Dienstag, 30. Oktober 2007

Zum Reformationstag: Die wahre Kirche

Die folgenden Gedanken sind eine Zusammenfassung weiter Passagen aus einem Vortrag von Leo Kardinal Scheffczyk, der unter dem Titel: "Die wahre Kirche. Zur Motivation der Konversion J.H.Newmans" in Ökumene. Der steile Weg der Wahrheit. Siegburg 2004, S. 325-336 abgedruckt ist.

Die wahre Kirche – Zur Motivation der Konversion J.H.Newmans

Der tiefste Impuls, der John Herny Newmans Lebensweg bestimmte war nicht nur das Streben nach der einen gültigen Wahrheit, wie es einem Philosophen anstünde; er bestand auch nicht im Streben nach persönlicher religiöser Erfüllung, wie sie jedem frommen Menschen zu eigen ist: Er bestand vielmehr in der Suche und in der Sehnsucht nach der wahren Kirche; denn Newman erkannte immer deutlicher, was ihm schließlich zur innersten Überzeugung wurde: Alle anderen geistigen Güter und Werte sind nur zu gewinnen, wenn es die alles umfassende Wirklichkeit und den alles tragenden Wert der Kirche gibt. So wurde Newmans Lebensweg zur Geschichte einer Seele, die sich von der geistigen Macht der Kirchen angezogen fühlte und auf manchen verschlungenen Wegen zur Einheit mit der Kirche gelangte. In ihm erfüllte sich das Wort des Origines vom Menschen als einer animia ecclesiastica (kirchlichen Existenz).
Wie bekannt ist, erwachten in Newman im Alter von etwa 15 Jahren zwei wichtige Erkenntnisse: Die Erkenntnis von der Notwendigkeit und Tatsächlichkeit feststehender Wahrheit und der Ruf und die Verpflichtung zu einem ehelosen Leben. Newman drängt es nach einer Ganzheit und Totalität der Wahrheit, deren Fehlen ihm schmerzlich bewusst war. Er war in seinem damaligen (anglikanischen) Umfeld von einer Theologie umgeben, die grundlegend ethisch ausgerichtet war und auf individualistischer Erlebnisfrömmigkeit und eigenpersönlicher Bibelauslegung beruhte. Die objektive, hierarchische, von einem Christusamt geleitete Kirche war und blieb Newman zunächst fremd.
Als erstes bewegte sich der suchende Newman dann auch auf die Kirche zu, der er angehörte, der anglikanischen Kirche. Newman verfügte über einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn, ein großes historisches Interesse an den Kirchenvätern und die Überzeugung, dass der Kampf gegen Liberalismus und Relativismus nur in Verbindung mit einer gefestigten, geeinten Kirche bestanden werden kann. Newman wollte dazu eine Reform der Kirche aus ihren Quellen und ihrer Ursprungszeit. Im Zuge seiner Beschäftigung mit den Kirchenvätern nahm er auch die Realität der römisch-katholischen Kirche immer mehr zur Kenntnis, anfangs, ohne ihr besondere Wertschätzung entgegen zu bringen. Die anglikanische Kirche erschien ihm zunächst der zu erstrebende Mittelweg zwischen „Romanismus“ und „vulgärem Protestantimus“. Je mehr sich Newman allerdings mit dem apostolischen Prinzip und der Tradition beschäftigte, desto mehr erkannte er, dass die geschichtlichen Änderungen der römischen Kirche keine Verirrungen und kein Abfall vom Ursprung waren, sondern organische Entwicklungen der fundamentalen Wahrheit. Immer intensiver suchte er das, was er später die „Tiefe und Macht in der katholischen Religion, eine Fülle der Befriedigung in ihrem Bekenntnis, ihrer Theologie, ihren Riten, ihren Sakramenten, ihrer Disziplin“ nannte. Diese erschien ihm als „Freiheit und Stütze zugleich“. Es war die Sehnsucht nach dem Leben aus der katholischen Fülle.
Newman erlebte seine Konversion zur katholischen Kirche als zutiefst erfüllend und beglückend. Er schreibt zu seiner Konversion: „Ich habe in vollkommenem Frieden und in ungestörter Ruhe gelebt, ohne je von einem einzigen Zweifel heimgesucht zu werden.“ Newman wandte sich nun der Aufgabe zu, aus der Fülle der in der Kirche gewonnen Wahrheit zu schöpfen und die Kirche wieder zu einem Leben aus dieser Fülle anzuregen. Nur eine lebendige und gefestigte Kirche schien Newman in der Lage zu sein, dem entscheidenden Kampf gegen den Liberalismus zu gewinnen: „Es gibt keine andere Möglichkeit als Katholizismus oder Unglaube“. Auch wenn Newman zeitweise an der Kirche litt, blieb seine Überzeugung stets bestehen, dass man an der Kirche selbst nicht zweifeln kann. Newman wusste stets zwischen der übernatürlich-mystischen Wirklichkeit der Kirche und ihren äußeren menschlichen Gestalten zu unterscheiden. Die innere Herrlichkeit der Kirche, so wusste er, konnte nicht durch die irdische Gestalt der Kirche eingefasst werden. Seine Sehnsucht ging über diese irdische Wirklichkeit hinaus. Sein wirkliches Format als Kirchenmann bewies er darin, dass er dennoch nicht nachließ, das Ideal innerhalb der irdischen Schwächen und Grenzen der Kirche zu verwirklichen.

Sonntag, 28. Oktober 2007

Gebete der Hingabe

Hier möchte ich einige Hingabegebete aufnehmen. Mich beeindrucken diese Gebet immer wieder durch ihre geistige Tiefe und ihre Schlichtheit.
Wenn ich noch weitere Gebete dieser Art finde, werde ich sie in diesen Beitrag aufnehmen.

Zuerst einmal die Klassiker:


Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.

(Nikolaus von Flue)
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Seele Christi, heilige mich.
Leib Christi, rette mich.
Blut Christi, berausche mich.
Wasser der Seite Christi, wasche mich.
Leiden Christi, stärke mich.
Gütiger Jesus, erhöre mich!
In deinen Wunden berge mich.
Von Dir laß nimmer scheiden mich.
Vor dem bösen Feind verteidige mich.
In meiner Todesstunde rufe mich und heiße zu dir willkommen mich.
Mit Deinen Heiligen zu loben Dich. In Deinen Ewigkeiten ewiglich. Amen.

(Ignatius von Loyola)
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Freitag, 26. Oktober 2007

John Henry Newman: Savonarola und Philipp Neri

Folgende Passage findet sich in der Verschriftlichung eines Vortrags, den John Henry Cardinal Newman (dessen Seligsprechungsprozess dem Vernehmen zur Folge vor dem Beginn stehen soll - endlich!) in 'seinem' Oratorianerjaus in Birmingham gehalten hat. Er vergleicht darin den Hl.Philipp mit dem Dominikaner Savonarola, der in Philipps Heimatstadt wirkte und zwanzig Jahre vor Philipps Geburt dort hingerichtet wurde. Trotz seiner zum Teil nicht der Kirche gehorsamen Ansichten kann man in Savonarola einen großen und ernsten Bußprediger erkennen. Der Hl.Philipp betrachtete ihn zeitlebens mit Sympathie.
Vielleicht mag dieser kleine Beitrag den einen oder anderen auch zu weiterer Beschäftigung mit dem Heiligen Philipp Neri anregen.

Florenz hatte also seinen Apostel [Fra Savonarola] -wir haben seinen Anfang und seine Ende betrachtet. Ein eifriger, ein heroischer Mann, der jedoch, soweit wir urteilen können, die Stufe der Heiligkeit nicht erreichte. Nicht durch die Begeisterung der Menge oder politische Gewalt, nicht durch machtvolles Reden und Schmähen der Obrigkeit werden religiöse Werke grundgelegt. Nicht durch plötzliche Volkstümlichkeit, durch kühne Entschlüsse und Kundgebungen oder romantische Zufälle und unmittelbare Erfolge beginnen Unternehmungen, die von Dauer sein sollen. Ich sage nicht, dass es ein geringer Gewinn ist, selbst nur für einen Augenblick aufgerüttelt zu werden aus dem Traum der Sünde, zu bereuen und Lossprechung zu erlangen, selbst wenn ein Rückfall erfolgt, oder dass der glänzende aber kurze Sieg Savonarolas nicht zu schätzen sei. Er war zu seiner Zeit von Nutzen, obschon seine Zeit eine kurze war. Doch schließlich erinnert seine Geschichte an die Stelle der Heiligen Schrift, wo der Allmächtige dem Elias seine Gegenwart auf dem Berg Horeb kundtat: "Der Herr war nicht im Wind", noch im "Erdbeben", noch im "Feuer", sondern nach dem Feuer kam,"das Säuseln einer milden Luft".
So war es mit dem Herrn der Gnade selbst, als er auf die Erde kam; so mit seinen erwählten Dienern nach ihm. Er wuchs auf in Schweigen und Verborgenheit, unbeachtet von der Welt; und dann triumphierte er. Er war das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird, und während der Mensch "schläft und aufsteht, geht es auf und wächst Tag und Nacht, und er weiß es nicht". Er war das Senfkorn, "welches das kleinste ist unter allen Samenkörnern; wenn es aber aufgegangen ist, wird es ein Baum und breitet große Äste aus, so daß die Vögel des Himmels kommen, um unter seinem Schatten zu wohnen." Er wuchs heran, "wie eine zarte Pflanze und wie eine Wurzel aus dürrem Land"; "sein Antlitz war gleichsam verborgen und verächtlich; weshalb wir seiner nicht achteten". Und als er zu predigen anfing stritt er nicht, noch schrie er, noch brach er das geknickte Rohr oder zertrat den glimmenden Docht"; und so "sandte er aus Gerechtigkeit und Sieg". Also war es im Anfang, so war es seither immer. Nach dem Sturm, dem Erdbeben und Feuer das ruhige Säuseln der duftenden Luft: Nach Savonarola Philipp.

