinnlosigkeit genannt – muss aber nicht niederschmettern, sie kann der Ausgangspunkt von etwas neuem sein, nämlich dem Drang, dem Komplexen, um nicht zu sagen dem Chaos, eine Form entgegen zu halten. Diesen Drang des Menschen findet der Konservative im Blick auf die Geschichte immer wieder und so hinterlässt er seine Spur in ihr. Mohler endet: „Der Aufklärer wird sagen: viel ist das nicht. Die Antwort des Konservativen kann nur sein: aber es ist.“

Mohler, Armin: Tendenzwende für Fortgeschrittene. Criticon-Bücherei 1.München 1978, S.83-85.

Mittwoch, 22. August 2007

Carl Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form

Carl Schmitt (1888-1985) war deutscher Staatsrechtler und politischer Philosoph. In der Schrift, die hier zusammengefasst wird, befasst sich Schmitt mit den Grundlagen polititschen Denkens und besonders politischer Autorität angesichts des ihm (schon) zur Zeit der Abfassung, 1923, vor Augen stehenden ökonomisch-technisch dominierten Zeitalters.

Katholizismus und politische Form

Der antirömische Affekt hat über Jahrhundert europäischer Geschichte ein großes Aufgebot religiöser und polititscher Energie hervorgerufen, vom frommen Protestanten über Bismarck bis Dostojewski. Maßgebend ist stets die Angst vor der unfassbaren politischen Macht des römischen Katholizismus, der aber immer mehr als Opportunismus wahrgenommen wird. Mit jedem Wechsel der politischen Situation seit dem 19.Jahrhundert habe die katholische Kirche anscheinend alle Prinzipien gewechselt, außer dem einen – der eigenen Macht.
Aber unter dem Gesichtspunkt einer Weltanschauung werden alle politischen Formen und Möglichkeiten zum bloßen Werkzeug der zu realisierenden Idee, das gilt nicht nur für den Katholizismus, sondern auch für Nationalismus oder Sozialismus. Hinzu kommt die Universalität der katholischen Kirche, die sich mit einer großen Menge an Anschauungen und Eigenarten, ja Nebensächlichkeiten beschäftigen muss. Dieser Universalismus bedroht nicht notwendigerweise nationale Würde und Selbstbewusstsein, wie Spanier, Iren und Polen zeigen.
Die römische Kirche ist eine complexio oppositorum aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie, Widerstand und Nachgiebigkeit, Hochmut und Demut, Altem und Neuem Testament, Transzendenz und Immanenz, Heiligem Vater und Mutter Kirche. So verbindet der Katholizismus auch die widerstrebenden Kräfte im Menschen, der weder als von Natur aus Böse, noch von Natur aus Gut gesehen wird, sondern durch eine geschwächte Güte gekennzeichnet ist. Und doch kulminierte diese unendliche Vieldeutigkeit in der päpstlichen Unfehlbarkeit. Das Wesen dieser Vereinigung von Gegensätzen liegt in einer spezifischen Überlegenheit über die Materie des menschlichen Lebens. Hier ist in der Kirche eine substantielle Gestaltung der historischen, sozialen und konkreten Wirklichkeit gelungen. DSie beruht auf der strengen Durchführung des Prinzips der Repräsentation. Das lässt sich am Gegensatz zum heute herrschenden ökonomisch-technischen Denken sehr deutlich machen.
In der Gegenwart herrscht ein radikaler Dualismus. Er basiert auf dem Naturbegriff, der auf der durch Technik und Industrie veränderten Erde seine Realisierung gefunden hat, nämlich als Antithese zu eben jener Technik und Industrie. Es ergibt sich ein Gegenüber der rationalistisch-durchtechnisierten Welt menschlicher Arbeit und romantisch-unberührter Natur. Diese Zerspaltung ist dem römisch-katholischen Naturbegriff fremd. Menschliche Arbeit und organisches Wachstum, Natur und Ratio sind Eins. Insofern ist es ein zweifelhaftes Lob für