Freitag, 30. November 2007

Jean Guitton: Warum an Gott glauben?

Dies ist der 3.Teil der kleinen Skizzen zu Jean Guitton. Die folgenden Gedanken sind entnommen: Guitton, Jean: Mein jüngstes Gericht, 28ff.

Pascal: Guitton, es geht um ihr Seelenheil. Warum glauben Sie an Gott?
Guitton: Der Grund ist, dass es mir schwer fällt an Gott zu glauben. Wäre es einfach, an Gott zu glauben, so wäre das für jedermann leicht zugänglich. Gott wäre dann allerdings nicht transzendent - er wäre nicht Gott. Wenn Gott aber Gott ist, besteht zwischen Ihm und uns eine große Diskrepanz. Es versteht sich dann, dass wir uns, sozusagen auf die Zehenpitzen unseres Geistes stellen müssen, um ihn wahrzunehmen. Wir würden die Existenz Gott lieber aus uns selbst herleiten können. Aber wenn wir das könnten, wäre der oder das Hergeleitete nicht mehr Gott. Das, was wir aus uns selbst herleiten, kann nicht Gott sein, denn es würde sich auf unserem Niveau befinden. Soviel dazu, wie es nicht geht.
Andererseits glaube ich in jedem Fall an das Absolute. Man muss einerseits das Absolute und andererseits Gott unterscheiden. Beide Wörter bezeichnen eine identische Wirklichkeit, drücken aber zwei verschiedene Ideen aus. Das Absolute steht für den ersten Ursprung, das grundlegende Prinzip des Seins und des Geistes, den absolut Ersten, Den, der ewig bleibt, unvergänglich und ohne Anfang, das Wesen, dessen Leben alles trägt. Die Vorstellung von Gott bedeutet hingegen alles, was vom Absoluten gesagt wurde - was schon sehr viel ist - und noch mehr. Es bedeutet, dass das Absolute ein denkendes, wollendes, liebendes Wesen ist. Gott ist jemand, zu dem man beten kann. Die Idee Gottes ist also ein Absolutes, das gleichzeitig eine Person ist. Die eigentliche Frage an der Sache ist: Ist das Absolute Gott? Denn das es ein Absolutes gibt, daran zweifelt kaum jemand. Wählen können wir nur zwischen dem Glauben an ein unpersönliches nicht-transzendentes Absolutes und dem an ein persönliches, transzendentes Absolutes. Die Wahl zwischen Pantheismus und Theismus. Das pantheistische Konzept einer unendlichen Gesamtheit lässt nichts außerhalb, ruht in sich selbst, gegründet in seiner eigenen Substanz. Der Mensch ist in diesem Szenario einerseits göttlich, andererseits aber doch nur ein kleines Rädchen in der unendlichen Gesamtheit. Im Theismus ist Gott nicht die Gesamtheit und die Gesamtheit nicht Gott. Gott ist transzendent, persönlich, freier Schöpfer. Der Anthropomorphismus, der darin liegt, entspricht dem Theomorphismus, in dem Gott den Menschen geschaffen hat. Insofern verwirft der Atheist war eine bestimmte Gottesvorstellung, aber der Glaube an das Absolute bleibt. Jeder Mensch ist Atheist in Bezug auf alle Gottesvorstellungen, die er nicht teilt.
Fraglich erscheint aber noch, ob man wirklich davon ausgehen kann, dass alle Menschen an das Absolute glauben. Hier ist es aufschlussreich, sich mit den atheistischen Denkschulen zu befassen. Die Materialisten erheben die Materie in den Rang des Absoluten, die Idealisten tun dasgleiche mit dem Geist oder dem Ich oder der Vernunft. Selbst wer sich dazu versteigt, das Absolute völlig abzulehnen, konzipiert letztlich eine nihilistische Metaphysik und zieht das Nichts als das Absolute heran. Und die Anerkennung des Absoluten durch jedermann ist auch berechtigt: Ohne das Absolute könnte es keine Wahrheit geben. Und wie sollte der Verstand ohne die Idee der Wahrheit funktionieren, die im Absoluten verankert ist? Ohne die Idee des Absoluten gibt es den Leitgedanken der Wahrheit nicht, und ohne den Leitgedanken der Wahrheit gibt es keine funktionierende Vernunft. Es gibt also keine Vernunft, die nicht irgendwie die Idee des Absoluten einschließt.
Warum sollte man sich aber nun für die Idee eines persönlichen Absoluten entscheiden und nicht für den Pantheismus? Weil es viel plausibler ist, dass die Welt auf einer Entscheidung beruht, als auf Zufall. Es erscheint viel plausibler, dass die Materie ihre Eigenschaften im Hinblick auf ein künftiges Leben mitbekommen hat. Würde dies alles auf Zufall beruhen, könnte es kaum die Koordinierung zwischen den einzelnen Entwicklungen und den Fakten geben, die man sonst als puren Zufall ansehen müsste und der dabei einen Grad von Unwahrscheinlichkeit erreicht, den man nur noch akzeptieren kann, wenn man nicht will, dass die Schöpfung auf eine Entscheidung zurückgeht.

Dienstag, 27. November 2007

Erik von Kuehnelt-Leddihn: "Wenn es Gott nicht gibt"


Eine Zusammenfassung aus: Kuehnelt-Leddihn, Erik von: Die falsch gestellten Weichen. Der Rote Faden 1789-1984. S. 424-427.