aus: John Henry Kardinal Newman: Sankt Philippus Neri. Zwei Vorträge über seine Mission nebst einer Novene und Gebete zu dem Heiligen. Zur 300jährigen Wiederkehr der Kanonisation des Heiligen. München 1922. (Übersetzt von Maria Knöpfler)

Sonntag, 21. Oktober 2007

Günther Rohrmoser: Die Unverzichtbarkeit der Nation

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sind die Völker Osteuropas als solche wieder in die Geschichte zurückgekehrt. Während man in Westeuropa die Vorstellung einer europäischen Wirtschaftsgesellschaft anhängt, leben in Osteuropa nationale Traditionen und ihr Erbe auf. Dem Westen hingegen schwebt nicht etwa ein multinationales, sondern ein multikulturelles Europa vor. An die Stelle von Völkern, Kulturen und partikularen Identitäten tritt dabei aber vielmehr eine Art universaler Interaktions- und Kommunikations-zusammenhang. Besonders Deutschland scheint sich der Mission verschrieben zu haben, alles zu überwinden was das atomare Individuum von der universalen Menschheitsrepublik trennt. Sollte sich die deutsche Tendenz zu rein abstrakten universalen Prinzipien und die inhumane Rationalität einer Verwirklichung der privaten Interessen nicht bald korrigieren, wird sich das deutsche Volk als geschichtliche und politische Größe früher oder später selbst abschaffen. Dabei ist die Notwendigkeit internationaler Institutionen natürlich nicht zu bestreiten. Aber ebenso müssen die Besonderheiten der nationalen und regionalen Kulturen anerkannt werden. Letztlich geht es um die Versöhnung von Universalismus und Partikularismus.
Der besondere deutsche Beitrag Deutschlands zur Moderne war die Hervorbringung des historischen Bewusstseins, auf den sich der Ruhm deutscher Universitäten im 19.Jahrhundert gründete. Das war nicht selbstverständlich – hatte doch Descartes alles was sich auf Geschichte und Autorität stützt, in Frage gestellt und umgestürzt. Alles Sein, was seiner puren Rationalität nicht genügte, war mithin nur noch Objekt einer Umgestaltung nach rationalen, aber ahistorischen Methoden. Wenn man nun den besonderen Platz, den sowohl die Nation, als auch das geschichtliche Denken im konservativen Denken einnehmen berücksichtigt wird deutlich, wie sehr dieses Denken durch die Neuzeit in Frage gestellt wurde. Nun ist das Nationale aber weltweit wieder oder auch nach wie vor, das einzige ordnende Bauelement der Politik und auch supranationale Politik setzt handlungsfähige Nationen voraus. Destruktiv wird der nationale Gedanke erst bei seiner Verdrängung oder Unterdrückung. Keine Friedensordnung wird auf das Recht auf nationale Selbstbestimmung verzichten können. Aber worin liegt die eminente Bedeutung des nationalen Gedankens und Bewusstseins in der modernen Welt begründet? Was hält ein Gebilde wie die „deutsche Gesellschaft“ zusammen? Kann der einzelne noch über die Bedürfnis- und Interessenbefriedigung für etwas in Anspruch genommen werden? Was kann das grundlegend Verpflichtende dafür sein, wenn nicht eine bejahte, gelebte Gemeinsamkeit? Zumindest in Deutschland war bisher der Sozialstaat der Kitt, der das Land zusammenhielt. Dessen Integrationskraft sieht seinem Ende entgegen. Hält uns noch etwas darüber hinaus als Nation zusammen? Es ist die erfahrene, erlebte, bewusste und geteilte gemeinsame Geschichte, die die Nation als Schicksalsgemeinschaft konstituiert. Die Nation war auch in den letzten 200 Jahren die Form der kollektiven Gegenwart der Geschichte in einer an sich geschichtslosen modernen Gesellschaft. Die Nation ist die Weise, in der die Geschichte für ein Kollektiv gegenwärtig bleibt. Im Grunde ist sie damit etwas Irrationales – sie ist keine rational konstruierte Größe (was dann auch zu einer mythischen Verklärung führen kann). Auch das Christentum kennt einen „christlichen Universalismus“, der doch aber stets die Völker kennt und sie als solche schätzt – Paulus wird nicht zur Menschheit gesendet, sondern zu den Völkern. Dies begründet keinen völkischen Nationalismus, aber sieht die Völker als etwas was man anerkennen und respektieren muss. Jedes Volk hat das Recht ein eigenständiges Volk zu sein, das sich in seiner Vielfalt und Besonderheit pflegt und erhält. Die Vielfalt der Völker ist das Bauprinzip der Menschheit (Herder). Dem Abstrakten, Universalen muss das Konkrete und Besondere entgegen gestellt werden. Vollendung bedeutet gerade die Entfaltung des jeweilig individuell Besonderen und Typischen, zu dem eine Nation bei ihrem Gang durch die Geschichte geworden ist, bei dem sie – wie auch jeder Mensch - gleichermaßen Zweck wie Mittel ist.

Zusammengefasst aus: Rohrmoser, Günther: Die Unverzichtbarkeit der Nation. Wider die Geschichtsvergessenheit. Bietigheim 1994.

Wonach Gott verlangt ...

Aus einer Epiphaniepredigt Johannes Taulers:

Ein einziges Ding nur ist, wonach es Gott verlangt und wessen Er bedarf in der ganzen Welt. Danach sehnt er sich so innig, und darauf zielt all Sein Bemühen. Dieses Eine ist, dass Er den edlen Grund, den Er in den Geist des Menschen hineingelegt hat, von allem Hindernden bloß, für sich bereitet finde, so dass es ihm möglich wird, auf Seine göttliche, edle Weise darin zu wirken. Gott hat zwar die vollständige Herrschaft über Himmel und Erde; es fehlt ihm aber an diesem Einen, dass es ihm nicht möglich ist, jenes Werk im Menschen zu wirken, dass diesem die vollkommene Freude bringt. Nun, was soll der Mensch denn von sich aus tun, damit Gott in seinem durch Gottes Liebe gebildeten Grund beseligend wirken kann? Nun, er soll aufstehen, wie (Jes 60,1) geschrieben ist: „Surge! Steh auf!“, das will heißen: Immer wenn der Mensch mit Gott mitwirken soll, muss er aufstehen von allem, was Gott nicht ist. Von allem Geschöpflichem und von sich selber. Durch dieses aufstehen erfährt sein Grund eine Berührung, die ein ungestümes Verlangen in ihm weckt, von sich (alles Hindernde) abzuwerfen und sich von allem frei zu machen, was mit Gott nichts zu tun hat.
Je mehr dem Menschen all diese (Bindungen an das hindernde Nicht-Göttliche) weggenommen sind, desto mehr wächst das Sehnen in ihm, desto höher übersteigt dieses Sehnen ihn selbst. Immer häufiger wird sein frei gewordener Grund berührt und diese Berührungen gehen ihm durch Fleisch und Blut bis ins Mark.
Diesem Berührtwerden wird aber auf zwei Weisen geantwortet und stattgegeben, so dass es dadurch zwei Arten von Menschen gibt. Die einen antworten mit schnell zugreifendem, natürlichem Wissenwollen, mit der Bildung beschreibender Vernunftbegriffe und mit hoher Spekulation. Damit aber verwirren sie den (berührten) Grund. Sie beruhigen ihre Sehnsucht dadurch, dass sie etwas darüber (bei anderen) hören und (was sie erlebt haben) so verstehen wollen. Und daraus erwächst ihnen ein großer innerer Frieden. Andere (in dieser ersten Gruppe) antworten damit, dass sie sich Vorsätze und bestimmte Programme zurechtmachen, Gebete und Betrachtungen festsetzen, so wie es ihnen selbst gut scheint oder wie sie es an anderen sehen. Damit wollen sie selbst ihren Grund bereiten und zum Frieden kommen. Die anderen aber (die zur zweiten Gruppe gehören) lassen Gott selbst ihren Grund bereiten. Sie übergeben sich Gott ganz und gar und verzichten, ihr Leben nach ihrem eigenen Gutdünken zu gestalten. Deshalb sind sie die edlen Menschen, die in Wahrheit aufstehen und von diesem Aufstehen her erleuchtet werden. Nirgendwo behalten sie sich (Gott gegenüber) etwas vor oder wollen nach ihrem Gutdünken planen und schaffen, tun oder nicht tun, dieses oder jenes durchsetzen. Sie nehmen alles, Angenehmes und Unangenehmes in demütiger Ehrfurcht von Gott an und tragen es wieder zu Ihm empor in Losgelöstheit und Armut des Herzens, in der Gelassenheit ihres Herzens. Sowohl im Frieden wie im Unfrieden sind sie zufrieden und nehmen für sich in allem den Willen Gottes an. Ihnen schmeckt nur Gottes Wille, der für sie das einzig Gute ist, und sein Wohlgefallen.