die Kirche, wenn sie als Gegenpol des mechanistischen Zeitalters gepriesen wird. Das würde sie zu einem hygienischen Institut für die Leiden des Konkurrenzkampfes, zu einem Sonntagsausflug des Großstädters machen – zu einem erwünschten Komplement des Kapitalismus also. Darin liegt aber nicht ihr Wesen. Dieses Wesen kann nur ergründet werden, wenn man die tiefsitzende Identifikation von Rationalismus und naturwissenschaftlichem Denken aufgibt. Die katholische Denkweise liegt vielmehr eine besondere, an der normativen Leitung des sozialen menschlichen Lebens interessierte, sich spezifisch juristischer zeigende Logik zugrunde. Besonders deutlich zeigt sich der Gegenpol zur kirchlichen Denkweise im ökonomischen Denken, das Sozialismus und Kapitalismus gleichermaßen beherrscht. Das, was das ökonomische Denken als seine Ehrlichkeit, seine Sachlichkeit und seine Rationalität empfindet, widerspricht der politischen Idee des Katholizismus. Der Rationalismus der katholischen Kirche erfasst moralisch die psychologische und soziologische Natur des Menschen und betrifft nicht, wie Industrie und Technik, die Beherrschung der Materie. Dieser katholische Rationalismus liegt im Institutionellen und ist wesentlich juristisch. In ihm ist das Amt unabhängig vom Charisma, abstrahiert völlig von Träger selbst, geht aber dennoch in ununterbrochener Reihe auf die Person Christi zurück. Man sieht die rationale Schöpferkraft und die Humanität des Katholizismus, sie gibt der menschlichen Seele Richtung, ohne ihr Dunkel ans Licht zu zerren.
Das beängstigende der hoch rationalen Manipulation durch Mechanismen und Produktion besteht jedoch besonders darin, dass er nur dem Konsum verpflichtet ist, und dieser ist als solcher völlig beliebig und irrational. Dieser Umstand gibt aus Gründen der Rationalität zu denken. Wie rational ist eine Rationalität, die nicht nach der Rationalität des Zwecks fragt dem sie sich zur Verfügung stellt?
Ökonomisches Denken bleibt streng bei den Dingen, was sie als Grundlage für die Politik aber untauglich macht, denn zur Politik gehört die Idee, die über bloße Technik (der Machtbehauptung) hinausgeht. Das hat seinen Grund darin, dass es keine Politik ohne Autorität gibt und Autorität ein Ethos der Überzeugung voraussetzt. Auch wer Politik ganz auf ökonomische Sacherwägungen gründen will, muss ein darüber hinausgehendes Ziel verfolgen – aber er muss seine Politik, also die Verfolgung dieses Zieles, auf ökonomische Macht gründen. Kirchliche Autorität jedoch gründet nicht auf Ökonomie oder Rohstoffen. Vielmehr liegt sie in der Repräsenatation der civitas humana und stellt den geschichtlichen Zusammenhang mit dem Kreuzesopfer Christi dar, sie repräsentiert Christus selbst, den menschgewordenen Gott. Darin liegt ihre Überlegenheit gegenüber rein ökonomischen Denken. Dieses kennt keine Repräsentation, es kennt nur technische Präzision, die die Dinge selbst verlangt und voraussetzt. So kommt es dazu, dass die Ideen Reflex der ökonomischen Verhältnisse sein sollen oder die Religion eine Projektion angesichts immanenter Verhältnisse. Dem steht die Repräsentation entgegen. Repräsentation setzt eine repräsentierende Person voraus und etwas was repräsentiert werden kann (Gott, Volk, Freiheit usw). Der Repräsentant eines hohen Wertes verfügt als solcher über hohe Autorität und setzt auch einen Wert des Adressaten der Repräsentation voraus. Es entsteht eine Hierarchie der Werte und ihre Humanität. In einer so strukturierten Welt lebt die politische Idee des Katholizismus und seine Kraft zur dreifach großen Form: zur ästhetischen Form des Künstlerischen, zur juridischen Rechtsform und endlich zu dem ruhmvollen Glanz einer weltgeschichtlichen Machtform.