Geschichtskenntnisse, Wissen und Erfahrung sind wichtig für die Regierungen, alleine retten werden sie uns aber nicht. Unbedingt nötig sind ebenfalls ethische Bindung, die - wenn sie wirkungsvoll sein sollen - nur religiöse Bindungen sein können. Die menschliche Natur entwickelt von selbst, ohne Religion, nicht eine Ordnung und Ethos, das dem besten des Einzelnen und der gesamten Menschheit entspricht. In dem Moment, wo die religiösen Grundlagen aufgegeben werden ist auch gleich 'der Teufel los'. Napoleon wusste: "Wenn man dem Volk seinen Glauben nimmt, dann wird man schließlich nichts als Straßenräuber haben." Für eine Übergangszeit mag sich eine wurzellos gewordene Moral noch halten, aber auf die Dauer kann sie ohne religiöse Wurzeln nicht leben. Intellektuelle Schemata verpflichten zu nichts. Sie bleiben Privatmeinungen. "Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt" (Dostojewski). Es bleibt dann nur die angst vor der Strafe - aber was, wenn Gebote und Verbote unmoralisch werden, wenn das Böse gar nicht mehr mit Strafe belegt wird?
Dazu kommt, dass den ungeheuren und ungeheuerlichen Entwicklungen in Technik und Naturwissenschaften keine religiöse oder sittliche Vertiefung gegenüberstehen. Mit Moralsprüchen ist keine Kultur oder Zivilisation zu machen und ohne Ewigkeitswerte schwellen die politischen Leidenschaften stetig an.
Eine Kirche, die eine seelische und sittliche Kraft darstellt, muss stark profiliert sein. Eine Kirche, die keine Abstoßungskraft hat, hat auch keine Anziehungskraft. Dieses feste Ethos benötigt Autorität. So ist die Krise des Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins der Kirchen von der Krise der Moral nicht zu trennen. Eine freischwebende Religiosität kann nach Belieben geformt und genormt, den Lüsten und Gelüsten geschickt angepasst werden. Die Kirche aber muss Lehrerin und Mahnerin sein. Das betrifft auch die Sexualmoral. Wenn die Kirche die echte Liebe hüten will, darf sie von der Liebe losgelöste Sexualität nicht dulden. Zwischen beiden besteht Feindschaft. Eine Zeit liberalisierter und gesteigerter Sexualität hat es die wirkliche Liebe nur umso schwerer.

Montag, 26. November 2007

Erik von Kuehnelt-Leddihn: Mehrheitsherrschaft

Aus: Erik von Kuehnelt-Leddihn: Die falsch gestellten Weichen. Der rote Faden 1789-1984. S. 420-422.

Zur demokratischen Mehrheitsherrschaft gehört das Prinzip des ewigen Wechsels. Das führt zum einen dazu, dass jede regierende Partei alles daran setzt, die nächste Wahl zu gewinnen (zum Vorteil oder zum Nachteil des Landes). Wenn aber der Wechsel doch vollzogen wird, kommen neue Amateure und alle langfristigen Planungen sind dahin. Besonders beliebt sind Regierungswechsel bei Wirtschaftskrisen. Diese zu bewältigen liegt selten bei den nationalen Regierungen, aber dies stört die Wähler nicht. Denn diese lassen sich durch die Parteien gerne bestechen. Es ist zwar illegal einen Bürger für die Wahl einer Partei zu bezahlen, man darf ihm aber durchaus Geld versprechen und derart läuft ein Wahlkampf im Prinzip ja auch. Objektiv gesehen ist das nichts als Massenkorruption.
Ein Problem ist in der Mehrheitsherrschaft die Angst vor der Macht. Aber Macht erweitert schlicht das persönliche Potenzial, die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Macht führt nicht zu Korruption, wie Armut und Schwäche nicht zu Rechtschaffenheit führt. Es kommt darauf an, dass das Gute an der Macht ist. Es darf nicht nachgebend sein um den Sieg des Bösen zu ermöglichen. Davon abgesehen löst sich Macht nicht einfach auf. Dadurch dass sie diffus auf alle und jeden verteilt wird, verschwindet sie ja nicht. Hat ein Monarch unter 20 Millionen Mitmonarchen wirklich mehr Einfluß, als einer, der unter einem König lebt? Voltaire dazu: Lieber unter der Pranke eines Löwen leben als unter den Zähnen von tausend Ratten, meinen Mitbürgern.

Sonntag, 25. November 2007

Christkönig - Das Wesen des Königtums Christi


Die katholische Kirche begeht heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, das Fest Christkönig. Das gläubige Volk bekennt sich zu seinem Heiland und Herrn Jesus Christus.

Was aber bedeutet es, dass Christus ein König ist -oder noch besser: unser König? Papst Pius XI. (auf beistehendem Foto abgebildet), der das Christkönigsfest mit dem Rundschreiben "Quas primas" 1925 einführte, gibt darauf anläßlich der Einsetzung des Hochfestes einige Antworten (in deutscher Übersetzung findet sich Quas primas unter: http://www.stjosef.at/dokumente/quas_primas.htm.


Das Wesen des Königtums Christi

Jesus Christus ist nach der Hl.Schrift und der Lehre der Kirche sowohl Erlöser, als auch Gesetzgeber der Menschen, ihm vertrauen wir und ihm gehorchen wir. Die Liebe, die wir Christus erweisen zeigt sich in der Beobachtung seiner Gebote (etwa Joh 14,15). Christus ist aber nicht nur der Gesetzgeber, er ist auch Richter (Joh 5,22) und seine Herrschaft erstreckt sich über alle. Allerdings ist diese Herrschaft vornehmlich geistiger Natur und betrifft die geistigen Belange, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Der Eintritt in dieses Reich wird durch Buße vorbereitet und durch Glauben und die innere Wiedergeburt in der Taufe erlangt. Man kann das Walten Christi als Erlöser und Priester nicht von seinem Königtum trennen. Dieses Königtum fordert daher Lösung vom Irdischen, Milde, Gerechtigkeit und Selbstverleugnung. Seinen vielleicht bewegensten Ausdruck findet dieses Königtum Christi im Bekenntnis des Räubers, der neben Christus gekreuzigt wird: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Auf diese Anerkennung als Herr und König seines Reiches verheißt Jesus dem Räuber das Paradies, noch an diesem Tag. Christus ist der ewige König unserer unsterblichen Seelen.