Zitiert nach Rucker, Eugen SVD: Johannes Tauler. Gott in Dir – Taulers Spirituelles Programm, Bonn 2005. S.70-72.

Freitag, 19. Oktober 2007

John Henry Newman - Dem Lichte folgen

Führ, liebes Licht, im Ring der Dunkelheit, Führ du mich an! Die Nacht ist tief, noch ist der Himmel weit, führ du mich an! Behüte du den Fuß; der fernen Bilder Zug begehr ich nicht zu sehn - ein Schritt ist mir genug. Ich war nicht immer so, hab' nicht gewußt zu bitten: du führ an!Den Weg zu schaun, zu wählen war mir Lust -doch nun: führ du mich an! Den grellen Tag hab' ich geliebt, und manches Jahr regierte Stolz mein Herz, trotz Furcht: vergiß, was war. So lang gesegnet hat mich deine Macht, gewiß führst du mich weiter an, durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach, bisdie Nacht verrann und morgendlich der Engel Lächeln glänzt am Tor,die ich seit je geliebt, und unterwegs verlor.

Gebet von John Henry Card. Newman, übersetzt von Ida Friederike Görres

Johannes Tauler

Johannes Tauler wurde um 1300 in Straßburg als Sohn eines Ratsherren geboren. 1314 wird er Dominikaner und beginnt im folgenden Jahr das Noviziat. 1316-1324 befindet er sich im Studium. Wichti für seine persönliche Entwicklung wird, dass er in dieser Zeit einen Schüler Albert des Großen, sowie Dietrich von Freiberg und Meister Eckhart kennen lernt. Neben der Theologie des Thomas von Aquin ist ihm also auch diese Linie bekannt. Die Namen Eckhart, Tauler und Seuse (eine Freund Taulers) stehen für den neuen eindringlichen Predigtstil, der die in der Betrachtung und im Studium gewonnen Einsichten den Mitmenschen mitteilen sollte.
1325 wird Tauler zum Priester geweiht und nimmt seine seelsorgliche Tätigkeit unter den Dominikanerinnen und Beginen in Straßburg und Umgebung auf (oft gehörte zu diesem Amt aber auch die wirtschaftliche Beratung der Klöster). Ämter im Orden bekleidete er, soweit man weiß, nicht. Wegen seiner seelsorglichen Tätigkeit reiste Tauler allerdings weit, besonders entlang des Rheins, aber wohl auch nach Paris. Taulers Lebzeiten waren sehr aufgeregte Zeiten, da sie vom Machtkampf zwischen Kaiser und Papst gekennzeichnet waren. Gleichzeitig wurde die theologische Linie, der sich Tauler trotz vorsichtiger Distanz verpflichtet wurde, nach der Verurteilung einiger Thesen Meister Eckharts kurz gehalten. 1347/48 verliert Straßburg während einer Pestepidemie ein Drittel seiner Bevölkerung in den folgenden Jahren erschüttern Erdbeben die Stadt. Es kommt zu den Geißlerumzügen. Tauler empfindet seine Zeit als eine Zeit des Niedergangs. Mit gut sechzig Jahren erkrankt Tauler schwer und muß längere Zeit gepflegt werden bis er schließlich am 16. Juni 1361 stirbt.
Tauler verstand sich als Lebemeister, es geht ihm um existenzielle Verwirklichung und Erfahrung – anders als den Lesemeistern, wie er sie nennt. Die scholastische Theologie steht bei ihm eher am Rande, sein Interesse gilt ganz der mystischen Theologie. Sein Anliegen war eine Lehre, die jeden Menschn und mit ihm die ganze Schöpfung in Gott zurückführen sollte. Aus Gnade sollte das Geschöpf zur deificatio, zur Einheit mit Gott, gelangen. Der Weg dorthin ist für Tauler die Verinnerlichung der Frömmigkeit und gesamten Lebenshaltung, die Tätigsein für den Nächsten nicht ausschließt. Ihm und seinem Gedankengut nahe standen die Gottesfreunde, eine seit dem 12.Jahrhundert bestehende religiös-mystische Richtung von Ordens- und Weltleuten, namentlich am Ober- und Niederrhein. Tauler stand zu ihnen in engem Kontakt und förderte sie. Wie Tauler waren sie kirchlich gesinnte Vertreter einer echten, innerlichen Frömmigkeit. Die „freien Geister“, die sich von der Kirche losgemacht hatten waren für Tauler „falsche Gottesfreunde“, „böse Menschen“, die von Kirche, Sakrament und Gebot nichts mehr wissen wollten. Vor ihnen warnte er, während er von den Gottesfreunde selbst wichtige Impulse bekommen haben soll, vielleicht sogar im Zusammenhang mit einer Lebenswende unter geheimnisvollen Umständen. Auf seiner Grabplatte ist er im Dominikanerhabit Johannes dem Täufer nachgezeichnet. Wie der Rufer in der Wüste weist Johannes Tauler auf ein Agnus Dei mit der Siegesfahne in seiner Linken: Jesus Christus, der gelitten hat und auferstand und dem wir eben hierin nachfolgen sollen bis in die Verklärung.
Meine Lieben, setzt hieran alles, was ihr im Geist und in der Natur zu leisten vermögt, daß ihr dieses wahre Licht verkosten könnt. So könnt ihr in euren Ursprung gelangen, in dem dieses wahre Licht glänzt. Begehrt, daß euch dies zuteil werde, darum bittet mit und ohne Natur, daran setzt all eure verfügbare Kraft; bittet die Gottesfreunde, daß sie euch dazu helfen, hängt denen an, die Gott anhangen, daß sie euch mit sich in Gott hineinziehen. Daß dies uns allen werde, dazu helde uns der liebreiche Gott. Amen. (aus Predigt 10).
Literaturauswahl (enthalten stets umfangreiche Texte Taulers):
Rucker, Eugen SVD: Gott in Dir. Taulers spirituelles Programm. Bonn 2005.
Jungclaussen, Emmanuel OSB: Johannes Tauler. Der Meister in dir. 10.Auflage, Stuttgart 1999.
Gnädinger, Lousie: Johannes Tauler. Gotteserfahrung und Weg in die Welt. Freiburg 1983.