Im Zeitalter der Industrietechnik fällt das schöne Außere zuerst auf, obgleich es dem natürlichen Wachstum nach doch eigentlich das letzte ist. Doch das ökonomische Zeitalter sieht in ihr Dekoration und nicht Repräsentation, die aber – gerade auch im kirchlichen Rahmen – ihre Form bestimmt.
Die katholische Kirche wird sich nicht mit dem vorherrschenden kapitalistischen Industrialismus verbinden. Erst wenn die ökonomische Macht politisch geworden ist, also den Staat repräsentiert, wird sich die Kirche mit ihr verbinden. Die Kirche will und bedarf des Staates als einer zweiten societas perfecta, mit dem sie in besonderer Weise verbunden ist. Ein Staat, der durch die hinter den Kulissen ausgeübte Macht des Kapitals auf rein ökonomische Zusammenhänge fixiert und so völlig unpolitisch geworden ist, taugt dafür nicht.
Im staatlichen System ist die Einrichtung des Parlamentes grundsätzlich aber repräsentativ gedacht. Das Parlament repräsentiert das Volk, ist aber – während seiner Amtszeit - nicht an dieses gebunden, es verfügt über seine Autorität als Repräsentant, ist aber nicht Exponent des Volkes. Das technische Denken erkennt aber weder Autorität noch Tradition an, es ist allen sozialen Traditionen fremd, die Maschine ist traditionslos. Daher ist es ein revolutionäres Denken, das allerdings in seiner Verbindung mit dem Ökonomischen, vor allem durch privatrechtliche Minima, die dieser nötig hat, nicht vollkommen radikal sein kann. Das ökonomische Denken sieht alles übers privatrechtliche Hinausgehende aus dem Privaten reguliert – das öffentliche Leben wird privatisiert, als erstes ihr Fundament, die Religion. So vollzieht sich eine Heiligung des Privaten, besonders des Privateigentums. Die juristische Formierung der katholischen Kirche geht hingegen über das Privatrechtliche hinaus, sie gehört zu ihrem repräsentativen Wesen und macht es möglich, das Religiöse juristisch zu fassen. So umfasst sie, wie die weltliche Jurisprudenz, die Idee der Gerechtigkeit, aber auch die Idee Christi. Daraus bezieht das kirchliche Recht seine Macht und Ehre.
Auch der Anspruch der Kirche selbst auf Ruhm und Ehre beruht auf dem Gedanken der Repräsentation, der repraesentatio christi, die Christus nicht Privatsache im Raum der Innerlichkeit sein lässt, sondern zu einer sichbaren Institution gestaltet. Natürlich liegt in jeder Macht die Versuchung zum Bösen, die Oppostion von Macht und Güte ist nur in Gott restlos aufgehoben, doch wäre eine Aufhebung irdischer Macht die schlimmste Unmenschlichkeit überhaupt. Geht man allerdings nach rein ökonomischen und technischen Erwägungen, so bedarf der Mensche keiner Regierung, Macht gehöre abgeschafft, mit ihr Religion und Politik, Theologie und Jurisprudenz. Gottesglaube erscheint so – wie bei Bakunin – als metaphysischer Zentralismus und Ursache allen Übels, mit ihm fallen auch die traditionelle westeuropäische Tradition und ihre Bildung. Auch wenn in der Ablehnung der westeuropäischen Bildung viel christliches liegen kann, wenn der Liberalismus ein größerer Feind sein kann als der atheistische Sozialismus und in der Formlosigkeit neue Kraft liegen kann, so scheint die Seite der Kirche doch die der westeuropäischen Zivilisation zu sein, die dem katholischen Begriff der Humanität eher entspricht, als das anarchische, ökonomisch-technische Denken.

Carl Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form. Neuausgabe der 2.Auflage (1925). Stuttgart 1984.