Andererseits sind auch die zeitlichen Dinge Christus unterstellt, der über sie umfassende Herrschaft von Gott dem Vater erlangt hat. Jesus Christus ist die Quelle des Heiles, des persönlichen, aber auch des gemeinschaftlichen, staatlichen Lebens. So schrieb Pius XI. 1922 in seiner Enzyklika Ubi arcano: "Hat man Gott und Jesus Christus aus der Gesetzgebung und der Politik hinausgewiesen und leitet man die Autorität nicht mehr von Gott her, sondern von den Menschen, dann fehlt den Gesetzen ihre wahre und wirksame Sanktion, dann fehlen ihnen die höchsten Kriterien des Rechtes – und das haben schon heidnische Philosophen wie Cicero begriffen, daß Menschengesetze nur im ewigen Gesetz Gottes verankert sein können; ja sogar die Grundlage der Autorität ist zerstört in dem Augenblick, da man die Quelle verschüttet, aus der den einen das Recht zufließt zu befehlen, den andern die Pflicht zu gehorchen. So mußte mit unerbittlicher Notwendigkeit das ganze Gesellschaftsleben erschüttert werden; es war eben jeder festen Stütze und jedes Schutzes beraubt und wurde ein Tummelplatz für die Parteien; diesen aber ist es nur zu tun um den Besitz der Macht, nicht um das Wohl des Vaterlandes." Die Ausrichtung am Königtum Christi hingegen würde der Gesellschaft gerechte Freiheit, Ordnung und Ruhe, Eintracht und Frieden. Pius XI. hierzu in Quas primas: "Wie nämlich die königliche Würde Unseres Herrn der menschlichen Autorität der Fürsten und Staatsoberhäupter eine religiöse Weihe verleiht, so adelt sie die Pflichten der Bürger und ihren Gehorsam." Auf der anderen Seite werden die Fürsten und Staatsmänner, wenn sie davon überzeugt sind, anstelle des göttlichen Königs zu handeln, ihre Autorität weise und heilig einsetzen und auf das allgemeine Wohl und die menschliche Würde der Untergebenen Rücksicht nehmen. Auf diese Weise zeigt sich die Herrschaft Christi auch in den zeitlichen Ordnung und will durch sie ihren Ausdruck finden.
Diese Gewissheiten zu festigen und zu verbreiten ist Aufgabe des Festes Christkönig.

Mittwoch, 21. November 2007

Wenn das Salz dumm wird



Folgender Dialog findet sich im Buch "Cordula oder der Ernstfall" des sehr beachtenswerten schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (geb.1905), der zwischen seiner Ernennung zum Kardinal und dem Vollzug der Erhebung in den Kardinalsstand 1988 vollendet wurde.






Des Toren Weisheit ist ein Trümmerhaufen,
Des Narren Einsicht unverstandenes Gerede
(Sirach 21,18)


Der wohlgesinnte Kommissar: Genosse Christ, kannst du mir einmal klaren Wein einschenken darüber, was mit euch Christen los ist? Was wollt ihr eigentlich noch in unserer Welt? Worin seht ihr eure Daseinsberechtigung? Was ist euer Auftrag?

Der Christ: Zunächst einmal sind wir Menschen wie andere auch, die am Aufbauwerk der Zukunft mitarbeiten.

Der Kommissar: Das erste glaube ich dir, und das zweite will ich hoffen.

Der Christ: Wir sind nämlich seit neuestem "weltoffen", einzelne von uns haben sich sogar ernsthaft "zur Welt bekehrt"

Der Kommissar: Das scheint mir ein verdächtiges Pfaffengerede. Wäre ja noch schöner, wenn ihr, "Menschen wie andere auch", euch erst noch zu einem menschenwürdigen Dasein zu bekehren hättet. Also zur Sache. Warum seid ihr noch Christen?

Der Christ: Wir sind heute mündige Christen, wir denken und handeln in eigener sittlicher Verantwortung.

Der Kommissar: Will ich ebenfalls hoffen, wenn ihr euch schon als Menschen ausgebt. Aber ihr glaubt doch irgendwas Besonderes?

Der Christ: Das ist nicht so wichtig, auf das epochale Wort kommt es an, der Ton liegt heute auf der Nächstenliebe. Wer den Nächsten liebt, der liebt Gott.

Der Kommissar: Falls er existieren würde. Aber da er nicht existiert, liebt ihr ihn eben nicht.

Der Christ: Wir lieben ihn einschlußweise, ungegenständlich.

Der Kommissar: Aha, euer Glaube hat also keinen Gegenstand. Wir kommen weiter. Die Sache klärt sich.

Der Christ: Ganz so einfach ist sie allerdings auch nicht. Wir glauben an Christus.

Der Kommissar: Auch schon gehört von dem. Aber scheints weiß man historisch verflixt wenig von ihm.

Der Christ: Zugegeben. Praktisch nichts. Darum glauben wir weniger an den historischen Jesus als an den Christus des Kerygmas.

Der Kommissar: Was ist das für ein Wort? Chinesisch?

Der Christ: Griechisch. Es heißt die Verkündigung der Botschaft. Wir fühlen uns vom Sprachereignis der Glaubensbotschaft betroffen.

Der Kommissar: Und was steht denn in dieser Botschaft?

Der Christ: Es kommt drauf an, wie man von ihr betroffen wird. Sie kann einem die Vergebung der Sünden zusprechen. Das war jedenfalls die Erfahrung der Urgemeinde. Sie muß dazu angeregt worden sein durch die Ereignisse um den historischen Jesus, von dem wir freilich nicht genug wissen, um sicher zu sein, daß er ...

Der Kommissar: Und das nennt ihr Konversion zur Welt. Ihr seid ja die gleichen diffusen Dunkelmänner wie eh und je. Und mit solch diffusem Geschwätz wollt ihr am Aufbau der Welt mitarbeiten!