Johannes Scheffler - Angelus Silesius

Johannes Scheffler wurde Ende Dezember 1624 in Breslau geboren und am 25.Dezember dort lutherisch getauft. Sein Vater war ein nach Schlesien übersiedelter polnischer Landedelmann, der bei der Geburt Johannes schon über sechzig Jahre alt war. Johannes hatte zwei jüngere Geschwister. Sein Vater starb 1637, seine Mutter 1639. Seit diesem Jahr besuchte Johannes das Gymnasium. In dieser Zeit begann er Gelegenheitsgedichte in griechischer und lateinischer Sprache abzufassen. 1643 nimmt Johannes Scheffler in Straßburg das Studium der Medizin und des Staatsrechtes auf, schon 1644 wechselt er den Studienort und geht nach Leyden, wo er wohl mit der Erbauungsliteratur seiner Zeit Bekanntschaft macht. 1647 wird er Student an der berühmten Universität in Padua. Hier – in Italien - wird Scheffler mit der katholischen Glaubensrichtung bekannt und promoviert zum Doktor der Philosophie und Medizin. Aus dieser Zeit stammt der erste seiner berühmten Aussprüche: Mundus pulcherimum nihil – Die Welt ein überaus schönes Nichts. 1649 wird Scheffler Leibarzt des Herzogs von Württemberg. In dieser Stellung freundet er sich mit Abraham von Frankenberg, einem Anhänger Jakob Böhmes, an. Scheffler lernt durch ihn die mittelalterliche mystische Theologie und damals aktuelle naturphilosophische und theosophische Schriften kennen. Als Frankenberg 1652 stirbt dichtet Scheffler für ihn das „Christliche Ehrengedächtnis“, das mit folgender Strophe endet: „Wer Zeit nimmt ohne Zeit und Sorgen ohne Sorgen / Wem gestern war wie heut und heute gilt wie morgen / Wer alles gleiche schätzt, - der tritt schon in der Zeit / In den gewünschten Stand der lieben Ewigkeit.“ Scheffler gerät in der Folge durch sein Interesse an vorreformatorischer, mystischer Theologie in Konflikt mit dem württembergischen Hofprediger, der schließlich eine Druckerlaubnis für ein Buch Schefflers verweigert. Dieser gibt seine Stellung am württembergischen Hof daraufhin auf. 1653 konvertiert er in Breslau zur katholischen Kirche und nimmt den Beinnamen Angelus an. Der Vorgang erregte Aufsehen und Kritik. Scheffler verteidigt sich noch im selben Jahr daher mit einer Rechtfertigungsschrift, die auch vom deutschen ins lateinische übersetzt wurde. Zugleich setzt in Schlesien die Gegenreformation voll ein, Kaiser Ferdinand III. ernennt Scheffler ehrenhalber zum k.u.k. Hofarzt. Scheffler wirkt nun – besonders ab 1656 - im Dienst der Gegenreformation. Im folgenden Jahr veröffentlich Scheffler in Wien und Breslau geistliche Gedichte. Er gibt Stiftung und übernimmt Taufpatenschaften für Kinder armer Familien, zweifellos will er ein Beispiel christlicher Armut geben. 1661 empfängt er die Priesterweihe und ist im folgenden Jahr maßgeblich an der Wiedereinführung der öffentlichen Fronleichnamsprozession in Breslau beteiligt. 1664-1666 ist Scheffler am bischöflichen Hof von Schlesien tätig und gab zahlreiche kontroverstheologische Schriften heraus. 1675 erscheint dann die „Heiligen Seelen-Lust“ und „Cherubinischer Wandersmann oder Geistreiche Sinn- und Schlußreime“, in den nächsten Jahren erscheinen weitere Erbauungsbücher. Scheffler wird nun immer öfter krank und es mangelt nun auch an Geld. 1677 erscheint die kontroverstheologische „Kirchenbeschreibung“, nachdem Scheffler seit 1668 im Stift St.Matthias wohnhaft ist, stirbt er dort nach längerer, in Ergebenheit und Kontemplation ertragener Krankheit. Er wird in der Stiftskirche der Kreuzherren beigesetzt. Sein Ziel war es, in seinem schriftstellerischem Werk das weiterzugeben, was er in geistlicher Ruhe und Betrachtung erwogen hatte. Das als sehr interessant geltende Tagebuch Schefflers gilt bis heute als verschollen, es soll eine Art „Alphabet der Innerlichkeit“ beinhaltet haben.

Vom Sinn heiliger Riten


In den gottesdienstlichen Riten finden wir einen authentischen Ausdruck des ganzen katholischen Glaubens, der in ihnen Gestalt geworden ist. Sie sind nicht einfach ‚gemacht’, sondern aus der lebendigen Tradition seit urkirchlichen Zeiten organisch gewachsen. Man muss sie lesen wie eine Sprache, die nicht nur aus Worten, sondern auch aus Zeichen besteht. Beides wirkt ineinander und miteinander. Die kultische Handlung verlangt nach dem deutenden Gebetswort und das Wort drückt sich im Gestus aus. Wer in ein Land mit fremder Sprache kommt, wird anfangs nichts verstehen, aber nach einiger Zeit des Lernens die fremde Sprache mühelos gebrauchen. So ist es auch mit der Sprache der Liturgie. Manche erlernen diese Sprache schon als Kinder, andere müssen sich später – mit mehr Mühe – in sie hineinarbeiten, wenngleich auch diejenigen, deren Muttersprache sie ist, sich immer wieder ihrer Tiefe widmen sollen. Gottesdienstliche Riten haben eine Innen- und eine Außenseite. Durch den Ritus werden innere Haltungen ausgedrückt, als auch hervorgebracht. Die Grundstruktur des Ritus entspricht der leib-seelischen Natur des Menschen. Durch diese ist es notwendig, dass wir innere Haltungen in äußeren Formen ausdrücken und dass das Heilige über die Sinne Zugang zur Seele findet. Dazu sagt das Konzil von Trient: „Die Menschennatur ist so beschaffen, dass sie nicht leicht ohne die Beihilfe von außen zur Betrachtung göttlicher Dinge emporsteigen kann. So hat die gütige Mutter, die Kirche, bestimmte Formen für den Gottesdienst eingeführt, das nämlich in der Messe manches leise, anderes aber mit lauter Stimme gesprochen werden soll. Ebenso nahm sie gottesdienstliche Handlungen in Gebrauch, wie geheimnisreiche Segnungen, Lichter, Weihrauch, Gewänder und vieles andere dergleichen nach apostolischer Anordnung und Überlieferung. Dadurch sollte die Hoheit dieses großen Opfers zum Bewusstsein gebracht und die Herzen der Gläubigen mittels dieser sichtbaren Zeichen des Gottesdienstes und der Frömmigkeit zur Betrachtung der erhabenen Dinge, die in diesem Opfer verborgen liegen, aufgerufen werden.“ (Konzil von Trient, 22.Sitzung (1562), 5.Kapitel) Das innere Haltungen durch äußere ausgedrückt werden müssen, ist kein Spezifikum der Liturgie. Auch in der Familie und im Alltag will Hochachtung und Liebe zum Ausdruck kommen und es genügt nicht, sie nur im Herzen zu tragen. Wenn der Ausdruck und die Zeichen der Herzenshaltungen unterbleiben ist es eine Frage der Zeit, bis auch die innere Haltung schwindet. Auch im religiösen Leben ist zwar die innere Haltung zweifellos wichtiger als ihr äußerer Ausdruck, aber beides gegen einander auszuspielen wäre völlig falsch. Die innere Ehrfurcht bedarf der äußerlichen, ohne die sie zwangsläufig schwindet. Eine Liturgie die sich auf ein äußerstes Minimum beschränken will wird nach einiger Zeit nicht mehr im Stande sein die rechte innere Haltung zu fördern und da Gemüt zu bewegen. Andererseits kann der Ritus die innere Haltung niemals ersetzen. Ein äußerer Ritus ohne innere Haltung wäre leere Fassade. Wir sind gerufen, die Riten der heiligen Messe immer besser kennen zu lernen, um ihren Sinn tiefer zu verstehen. Ihre Sprache soll uns vertraut sein, damit das, was sie sagen will, in uns lebendig wird. Leicht gekürzt aus: P.Ramm FSSP, Martin: Vom Sinn heiliger Riten. In: Zum Altare Gottes will ich treten. Thalwil 20062, S.5-9.

Augustinus - Du ewige Wahrheit, wahre Liebe, geliebte Ewigkeit

Anläßlich des Gedenktages des hl.Bischofs und Kirchenlehrers Augustinus (28.8.) sei hier ein kleiner Ausschnitt aus seinem wohl berühmtesten Werk, den Bekenntnissen zitiert:

Ermahnt, zu mir selbst zurückzukommen, trat ich unter deiner Führung in mein Innerstes ein. Ich vermochte es, weil du mein Helfer warst. Ich kehrte ein und erblickte mit dem Auge meiner Seele, so schwach es auch war, über diesem Auge der Seele, über meinem Geist, ein unveränderliches Licht, nicht dieses gewöhnliche, das jedes irdische Lebenwesen erblickt, nicht ein Licht der üblichen Art, das nur großartiger gewesen wäre oder die Dinge nur viel deutlicher erhellt und durch seine Mächtigkeit umfassend beherrscht hätte. So war jenes Licht nicht, es war anders, ganz anders als all dies. Es war auch nicht so über meinem Geist wie Öl auf dem Wasser oder der Himmel über der Erde. Es war erhabener; denn es hat mich erschaffen, und ich bin niedriger, weil ich von ihm gemacht bin. Wer die Wahrheit kennt, kennt jenes Licht. Wer es kennt, kennt die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. Du ewige Wahrheit, wahre Liebe, geliebte Ewigkeit. Du bist mein Gott, nach dir verlange ich Tag und Nacht. Gleich als ich dich erkannte, zogst du mich an dich, damit ich sähe, es gebe etwas, was zu sehen ich bestimmt bin; nur daß ich es noch nicht schauen kann. Deine Strahlen drangen mächtig auf mich ein, und du blendetest mein schwaches Sehvermögen. Ich zitterte vor Liebe und Furcht, und ich entdeckte, daß ich weit weg von dir war in einem Bereich, der dir nicht gleicht. Es war, als hörte ich deine Stimme aus der Höhe: "Ich bin die Speise der Starken! Wachse, und iß mich! Du wirst mich nicht in dich verwandeln wie eine leibliche Speise, sondern du wirst in mich verwandelt werden!" Da suchte ich einen Weg, die Kraft zu gewinnen, ausreichend, dich zu genießen. Aber ich fand dich nicht, bis ich den Menschen Jesus Christus in die Arme schloß, den Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Gott ist über allem, gepriesen in Ewigkeit. Er rief mich und sprach: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben", und er war meine Speise, die ich nicht zu nehmen vermochte. Aber er verband sich mit dem Fleisch - denn das Wort ist Fleisch geworden - um unsere kindliche Schwachheit mit der Weisheit zu nähren, durch die du alles erschaffen hast. Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich dich geliebt. Siehe, du warst in meinem Inneren, und ich war draußen und suchte dich dort. Ich stürzte mich, häßlich wie ich war, auf diese schönen Dinge, die du geschaffen hast. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Die Dinge hielten mich fern von dir. Du reifest, du schriest, und da durchbrachst du meine Taubheit. Du strahltest auf, du leuchttetest und vertriebst meine Blindheit. Duft ging von dir aus, ich zog den Hauch ein, und nun verlangte ich nach dir. Ich habe gekostet, und nun hungere und dürste ich. Du hast mich angerührt, und ich entbrannte nach deinem Frieden.

Gerhard Tersteegen

Gerhard Tersteegen kann als einer der wenigen Mystiker des reformierten Protestantismus gelten. Er wurde 1697, einige Jahre nach dem 30jährigen Krieg, in Moers geboren und starb 1769 in Mühlheim an der Ruhr. Aus frommen Verhältnisses stammend verteifte sich seine Gottesbeziehung besonders durch die Lektüre der "Imitatio Christi" des Augustiner-Chorherren Thomas von Kempen, weshalb er dieses Werk auch ins Deutsche übersetzte. Mit einigen Gleichgesinnten arbeitete er zusammen in einem Wechsel aus (Erwerbs-)Arbeit und zurückgezogenem Gebet. Kennzeichnend für ihn war seine innerliche, stille, aber kraftvolle Frömmigkeit. Obgleich gelernter Kaufmann wählte er nach einiger Zeit den Beruf des Webers, einen Hungerleiderberuf, der ihm aber die Zurückgezogenheit und Zeit gewährte, die er für seine Bücher und sein geistliches Leben wünschte. Am Gründonnerstag 1724 hatte er ein besonderes Bekehrungserlebnis. Daraufhin verschrieb er sich Jesus (buchstäblich in einem Brief) mit seinem eigenen Blut: "Meinem Jesus! Ich verschreibe mich dir, meinem einzigen Heiland ... zu deinem völligen und ewigen Eigentum. Ich entsage von Herzen allem Recht und aller Macht über mich selbst. Von diesem Abend an sei dir mein Herz und meine ganze Liebe auf ewig zum schuldigen Dank ergeben und aufgeopfert ... Befehle, herrsche und regiere in mir!" 1728 gibt er schließlich auch den Beruf des Webers auf und wirkt, sehr bescheiden lebend, als Erweckungsprediger. Den Geistlichen der Landeskirche blieb er suspekt, sie griff aber nicht gegen ihn ein. Er schreibt 24 Heiligenviten (allesamt katholischer Heiliger). Außerdem führte er eine umfangreiche Briefkorrespondenz mit Menschen, die von ihm Trost und Hilfe erhofften. Bekannt ist Tersteegen auch heute noch besonders durch seine Lieder, die sich im Evangelischen, zum Teil auch im katholischen Gesangbuch finden. Internationale Bekanntnheit erlangte "Ich bete an die Macht der Liebe", das von Bortnjanskyi vertont und in Russland sehr bekannt wurde, Friedrich Wilhelm III. machte es zum Abendgebet des preußischen Heeres. Es gehört bis heute zum Zapfenstreich der Bundeswehr. Wie Tersteegen sich einen Mystiker vorstellt - und wie wir uns ihn vielleicht selbst vorstellen dürfen - schreibt er selbst: "Mystiker reden wenig, sie tun und sie leiden vieles, sie verleugnen alles, sie beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott ist ihr ganzes Geheimnis."

Tantum ergo sacramentum - Die eucharistische Anbetung

Eine Andachtsform, die langsam wieder im Kommen ist und die ich sehr schön finde ist die eucharistische Anbetung. Hier sollen einige Anregungen des Hl.Peter Eymard, des Gründers des Ordens der Eucharistiner, folgen, wie man die Zeit der Anbetung verbringen kann. Doch ist gerade die stille Anbetung eine so persönliche Form des Gebets, dass es sich immer nur um Anregungen handeln kann.