Der Christ (spielt seinen letzten Trumpf): Wir haben Teilhard de Chardin! Er hat in Polen eine große Wirkung!

Der Kommissar: Haben wir selbst schon. Brauchen wir nicht erst von euch zu erwerben. Aber schön, daß ihr endlich auch soweit seid; tut bloß noch den mystischen Krimskrams hinaus, der hat mit Wissenschaft nichts zu tun, dann können wir uns miteinander über die Evolution unterhalten. Auf die andern Geschichten lasse ich mich nicht ein. Wenn ihr davon selber so wenig wißt, seid ihr nicht weiter gefährlich. Uns spart ihr damit eine Kugel. Wirt haben in Sibirien sehr nützliche Lager, dort könnt ihr eure Menschenliebe beweisen und tüchtig an der Evolution mitarbeiten. Es wird mehr dabei herauskommen als auf euren deutschen Kathedern.

Der Christ (etwas enttäuscht): Sie unterschätzen die eschatologische Dynamik des Christentums. Wir bereiten das kommende Reich Gottes. Wir sind die wahre Weltrevolution. Egalité, liberté, fraternité: das ist ursprünglich unsere Sache.

Der Kommissar: Schade, daß andere die Schlacht für euch schlagen mussten. Nachträglich ist es nicht schwer, dabei zu sein. Euer Christentum ist keinen Schuß Pulver wert.

Der Christ: Sei sind bei u n s dabei! Ich weiß wer sie sind. Sie meinen es ehrlich, sie sind ein anonymer Christ.

Der Kommissar: Nicht frech werden, Junge. Auch ich weiß jetzt genug. Ihr habt euch selber liquidiert und erspart uns damit die Verfolgung. Abtreten.

Montag, 19. November 2007

Hl.Elisabeth von Thüringen

Elisabeth wurde 1207 als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. geboren. Die Lebensumstände der Herrscherfamilie waren unruhig, zwei Jahre vor der Geburt Elisabeths hatte Andreas die Königswürde nach langen Bruderkämpfen errungen, seine Herrschaft wurde jedoch immer wieder von Aufständen des Hochadels erschüttert. Elisabeths Mutter war zudem im Land sehr unbeliebt, sie fiel 1213 einer Verschwörung zum Opfer. Bemerkenswert ist, daß neben Elisabeth noch eine zweite Heilige aus dem ganz engen Familienkreis hervorging: Ihre Schwester Hedwig, vormals Herzogin und spätere Patronin Schlesiens.
Schon 1211 wurde Elisabeth an den Hof der thüringischen Landgrafen geholt, da sie zur Braut des Prinzen Hermann bestimmt war. Das dunkelhaarige, braunäugige Kind hob sich schon damals durch sein Temperament von den anderen Kindern ab. Aber nicht nur dadurch: Ihre reiche Kinderseele brachte schon manche kindliche Frömmigkeitsübung hervor.
1215 starb der ihr zugedachte Bräutigam Hermann. Nach einer Phase der Ungewißheit für das achtjährige Kind, erklärt Hermanns Bruder, Prinz Ludwig, dass er Elisabeth zur Braut nehmen wird. Doch noch mehr Veränderungen stürzen über Elisabeth herein. 1216 stirbt Landgraf Hermann, eine skrupellos-opportunistische Natur. Um seine Sünden zu sühnen tritt seine Frau Sophie nach seinem Tod in ein Zisterzienserinnenkloster ein. So ist auf einmal Elisabeths Bräutigam Ludwig Regent der thüringischen Lande.
1221 wird die Ehe zwischen Elisabeth und Ludwig geschlossen und 1222, 1224 und 1227 mit Kindern gesegnet. Die Ehe erscheint überaus glücklich und war von z.T. unkonventionellen Freiheiten gezeichnet; so saßen die Ehegatten bei Mahlzeiten nebeneinander oder reisten zusammen, was schon fast als anstößig empfunden wurde. Dennoch war es für den Grafen nicht immer einfach, mit einer Frau wie Elisabeth verheiratet zu sein. Die Legende überliefert uns, daß der Hl.Elisabeth einmal nach einer Gebetszeit in der Kirche der Herr Jesus in der Gestalt eines Aussätzigen erschien. Er begehrte, in ihr Gemach, ja schließlich auf das Lager des Landgrafen geführt zu werden. Elisabeth tat wie ihr geheißen. Ihr Gatte erfuhr aber umgehend davon. Zornig wollte er nachsehen, was es damit auf sich habe. Elisabeth erschrak, doch als Ludwig eintrat, lag nicht der Aussätzige auf seinem Bett, sondern dieses war mit Rosen und Lilien bestreut. Elisabeth trug aber einen Topf mit Seifenlauge, mit der sie den Aussätzigen gewaschen hatte. Als Ludwig, schon deutlich milder gestimmt, die Gerätschaften zu sehen wünschte strömte ein so köstlicher Duft wie von Balsam aus. Oben auf dem Topf lagen himmlische Rosen. Schließlich schlug der Landgraf die Decke seines Lages zurück - da sah er auf dem Bett ein wundersames Kruzifix mit blutigen Wunden liegen, und die heiligen fünf Liebesmale benetzten sein Bettuch, so daß das Laken noch heute diese Zeichen aufweist. Da erschrak er, fiel auf seine Knie und sprach: "Erbarme dich, o Herr, über mich armen Sünder. Ich bin nicht würdig, diese Dinge zu sehen."
Doch das eheliche Glück sollte nicht von allzulanger Dauer sein. Landgraf Ludwig schließt sich dem Kreuzzug an und stirbt am 11.9.1227 in Otranto an einer Seuche. Als sie die Todesnachricht erhält ruft Elisabeth weinend aus: "Gestorben? Dann ist mir die Welt gestorben und alles, was die Welt bieten kann!" Elisabeth war zwanzigjährig verwitwet. Zu dieser Zeit war schon ein anderer Mann in ihr Leben getreten, der sie stark formen sollte: Magister Konrad von Marburg, päpstlicher Kreuzzugsprediger und Elisabeths Beichtvater. Unter seinem Einfluß hatte Elisabeth gelobt, für den Fall des Todes ihres Gatten ehelos zu bleiben. Auf der Wartburg war Elisabeth nicht gut gelitten, man befürchtete, daß sie sich weiter ohne berechnende Planungen den Armen zuwenden und vielleicht noch strenger als vorher die Speisegesetze handhaben würde. Elisabeth verließ daher nach der Bestattung ihres Gatten im Mai 1228 die Wartburg und ging nach Marburg. Auch ihre Verwandten hielten nicht zu ihr, sogar die Armen, um die sich schon hingebungsvoll gekümmert hatte, wandten sich von ihr ab. Der Tod ihres Gatten hatte sie ganz auf sich, nein, auf Christus geworfen. Die Welt war ihr gestorben - und hat sich doch wieder ganz neu geöffnet.
Elisabeths Frömmigkeit drückte sich nicht in erster Linie in Kontemplation und Anbetung aus, sondern im Dienst am Mitmenschen, ähnlich dem Gedankengut des Hl. Franz von Assisi. Noch stärkerer Bezugspunkt für Elisabeth war allerdings Bernhard von Clairvaux, dessen ekstatische Leidenschaft in der Christusnachfolge sie teilte.
Die Zeit in Marburg - sie sollte nur drei Jahre dauern - war eine Zeit, die Elisabeth ganz Gott zur Verfügung stellte. Ihre Kinder hatte sie untergebracht, um sich ganz dem Dienst an den Armen zu verschreiben.
Schon im Sommer 1228 wurde das Hospital in Marburg errichtet, der bevorzugte Wirkungsort Elisabeths. Es war weniger ein Ort der Heilung, als mehr ein Ort der Barmherzigkeit. Dort wurden Kranke aufgenommen, die einsam waren und niemanden hatten, der sich um sie kümmerte, aber auch Kranke, die wegen ihrer Hilflosigkeit, der Schwere, der Gefährlichkeit oder Ekelhaftigkeit ihrer Krankheit in der Hausgemeinschaft nicht versorgt oder ertragen werden konnten. Außerdem wurden auch Arme, Alte und Hungernde versorgt. Es war aber auch ein Ort der Seelsorge, vornehmlich durch die Heilige selbst, und des Gottesdienstes, der von vornherein auch baulich vorgesehen war. Elisabeth war die umbestrittene Leiterin der Hospital-Genossenschaft, aber sie war sich für nichts zu schade: Sie spülte Geschirr und kochte, reinigte die Unterkünfte, bettete und badete die Kranken, lüftete und versorgte die Lagerstätten. Elisabeths Liebe war unbeschränkt und unberechnend. In gewisser Weise war dies wohl auch ein Grund, warum das Hospital in arge Finanznöte kam, was die Schwestern samt Elisabeth dazu veranlaßte allerniedrigste Arbeit zu verrichten, nämlich Wolle zu spannen. Aber gerade dieses Leben enstprach der Frau, die nach dem Ende ihrer irdischen Liebe Erfüllung des Daseins in einem Leben der Christusliebe, der Hingabe an andere und für andere fand. Sie gehört zu dem breiten Strom der Gläubigen, der v.a. zu Beginn des 13.Jahrhunderts in Selbstüberwindung und äußerster Zuwendung zu den Leiden des anderen die Gemeinschaft mit dem Heiland empfand.
Schon erwähnt wurde die Gestalt, die Elisabeth entscheidend prägte, Konrad von Marburg. Zwischen 1170 und 1178 geboren, hatte er während seines Studiums in Bologna Kontakte zum späteren Papst Gregor IX. geknüpft. Dieser machte ihn nicht nur zum Kreuzzugsprediger, sondern sondern auch zum Diplomaten und päpstlichen Legaten. Elisabeth und Konrad waren beide in ihren Anschauungen von Bernhard von Clairvaux geprägt. Konrad war von außerordentlicher Strenge, die er gegen sich, aber auch gegen sein Beichtkind richtete. Dies war auch der Wunsch Elisabeths. Dennoch lag ein Teil seiner Aufgabe darin, Elisabeth von ihren nicht selten auftretenden, etwas überspannten Ideen abzuhalten, so wollte sie betteln gehen oder ihren ganzen Besitz verschenken (was die Arbeit des Hospitals natürlich unmöglich gemacht hätte). Konrad versuchte Hingabe und Opfer in ein vernünftiges Maß zu bringen. Elisabeth schenkte, ohne groß danach zu fragen, ob ihre Gabe in diesem Moment sinnvoll oder angemessen war, ob sie dem Empfänger mehr schaden als nützen würde, ob sie ihre Spitalgenossen überlastete. Unerwähnt soll aber nicht bleiben, daß Konrad auch vor geradezu grausamen körperlichen Strafen gegenüber Elisabeth keineswegs zurückschreckte, daß er sie immer wieder schlug, war dagegen fast harmlos. Mit zunehmenden Alter verdunkelte sich Konrads Charakter immer mehr, er war in seinem Amt als Großinquisitor Deutschlands gefürchtet und verhaßt, 1233 wurde er überfallen und erschlagen. Auf Elisabeth hatte seine Frömmigkeit, trotz der dunklen Tiefen seines Charakters, aber eine außerordentlich prägende Wirkung.
Schließlich ist nach der Quelle des Handelns und Lebens der Hl.Elisabeth zu fragen. Es ist der erlebte Christus, der ihr im verkündigten Wort, im ekstatisch-visionären Erlebnis und im Sakrament begegnete. Aus ihrer Umgebung heißt es, daß über ihr Gesicht lächelnder Glanz und fast im gleichen Augenblick lautlose Tränen gelaufen seien. Elisabeth hat einmal gestanden, sie habe gelacht, wenn der Herr sich ihr zugewendet habe, und geweint, wenn er sich abgewendet habe. Ein anderer Wesenszug ihrer Frömmigkeit war ihre Fröhlichkeit. Sie wollte die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, fröhlich machen, sie freute sich, wenn ihre Mildtätigkeit und Liebe die Armen dazu brachte zu lachen, zu singen und sich wohlzufühlen. Die Gestalt Elisabeths verdichtet sich zwischen diesen beiden Polen: Die strenge, zuchtvolle, sich selbst verzehrende Frömmigkeit nach dem Vorbild des Hl.Bernhard (repräsentiert durch Beichtvater Konrad) und die Fröhlichkeit der freudigen Geberin, vielleicht am ehesten zu vergleichen mit der Freude des Armen Christi, des Hl.Franziskus.
Elisabeth starb in der Nacht vom 16. auf dem 17.11.1231 (24jährig). Von ihrem Tod berichten uns ihre Mägde Elisabeth und Irmengard: "Als wir um ihr Sterbelager saßen, sagte die selige Elisabeth zu uns: Was würden wir tun wenn der Teufel sich uns jetzt zeigte? Etwas später rief sie laut, wie um den Teufel zu vertreiben: Hinweg! Hinweg mit dir! Und fortfahrend: Nun wollen wir von Gott und dem Jesuskind sprechen, es geht ja auf Mitternacht, die Stunde, in der Jesus geboren wurde, in der Krippe lag und in seiner Allmacht den neuen Stern erschuf, den niemand vorher gesehen hatte. Bei solchem Reden war sie so heiter, als ob sie nicht krank wäre. Sie sagte: Wenn ich auch schwach bin, so fühle ich mich doch gar nicht krank. Vor ihrem Heimgang sprach sie so: Schon naht die Zeit, da der allmächtige Herr seine Freunde rufen wird! Die Selige hat den ganzen Tag vor ihrem Tod in großer Frömmigkeit und Andacht zugebracht. In ihrer Sterbestunde lag sie wie schlummernd und verschied."
Schon am Tag nach ihrer Beisetzung am 19.November wurden die ersten Wunderheilungen an ihrem Grab berichtet. Magister Konrad begann sofort nach Elisabeths Tod, den Heiligsprechungsprozeß zu betreiben. Am 27. Mai 1235, nur vier Jahre nach ihrem Tod, wurde Elisabeth zur Heiligen erhoben. Am 1. Mai 1236 wurden ihre Gebeine unter Anwesenheit zehntausender (!) Menschen und Kaiser Friedrich II. selbst erhöht und in der Hospitalkapelle zur Verehrung ausgestellt und dort beigesetzt.