"Man teilt die Anbetungsstunde in vier Teile ein. Während jeder Viertelstunde ehrt man Unseren Herrn durch einen der vier Opferzwecke, nämlich: die Anbetung, die Danksagung, die Sühne und die Bitte. Erste Viertelstunde: die Anbetung 1. Betet zuerst einmal Unseren Herrn in seinem göttlichen Sakrament an durch eine würdige äußere Haltung. Kniet gleich nieder, sobald ihr vor Jesus in der anbetungswürdigen Hostie getreten seid. Verbeugt euch in tiefster Ehrfurcht und denkt dabei an die Weisen aus dem Morgenland, die sich niederwarfen und das göttliche Kind, das in armseligen Windeln gewickelt, in einer einfachen Krippe lag, anbeteten.2. Nach diesem ersten, schweigsamen und spontanen Akt der Huldigung betet Unseren Herrn an durch einen äußeren Akt des Glaubens. Dieser Akt ist zur Sammlung der Sinne, des Herzens und des Geistes für die eucharistische Frömmigkeit äußerst hilfreich. Er öffnet euch Gottes Herz und seine Gnadenschätze; man muss diesen Glaubensakt stets getreu, einfach und ehrfürchtig erwecken.3. Hierauf opfert euch Jesus Christus mit eurem ganzen Sein auf, schenkt ihm einzeln alle Fähigkeiten eurer Seele: opfert ihm euren Verstand, um ihn immer besser zu erkennen; euer Herz, um ihn zu lieben; euren Willen, um ihm zu dienen; euren Leib mit seinen verschiedenen Sinnen, damit jeder Sinn ihn auf seine Weise verherrliche. Opfert ihm vor allem die Gabe euerer Gedanken mit dem Wunsch, dass die göttliche Eucharistie der königliche Gedanken eures Lebens sei; eure Gefühle, indem ihr Jesus den Herrn und Gott eures Herzens nennt; euren Willen, dass er kein anderes Gesetz oder anderes Ziel anstrebe als seinen Dienst, seine Liebe und seine Ehre; euer Gedächtnis, um euch stets nur an ihn zu erinnern und so nur aus ihm, durch ihn und für ihn zu leben.4. Weil eure Anbetungen so unvollkommen sind, vereinigt sie mit den Anbetungen der heiligsten Jungfrau in Betlehem, in Nazaret und auf dem Kalvarienberg und später zu Füßen der Hl. Eucharistie; vereinigt sie mit allen gleichzeitig stattfindenden Anbetungen der hl. Kirche und allen frommen Seelen, die Unseren Herrn in diesem Augenblick anbeten; mit dem ganzen himmlischen Hofstaat, der ihn im Himmel verherrlicht. So wird eure Anbetung an der Heiligkeit und der Frucht ihrer Anbetungen teilhaben. Zweite Viertelstunde: die Danksagung 1. Betet an und preist die unendliche Liebe Jesu zu euch in seinem Hl. Sakrament. Um euch auf dieser Erde des Exils und der Armseligkeit nicht als Waisen alleinzulassen, kommt er für euch persönlich vom Himmel herab, um euch Gesellschaft zu leisten und euch zu trösten. Dankt ihm dafür aus ganzem Herzen und mit all euren Kräften; dankt ihm zusammen mit allen Heiligen. 2. Bewundert die Opfer, die er sich in seinem sakramentalen Zustand auferlegt: er verbirgt seine göttliche und leibliche Herrlichkeit, um euch nicht zu blenden; er verhüllt seine Majestät, damit ihr es wagt, euch ihm zu nähern und mit ihm zu reden wie ein Freund zu seinem Freund; er bindet seine Macht, um euch nicht zu erschrecken oder zu strafen; er zeigt euch im Sakrament nicht seine vollkommenen Tugenden, um nicht eure Schwachheit zu entmutigen; er zügelt sogar die Flamme seines Herzens und seiner Liebe zu euch, weil ihr seine Milde und Kraft nicht ertragen könntet; er lässt euch nur seine Güte schauen, die in den hl. Gestalten aufscheint, wie die Strahlen der Sonne durch einen dünnen Nebel durchscheinen. Wie gütig ist doch Jesus im Hl. Sakrament! Er empfängt euch zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Seine Liebe kennt keine Ruhe; er ist stets voll Sanftmut zu euch; er vergisst eure Sünden und Unvollkommenheiten, wenn ihr ihn besuchen kommt, und drückt euch nur seine Freude, seine Milde und seine Liebe aus. Durch euren Empfang möchte man glauben, dass er euer bedarf, um glücklich zu sein. Oh, danket also diesem guten Jesus aus ganzem Herzen! Dankt dem Vater, dass er euch seinen göttlichen Sohn gegeben hat; dankt dem Hl. Geist, dass er immer noch mitwirkt, und zwar für euch persönlich, an der Ausdehnung seiner Menschwerdung durch den Dienst des Priesters auf dem Altar 2. Ladet den Himmel und die Erde, die Engel und die Menschen ein, euch beizustehen, um ihm zu danken, ihn zu loben und zu preisen für soviel Liebe zu euch! 3. Betrachtet den sakramentalen Zustand, den Jesus aus Liebe zu euch auf sich genommen hat, und lasst euch erfüllen mit seinen Gefühlen und seinem Leben. In der Eucharistie ist Jesus so arm wie in Betlehem, ja noch ärmer, denn in Betlehem besaß er seine Mutter; hier hat er sie nicht; vom Himmel bringt er nur sich selbst mit seiner Liebe und seinen Gnaden mit; seht, wie gehorsam er in der göttlichen Hostie ist: prompt und gütig schenkt er sich jedem, der nach ihm verlangt, selbst seinen Feinden 3. Bewundert seine Demut!4 Er steigt bis zur Grenze des Nichts herab, da er doch in sakramentaler Sicht eins ist mit den gewöhnlichen und unbeseelten Gestalten, die ihres Wesens beraubt sind und nur deswegen erhalten bleiben, weil sie vom Allmächtigen durch ein fortwährendes Wunder getragen werden. Seine Liebe zu uns macht ihn zum Gefangenen; sein Wille macht ihn zum Sklaven in seiner eucharistischen Zurückgezogenheit, die unser Himmel auf Erden sein soll. 4. Vereinigt eure Danksagung mit jener der heiligsten Jungfrau nach der Menschwerdung und vor allem nach der hl. Kommunion. Mit ihr wiederholt vor Freude und Glück das Magnifikat eurer Dankbarkeit und Liebe; sprecht ohne Unterlass: "O Jesus in der Hostie, wie bist du so gut, liebend und liebenswürdig!" Dritte Viertelstunde: die Sühne 1. Betet Jesus an und tröstet ihn in seiner Einsamkeit, verlassen von den Menschen in seinem Sakrament der Liebe. Der Mensch hat Zeit für alles, ausgenommen für den Besuch seines Herrn und Gottes, der ihn in seinem Tabernakel sehnsüchtig erwartet. In den Straßen und Vergnügungshäusern wimmelt es von Menschen; das Haus Gottes aber steht leer da. Man ist geflohen, man hat Angst davor. Oh, armer Jesus, wie konntest du soviel Gleichgültigkeit von denen erwarten, die du losgekauft hast, von deinen Freunden, deinen Kindern, von mir selber! 2. Beweint den verratenen, verachteten, verhöhnten und gekreuzigten Jesus in seinem Sakrament der Liebe, genauso wie im Ölgarten, in Jerusalem und auf dem Kalvarienberg 5. Und das sind jene Menschen, die er am höchsten auszeichnet, geliebt und mit seinen Gaben und Gnaden bereichert hat; sie beleidigen ihn besonders und entehren ihn in seinem Haus durch ihre mangelhafte Ehrfurcht; sie kreuzigen ihn neuerlich in ihrem Leib und ihrer Seele durch die sakrilegische Kommunion6 und liefern ihn dem Teufel aus, dem Lehrer ihres Herzens und ihrer Liebe. Leider! muss ich mir darüber keine Vorwürfe machen? Hättest du dir denken können, o mein Jesus, dass deine allzugroße Liebe zu den Menschen zum Grund ihrer Bosheit würde? Und dass sie dir deine Gaben und kostbaren Gnaden verweigern würden? Und ich? War ich dir nicht untreu? 3. Betet Jesus an und sühnt eine so große Undankbarkeit, soviel Entheiligungen und Gottesraube, die in der Welt geschehen. Opfert in dieser Meinung alle Leiden auf, die ihr im Laufe des Tages und während der Woche durchstehen müßt. Legt euch einige sühnende Bußwerke auf für eure eigenen Beleidigungen, für eure Verwandten oder jene, die durch eine mangelhafte Ehrfurcht und fehlende Frömmigkeit dich geärgert haben könnten. 4. Weil aber alle eure Genugtuungen und Bußen so gering und schwach sind zur Sühne sovieler Verbrechen, deshalb vereinigt sie mit jenen eures Erlösers Jesus Christus, der am Kreuz erhöht wurde. Fangt das göttliche Blut, das aus seinen Wunden rann, auf und opfert es der göttlichen Gerechtigkeit zur Sühne auf. Nehmt seine Schmerzen und Gebete am Kreuz und bittet damit den himmlischen Vater um Gnade und Barmherzigkeit für euch und für alle Sünder. Vereinigt eure Sühne mit jener der hlst. Jungfrau zu Füßen des Kreuzes oder des Altars; so könnt ihr teilhaben an der Liebe Jesu zu seiner göttlichen Mutter. Vierte Viertelstunde: die Bitte 1. Betet schließlich Unseren Herrn in seinem Sakrament an, indem ihr unablässig seinen Vater für euch bittet; zeigt ihm Jesu Wunden, um ihn zu besänftigen; zeigt ihm sein geöffnetes Herz über euch und für euch. Vereinigt eure Bitten mit den seinen und erbittet das, was er erbittet. 2. Nun bittet Jesus seinen Vater, er möge seine Kirche segnen, verteidigen und ermutigen, damit sie ihn besser bekannt mache, ihn vor allen Menschen lieben und ihm dienen lehre. Betet inständig für die hl. Kirche, die so geprüft und in der Person des Stellvertreters Jesu Christi so verfolgt wird, damit Gott sie befreie von ihren Feinden, die doch seine Kinder sind; er möge sie rühren, bekehren und als demütige Brüder zu Füßen der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit hinführen. Jesus betet unaufhörlich für alle Mitglieder seines Priesterstandes, damit sie von seinem Geist und seinen Tugenden erfüllt seien; damit sie sich eifrig einsetzen für seine Verherrlichung und das Heil der Seelen, die er mit dem Preis seines Blutes und Lebens losgekauft hat.Betet innig für euren Bischof, dass Gott ihn euch erhalte, all seine seelsorglichen Bemühungen segne und ihn tröste. Betet ebenso für euren Seelsorger, auf dass ihm Gott alle Gnaden gewähre, die er braucht, um die Herde zu leiten und zu heiligen, die seiner Obsorge und seinem Gewissen anvertraut wurde. Betet, dass Gott seiner Kirche zahlreiche und heilige Priesterberufe schenke; ein heiliger Priester ist das größte Geschenk des Himmels; er kann ein ganzes Land retten. Betet für alle religiösen Orden, dass sie den Gnaden ihrer evangelischen Berufung treu bleiben; damit alle Berufenen den Mut und die Liebe haben, dem göttlichen Ruf zu folgen und darin ausharren. Ein Heiliger erhält und rettet seine Heimat; seine Gebete und Tugenden sind mächtiger als alle Armeen der Welt. 3. Betet für den Eifer und die Ausdauer der frommen Seelen, die sich dem Dienst Gottes in der Welt weihen; sie sind wie Ordensschwestern seines Herzens und seiner Liebe; sie brauchen mehr Unterstützung, weil sie in der Welt größeren Gefahren und Opfern begegnen. 4. Betet während einer bestimmten Zeit um die Bekehrung der großen Sünder; nichts gereicht Gott zu größerer Herrlichkeit als diese mächtigen Hiebe seiner Gnade.Betet schließlich auch für euch, dass ihr euch bessert und diesen Tag heiligmäßig verbringt; bindet mit euren Gaben einen Strauß für Jesus, eurem Gott und König, und erbittet seinen Segen. Aus: http://www.eucharistie.cz/deutsch/Eucharist/index.html

Samstag, 13. Oktober 2007

Norbert Bolz: Die Religion des letzten Menschen

Hier eine Teilzusammenfassung des Textes von Norbert Bolz: "Die Religion des letzten Menschen" aus dem Merkurheft 8/9 2007 (a.a.O.), S.691-698.