Samstag, 17. November 2007

Adam Müller: Die Elemente der Staatskunst

Folgende Zeilen sind eine Zusammenfassung von Adam Müller: Die Elemente der Staatskunst, in: Theorie der Romantik, hg. von Werner Uerlings, Stuttgart 2000.

Ein dreifacher Irrtum über den Staat

1) Treffen nicht alle unglücklichen Irrtümer der Französischen Revolution in dem Wahn überein, der Einzelne können aus der gesellschaftlichen Verbindung heraustreten und sie von außen verändern indem er gegen das Werk der Jahrhunderte protestiert und die vorfindlichen Institutionen nicht anerkennt? Steht dahinter nicht die irrige Vorstellung, der Mensch könne eine Stelle außerhalb des Staates einnehmen und diesem von dort einen neuen, vollkommenen Weg vorzeichnen, aus dem alten Staatskörper einen neuen machen?
2) Tun nicht viele Denker so, als ob erst jetzt Staaten in die Welt kommen würden? Die großen Werke der Staatskunst gehen nur als armseliger Versuch in einer Geschichte durch, die als Feld der Experimental-Politik empfunden wird. Gerade so als stände man am Anfang der Zeiten oder an ihrem Ende und wäre in der Lage die Zukunft vorauszuwissen. Auch wer sich so verhält, will eine Stelle außerhalb des Staates beziehen und von dort urteilen.
3) Der Staat wird oft als nützliche Erfindung, als bloße Anstalt des gemeinen Besten gesehen. Eine gegenseitige Sicherheits-Versicherung gegen mancherlei Unbequemlichkeiten. Aber ist es so, dass der außerhalb des Staates stehende Staatsmann wie ein Tischler einen Staat fertigt und der Kunde, die bedürftige Nation, wählt darunter den zweckmäßigsten, bequemsten und modernsten aus?

Eine dreifache Wahrheit über den Staat

1) Jeder Mensch steht in der Mitte des bürgerlichen Lebens, von allen Seiten in den Staat verflochten da; und sowenig er aus sich selbst heraustreten kann, ebensowenig aus dem Staate.
2) Jeder Staatbürger steht mitten in der Lebenszeit des Staates und hat hinter sich eine Vergangenheit, die respektiert, und eine Zukunft, für die gesorgt werden soll; aus diesem Zeitzusammenhang kann niemand heraustreten.
3) Der Staat ist nicht eine Erfindung im Sinne einer künstlichen Veranstaltung, sondern er ist das Ganze de bürgerlichen Lebens selbst. Wo es Menschen gibt, ist er unvermeidlich.

Der Mensch ist nicht zu denken außerhalb des Staates. Der Staat ist nicht einfach ein einzelnes Departement der menschlichen Angelegenheiten als große Polizei-Anstalt oder als trauriger Notbehelf in einer Welt, in der dem Übel gewehrt werden muss. Wenn der Menschen die gesellschaftlichen Bande oder den Staat nicht mehr empfindet, fehlt ihm alles. Der Staat ist das Bedürfnis aller Bedürfnisse des Herzens, des Geistes und des Leibes - der Mensch ist nicht anders zu denken, als im Staate.

Sicherlich ist die weitgehende Gleichsetzung von Gesellschaft und Staat nicht unproblematisch. Aber im Ganzen doch eine durchaus interessante Auseinandersetzung mit dem Thema des Staates, die die Schwächen der Staatstheorien aufzeigt, die unter der staatlichen Ordnung - natürlich nicht explizit - nur eine Dispostionsmasse der jeweiligen Mehrheitsmeinung sehen.

Freitag, 16. November 2007

Josef Pieper: Fortitudo - Tapferkeit

Hier eine Zusammenfassung der Grundzüge aus Piepers Überlegungen zur Tapferkeit aus Pieper, Josef: Über die Tugenden. München 2004.

Tapferkeit setzt Verwundbarkeit voraus. Tapfer sein heißt nämlich: Verwundung hinnehmen können. Unter Verwundung ist hier alles irgendwie Negative, alles Schmerzliche und Schädigende, alles Beängstigende und Bedrückende zu verstehen. Die äußerste Verwundung besteht im Tod. Alle Tapferkeit steht im Angesicht des Todes, sie ist die Bereitschaft im Kampf zu sterben. Die Tapferkeit vollendet sich im Blutzeugnis, einem heute sowohl durch Spießbürgerlichkeit, als auch durch billige Begeisterung für das Marytrium entwirklichten Begriff. Die Bereitschaft zum Blutzeugnis, die die Kirche zu den Grundlagen des Christentums zählt, ist eine ganz unromantische, herbe Wirklichkeit. Es geht darum, durch die Hinnahme einer Verwundung, eine tiefere, wesentlichere Unversehrtheit zu bewahren. Es geht also nicht um das verwundet-werden. Der Christ liebt sein am guten ausgerichtetes Leben, seine Leibes- und Seelenkräfte. Aber es geht um die Bereitschaft diese wegzugeben, um höhere Güter zu bewahren: „Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren“ (Joh 12,25).
Der Tapferkeit geht es nicht um Gefahr und Verwundung, sondern um die Verwirklichung des Guten. Allein das Gute macht die Tugend. Daher bedarf die Tapferkeit der beiden ihr vorgeordneten Kardinaltugenden: Ohne Klugheit und Gerechtigkeit gibt es keine Tapferkeit. Die Klugheit gibt der Tapferkeit ihre rechte innere Form, Klugheit macht Tapferkeit zur Tugend, denn Tapferkeit setzt eine richtige Einschätzung der Dinge voraus, es geht ihr um das wahre Wesen und den wahren Wert wirklicher Dinge. Die andere Stütze der Tapferkeit ist die Gerechtigkeit, welche aber auch ihren Grund in der Klugheit hat. Die Gerechtigkeit will das Gute in der Welt verwirklichen, den Menschen vor einem Abfall vom Guten zu bewahren oder den Weg für das Gute frei zu machen ist die Aufgabe von Tapferkeit und Maß. „Tapferkeit ohne Gerechtigkeit ist ein Hebel des Bösen“ formuliert der Hl.Ambrosius.
Die Möglichkeit auf diese Weise tapfer zu sein, ist erst gegeben, wenn alle scheinbare oder wirkliche Sicherheit versagt und der natürliche Mensch sich also aus gutem Grunde fürchtet. Der erst ist wirklich tapfer, wer dann um des Guten willen auf das Furchtbare. Tapfer ist, wer sich durch die Furcht vor vorletzten und vergänglichen Übeln nicht dazu bringen lässt, die letzten und eigentlichen Güter aufzugeben und dadurch das letztlich und unbedingt Furchtbare auf sich zu nehmen: „Wer Gott fürchtet, wird vor nichts erzittern.“ (Sir 34,16). Dabei ist das Eigentlichere der Tapferkeit das Standhalten, nicht der Angriff. Tapferkeit zeigt sich im äußersten Ernstfall, in dem es nichts anderes mehr gibt, als standzuhalten. Standhalten schließt eine starke seelischen Aktivität ein, ein kraftvolles Festhalten am Guten, aus der sich auch die Kraft zu leiden speist. Auch Geduld ist ein notwendiger Bestandteil der Tapferkeit. Dabei ist unter Geduld nicht der tränenverhangene Spiegel eines ‚zerbrochenen’ Lebens zu verstehen, sondern der strahlende Inbegriff letzter Unverwundbarkeit, sie ist nach der Hl.Hildegard, „die Säule, die von nichts erweicht wird.“ Geduld gehört zur Tapferkeit, wie auch die Bereitschaft das Übel im geeigneten Moment anzuspringen, wie es der Hl.Thomas ausdrückt. Dazu gehören Mut, Selbstvertrauen, Hoffnung in das Gelingen und der gerechte Zorn. Zwar ist unsere Welt von solcher Struktur, dass dem Tapferen meist nur das Standhalten übrig bleiben wird, aber der streitbare Einsatz und der Angriff werden nicht ausgeschlossen. Aus dieser Bereitschaft empfängt die innerweltliche Aktivität des Christen jene Überlegenheit und Freiheit, die jedem krampfhaften Aktivismus versagt bleibt.
Die Haltung der Tapferkeit, die den Menschen davor bewahrt, sein Leben so zu lieben, dass er es verliert, reicht hinein bis in die seelischen Gesundheit. Der krampfhafte Sicherheitswille der ‚Ich-Zentriertheit’ steht wirklicher Tapferkeit wie auch wirklicher seelischer Gesundheit im Wege. Aber auch die ‚politische Tapferkeit’ des alltäglichen und ordentlichen Gemeinschaftslebens ist noch nicht die höchste Stufe der Tapferkeit. Der auf die Verwirklichung des Gottesbildes in sich bedachte Mensch tritt durch die Reinigung der Tapferkeit über die Schwelle des mystischen Lebens, wenn dies auch nur auf den höchsten Gipfeln irdischer Heiligkeit erreicht wird. Auf dieser Stufe der Tapferkeit ist der Mensch mit der dunklen Nacht der Seele konfrontiert, die den Menschen am Anfang und vor der letzten Vollendung des mystischen Lebens der Seele heimsucht. Der Christ, der in dieses Dunkel zu springen bereit ist, verwirklicht im strengen Sinn das Wesen der Tapferkeit, wenn er sich in die absolute Verfügung Gottes begibt. Hier kann der Mensch nur durch die Kraft des Heiligen Geistes standhalten, seine natürlichen Kräfte versagen. Diese Tapferkeit ist demnach eine übernatürliche Tapferkeit und die höchste Stufe in der kontinuierlichen Entfaltung der Tapferkeit von der einzelnen Seele über die Gemeinschaft bis zum mystischen Leben. Alle Tapferkeit bezeiht ihre Reserven aus dem mystischen Leben, die sich in die Verfügungsgewalt Gottes hineinwagt.