Dekadenz heißt politisch: die soziale Frage. Die Heuchelei des 19.Jahrhunderts drehte sich um das Sexuelle. Die Heuchelei des 20.Jahrhunderts dreht sich um das Soziale. Es ist das Gott-Wort unserer Epoche. „Selbstverwirklichung“ und „soziale Gerechtigkeit“ versetzen die Massendemokratie in politische Trance. Um Simone Weil zu zitieren: „Das Ich und das Soziale sind die beiden Götzen“. An die Stelle des Seelenheils ist das Sozialheil getreten. Pastoral bedeutet sozial. Angefangen hat es mit der Religion der Arbeit – dem Marxismus – und von da war es bis zur Vergötzung des Sozialen nicht weit, es bedurfte nur der Erweiterung um das Kollektiv, die Teamarbeit (= die Arbeit tun die anderen), man ist teamfähig (=Gruppenarbeit ist nämlich die einzige Lebensform des guten Menschen). Für die Religion des von Nietzsche vorausgesehenen „Letzten Menschen“ gibt es nicht schlimmeres als die Sünde wider den heiligen Teamgeist.
Dabei sind die Begünstigten des Wohlfahrtsstaates die eigentlichen Opfer. Ihre Unmündigkeit wird politisch stabilisiert, was die Massenmedien noch verstärken, indem sie uns täglich die Unkontrollierbarkeit des Lebens vor Augen führen. Also braucht man einen paternalistischen Staat, als Hintergrund aller modernen Emanzipationen. Offensichtlich ist aber, dass der „vorsorgende Sozialstaat“ durch seine Betreuung viel mehr Abhängigkeit produziert. Sicherheit gewährt heute nicht mehr das Gesetz, sondern die staatliche Fürsorge, die am besten schon eintritt, wenn gar kein Bedarf da ist: Die Tyrannei der Wohltaten erzeugt Abhängigkeit.
Die Religion dieses „Letzten Menschen“ setzt die Auflösung und Rekombination der religiösen Tradition voraus. Je weniger Dogmatik dabei ist – umso besser! Kirchliche Dogmatik ist hier eigentlich nicht anschlußfähig. Aber sie macht mit – Menschheitskult, statt Verehrung des Gekreuzigten; statt Kreuz, Erlösung und Gnade bleibt die Sentimentalität als Aggregatzustand des christlichen Geistes. Statt Theologie des Weltuntergangs (Eschatologie) lieber Ökologie. Man erfindet eine Krise, erforscht sie, finanziert die Forschung, organisiert sich politisch … und findet rein zufällig, was man erwartet hat. Das Vakuum der Angst nach dem Ende des Kalten Krieges füllt sich auf diese Weise. Eine Dialektik aus Heilsversprechen und Elendspropaganda produziert zugleich Hysterie und Hoffnung. Der Gottesdienst der Gesundheit und Sicherheit kann uns nämlich noch alle retten! Man folge nur den grünen Hohenpriestern die uns von Gott-Vater zu Mutter-Erde führen. Der Gnadenverlust wird durch Naturidolatrie ersetzt. Drei Größen schicken sich an, den gnädigen Gott zu ersetzen: Die gerechte Gesellschaft, die heile Natur und das wahre Selbst. Der Sinnverlust wird durch Selbstverwirklichung ersetzt – so schließt man eine metaphysische Marktlücke. Überhaupt spielt die Marktlogik eine wichtige Rolle im spirituellen Haushalt des „Letzten Menschen“. Die Religion wird zu einer Auswahlmöglichkeit unter vielen, man kann sich auch für den Markenkult oder die kritische Protestbewegung dagegen entscheiden. Spirituelles Selbstbedienung wird zur Selbstverständlichkeit, die Bastelreligion entsteht. Da kann man auch das eine oder andere Christliche einbauen, wenn es denn in den persönlichen Seelenhaushalt paßt (beliebt ist Weihnachten).
„’Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Die Märtyrerin II - ad rem

Nachdem ich unter - "Die Märtyrerin I" - klar zu machen versucht habe, warum ich den rechten Rummel um Frau Herrman nun doch etwas überdreht finde, möchte ich einige Bemerkungen zum Vorgang an sich machen. Nicht zu Herrn Kerner und seiner Sendung, auch nicht zum NDR, selbst nicht zum geschätzten Forum deutscher Katholiken.

Frau Herrman ist ja deswegen in die Kritik geraten, weil sie in einem Bestandteil des Gedankengutes des Nationalsozialismus (NS) etwas Positives erblickte. Gemeint war die Hochschätzung der Mutter, der Familie überhaupt. Das weitete sie auch aus - ihr ist bewusst, das der NS dies nicht als Wert aus sich selbst hervorbrachte, sondern diesen seinerseits übernahm. Und genau hier kommen wir zum Kern des Problems. Der NS hat - man mag es hören wollen oder nicht - manche Elemente aufgenommen, die an sich positiv zu werten sind. Das macht den NS nicht zu einer positiven Angelegenheit. Er war von vornherein verfehlt, eine antichristliche, ideolatrische Pseudoreligion, die das Sinnvakuum der Massen gefüllt hat. Aber er hat, warum auch immer, manche Elemente aufgenommen, die gut und lebensförderlich waren und sind, von denen wir uns aber heute abgeschnitten haben - einfach deswegen, weil sie irgendwie auch im NS auftauchen. Dazu gehört die Familie, die Hochschätzung der Freiheit, das Streben nach Idealen (im Bewußtsein dessen, dass es sich um Ideale handelt), alles was mit Treue zu tun hat, Disziplin, die Freude am Schönen, Klaren, am Heldentum, am Vaterland. Man nehme solche Worte doch heute nur mal in den Mund. Oder der ganze Begriffskreis von Opfer und Verzicht. Aber auch die Einsicht, dass es Dinge gibt, die man bekämpfen muss, dass es sittliche Pflicht ist, das Böse zu bekämpfen und nicht etwa - ein Hoch! dem Pazifismus - es gewähren zu lassen. Das die Realität manchmal Härte fordert (in der Regel am meisten aber Härte gegen sich selbst), und das es andererseits Dinge gibt, für die es sich einzusetzen gilt, ja zu sterben lohnt.

Der NS hat dies alles vielfach pervertiert, teils offensichtlich, teils durch eine Instrumentalisierung auf seine absurden Zielvorstellungen hin. Dieser Mißbrauch hebt aber den rechten Gebrauch des Genannten nicht auf. Solange wir aber doch so tun, als wäre es anders, und alles, was irgendwie im NS eine Rolle spielte, ungerechterweise ungeprüft verwerfen, verbauen wir uns selbst die Quellen aus denen eine Gemeinschaft, ein Volk leben kann.

Dies hat Frau Herrman wohl in Bezug auf ihr Thema erkannt. Ihr Verdienst liegt darin, trotz des öffentlichen aufjaulens an ihrer Einsicht festgehalten zu haben. Nun gilt es, wie das Forum deutscher Katholiken, zu zeigen, dass es an der Zeit ist, nicht länger vor dem Schatten des NS wegzulaufen, sondern beherzt aus diesem Schatten das ans Tageslicht zu bringen, was es verdient hat, eine Rolle in Deutschland zu spielen - etwa die Hochschätzung der Familie.


Die Märtyrerin I - ad personam

Ich sehe ihn klar vor mir, den Eintrag im Martyrologium romanum: Hl. Eva Herrman. Liturgische Farbe: Rot. (An Märtyrergedenktagen werden immer rote Meßgewänder getragen, als Erinnerung an ihr - für den Herrn vergossenes - Blut).
Aber dann fangen die Probleme an: Geboren am 9.11.1958. Soweit alles klar. Zu einer echten Märtyrerin würde jetzt ja der Todestag gehören (der wäre dann auch der Gedenktag). Wenn man die rechten/konservativen Internetseiten so durchschaut, haben wir zwar einen Grund für ihr Martyrium - Verstoß gegen Politische Korrektheit, keine bedingungslose Verdammung jedes Themas, das im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt hat -, der Haken ist nur: Irgendwie hat das Martyrium nicht stattgefunden! Gut, man hat sie aus dieser TV-Sendung rausgeworfen. Das war so eine blöde Aktion, dass die gesamte linke Presse auflaufen muss, um das zu rechtfertigen. Und selbst das funktioniert nicht wirklich, im Grunde ist wohl den meisten Leuten klar, dass man ihr (E.H.) da letztlich unrecht getan hat. Und das hat man auch - aber Frau Herman kennt den Medienzirkus. Das sie bei dieser Sendung keine gerechte Behandlung erwarten konnte, war doch von vornherein vollkommen klar. Merke den alten Grundsatz der Kirche: Das Martyrium darf nicht gesucht werden.

Schwerer wiegt schon ihre Kündigung durch den Norddeutschen Rotfunk (NDR). Das empfand ich auch als starkes Stück. Hungern wird Frau Herrman wohl aber in keinem Fall, sondern weiterhin Mitglied der Oberschicht bleiben. Zumal ich auch nicht glaube, dass sie sehr lange ohne Brötchengeber dastehen wird.

Bei aller Ungerechtigkeit, die Frau Herrman jetzt widerfährt und widerfahren ist - lassen wir die Kirche doch mal im Dorf. Es ist sehr lobenswert, dass sie zu dem steht, was ihre Meinung ist und nicht einknickt. Aber sollte man das nicht sowieso erwarten? Gut, sie nimmt dafür Nachteile in Kauf. Aber sie setzt nicht grade ihr Leben aufs Spiel (das - nebenbei erwähnt - ihren dargelegten Haltungen nicht unbedingt exakt entspricht). Das ist auch nicht notwendig. Es ist aber auch nicht notwendig, ihre Angelegenheit so zu stilisieren, als täte sie es.

Mittwoch, 10. Oktober 2007

S. Kohlhammer: Vom Verrat der Intellektuellen

Hier einige Gedanken aus einem Text von Siegfried Kohlhammer: Der Haß auf die eigene Gesellschaft. Vom Verrat der Intellektuellen. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 8/9 2007. S. 668-680. Ich gebe gerne zu, dass meine Zusammenfassung etwas tendenziöses hat und manche Aspekte des Kolhammer-Textes ausblendet.

Keine andere Kultur hat die Intellektuellen so gefördert und geschützt wie die westliche Moderne. Der Intellektuelle ist durch Kommerzialisierung und Anonymität des Marktes heute frei von persönlicher Abhängigkeit von Fürst und Mäzen. Urheberrecht, Meinungsfreiheit und Toleranz schützen den Intellektuellen vor den Opfern seiner Kritik. Hinzu kommt seine wachsende gesellschaftliche Anerkennung. Nie zuvor waren Intellektuelle sozial derart abgesichert und vor Verfolgung geschützt, so frei und anerkannt. Dennoch – ein erheblicher Teil der Intellektuellen im Westen vertritt eine Art Fundamentalopposition gegen dieses System und verbindet diese mit einer Parteinahme für die Feinde der westlichen Gesellschaften. So verhielten sich viele Intellektuelle sehr ehrerbietig gegenüber Gesellschaften, die Intellektuellen entscheidende Existenzbedingungen (s.o.) verwehrten. Es enstand eine regelrechte Xenophilie mitsamt einer feindlichen Haltung gegenüber der eigenen Gesellschaft, die längst ermüdend konform geworden ist. 1957 merkte Albert Camus an: „Der Ort der Konformität ist heute die Linke“. Das Vakuum der Abwendung von der eigenen Gesellschaft musste aber irgendwie gefüllt werden. Man suchte eine Art irdisches „Neues Jerusalem“ oder, wie Hollander sagte: „Der Glaube an einen diesseitigen Himmel nahm in dem Maße zu, wie der glaube an den jenseitigen schwand.“ Es ging um Religionsersatz – die Utopie einer vollkommenen Gesellschaft oder deren Projektion auf fremde Gesellschaften. Einen zentralen Platz nimmt dabei stets die Abschaffung des Geldes ein. Dem korrespondiert gewissermaßen, dass man im klassischen Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft – der kommunistischen – weniger ökonomische, sondern mehr immaterielle, spirituelle Errungenschaften pries: „In der Sowjetunion hat man das Gefühl, sich auf dem moralischen Gipfel der Welt zu befinden.“ (Edmund Wilson). Ein paar Millionen Ermorderte müssen der Bindung an den Kommunismus eben nicht abträglich sein. Die Gefahr des Konsumismus ist ebenfalls gebannt – es gibt ja sowieso nichts zu kaufen… Die Suche nach Sinn und Gemeinschaft bringt zuweilen eine groteske Realitätsblindheit hervor. Die eigene Gesellschaft verweigert sich aber gerade der Funktion Sinn und Bedeutung zu geben. Gerade das aber will der Intellektuelle: Gesinnungsethik statt Verantwortungsethik. Solange der Intellektuelle am welthistorischen Projekt der Säkularisierung teilnehmen konnte, fand er darin Sinn – seit ihrer Verwirklichung wird sie aber zum Problem. Für Utopien sind die westlichen Gesellschaften nicht mehr zu haben – sie fassen sich nicht als Projekt auf und lassen sich nicht so auffassen. Das Leiden am Sinnmangel rationalisiert der Intellektuelle durch stets neue Objekte seiner Kritik und am besten durch die Konstruktion eines Verblendungs- oder Unheilszusammenhangs.
Heute sieht es allerdings so aus, als sei die Nachfrage nach einer „neuen Priesterherrschaft“ der Intellektuellen eher gering. Sie haben Einfluß, Macht haben sie aber nicht. Es handelt sich ja auch im Wesentlichen um „als-ob-Utopisten“ aus recht krisenfreien, hedonistischen Zeiten. So hat sich eine - unter unseren Bedingungen - letztlich ziemlich harmlose Spezies entwickelt.

Montag, 8. Oktober 2007

K.-H.Bohrer: Dekadenz - Kein Wille zur Macht

Im folgenden einige Gedanken von Karl-Heinz Bohrer zum Thema: "Dekdanz - Kein Wille zur Macht." aus dem gleichnamigen Artikel in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 8/9 2007, S.659-667.

Ein Kriterium von Dekadenz ist der Verlust von Macht, der sich klassischerweise militärisch niederschlägt. Sollte nun aber doch der in Deutschland weitgehend tabuisierte Ernstfall, der Verteidigungsfall, eintreten, wäre Deutschland wahrscheinlich weder verteidigungsfähig, noch verteidigungsbereit. Die technische Kapazität der Luftwaffe etwa, ist so zurückgeblieben, dass sie weder zum Angriff noch zum verteidigen taugt. Allerdings würde die Mehrheit der Bevölkerung wohl sowieso lieber die Besatzung des Landes hinnehmen, als es zu verteidigen. Angesichts dieser objektiv-militärischen Dekadenz wirkt die pathetisch vorgetragene Formel: "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen" wie die Zusicherung des Hasen an den Löwen, ihn nicht wieder zu beißen. Was geschehen würde, wenn deutsche Soldaten in Kampfhandlungen zu Tode kämen (etwa im Süden Afghanistans) mag niemand vorherzusagen - daher belässt die Regierung die Soldaten lieber im Norden. Die unabstreitbare Möglichkeit, wenn nicht Notwendigkeit, Militär auch zur Klärung von Machtfragen einzusetzen, wird zugunsten des Versuchs einer Nichtteilnahme an der internationalen Politik, oft wegen einer angeblichen Überholtheit militärischen Engagements überhaupt, aufgegeben. Das beruht auch darauf, dass in Deutschland Macht und Recht durch ein Misverständnis als getrennte Größen gesehen wurden/werden. Das Prinzip von Eminenz genügt allein schon völlig, um als soziales Tabu zu gelten. So geht es nicht nur um einen pazifistische Einstellung im Kriegsfall, sondern um generelle Mentalitäten: Schamlosigkeit, mangelnde Qualifikation(sbereitschaft), Selbstmitleid, Mutlosigkeit, Maß- und Haltlosigkeit. Die Haltungen des sich-gehen-lassens, die öffentliche Formlosigkeit breitet sich in allen Gesellschaftsschichten aus. Die traditionelle Oberschicht wird durch eine Funktionselite ersetzt, die weder institutionell noch gesellschaftlich Vorbild ist, sie hat keinen kulturellen, moralischen oder geistigen Anspruch. Der aristokratische Tugendkanon hat in Deutschland keine Nachwirkung gehabt. Es gibt keine private Miserabilität, keine private Obszönität, keine private Häßlichkeit, die qua Massenmedien nicht zum öffentlichen Bewusstsein gebracht würde und dort inzwischen normative Wirkung zeigt. Für die Politik heißt das ihre Selbstreduktion auf die Sozialhilfe. Man befindet sich in einer "postheroischen Gesellschaft", die sich durch einen Willen zur Macht auszeichnet: kulturell, moralisch, politisch. Wer auf Macht verzichtet, verzichtet aber auf Politik.