Montag, 12. November 2007

St.Josaphat

Die Kirche begeht heute, am 12.November, den Gedenktag des Hl.Josaphat. Dieser Heilige wirkte für die Ausbreitung der katholischen Kirche in Osteuropa und für die Einheit aller Christen unter dem Primat des Bischofs von Rom. Leider erscheint das zur Zeit auch manchem Katholiken fast anrüchig. Mir nicht. Daher möchte ich hier gerne auf diesen heiligen Märtyrer hinweisen.

Josaphat Kunzewitsch wurde 1580 in Wlodzimierz in Wolhynien - damals zu Großpolen gehörig, heute westl Ukraine (?) - geboren. Er entstammte einer angesehenen Familie, sein Vater Gabriel war Stadtrat. Er wurde im orthodoxen Glauben auf den Namen Johann getauft. Schon im Jugendalter sind von Josaphat Gottesschauungen berichtet.Der junge Mann wurde Kaufmannsgehilfe und diente seinem Herrn in dieser Funktion in Wilna. 1596 wurde in Brest die Union der orthodoxen Ukrainer und Weißrussen („Ruthenen“) mit der römischen Kirche verkündet. Johann, der spätere Josaphat, schloß sich dieser Unionskirche an und trat in den Basilianerorden ein, zu diesem Anlaß nahm er den Ordensnamen Josaphat an. Im folgenden vermischten sich kirchliche Belange in unglücklicher Form mit weltlich-politischen Umständen. Die Ukrainer – die polnische Oberhoheit als Fremdherrschaft empfindent – sahen in der kirchlichen Union ein Machtmittel des polnischen Königs Sigmund. Sie schlossen sich der Union nicht an, sondern erhoben sich vielmehr unter Fürst Konstantin von Ostrog gegen die polnische Herrschaft, die die griechischen Geistlichen gegen lateinische Geistliche austauschen wollte.Zu dieser Zeit weilte Josaphat im Dreifaltigkeitskloster in Wilna. 1604 erwirkte er, nachdem er die Erbschaft seines früheren Handelsherren ausgeschlagen hatte - vom unierten Metropoliten die Erlaubnis das östliche Mönchtum im Gehorsam gegen den Papst erneuern zu dürfen. In dieser Aufgabe warb er nachdrücklich für die Union der Ruthenen mit Rom, was ihm den Haß der Orthodoxen einbrachte, die ihm (im Jahre 1609 belegbar) den Namen „Seelenräuber“ gaben. 1614 wurde Josaphat Archimandrit des Dreifaltigkeitsklosters, 1618 besteig er den Bischofsthron von Polozk und wurde so Erzbischof von Weißrußland. In dieser Funktion bestach er durch die Vorbildlichkeit seines Lebenswandels und durch seinen straffen Führungsstil. Nicht zuletzt durch sein Verdienst wurde die Union zu seiner Amtszeit zum Erfolg, was allerdings politische Spannungen mit sich brachte. Ein Teil der Lateiner war der offensive Stil Erzbischof Josaphats unangenehm. Es drohte nämlich wiederum zu einer Rebellion gegen König Sigmund zu kommen, da die nicht katholischen Christen zum Kampf gegen die Union und „deren“ König riefen. Josaphat hielt aber an seinem Kurs fest: „Die Heilige Weisheit will ich aufbauen und wenn ich zur selben Stunde sterben müßte“.1621 kam es auch innerkirchlich zum offenen Konflikt, als in Kiew eine widerrechtliche (?) Hierarchie im Schutze der Kosaken geweiht wurde und die offene Revolte gegen die unierten Bischöfe begann. Gleichzeitig war das polnische Königreich von der Vernichtung durch die Türken bedroht. König Sigmund benötigte die Waffenhilfe der Kosaken, die aber als Lohn für ihre Hilfe die Anerkennung der Kiewer Hierarchie forderten. Schließlich gab Sigmund nach. Josaphats Gegenspieler, der orthodoxe Bischof von Polozk konnte so das Volk ohne Gegenmaßnahmen dazu aufrufen, die Papisten aus ihrer Mitte zu tilgen. Im Zuge dieser Geschehnisse wurde Erzbischof Josaphat am 12.November 1623 auf einer Visitationsreise in Witepsk von fanatisierten Schismatikern grausam erschlagen.1643 wurde Josaphat Kunzewitsch seliggesprochen, 1867 erfolgte seine Heiligsprechung. Sein Leib wurde nach Biala gerettet, im ersten Weltkrieg nach Wien in die Barbarakirche überführt. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ruht der Hl.Josaphat in Rom.

Sonntag, 11. November 2007

Jean Guitton: Desinteresse und Aggressivität gegenüber der Religion in unserer Zeit

Gewissermaßen knüpft dieses Posting andas vorhergehende : "Jean Guitton: Mein Jüngstes Gericht" an. Man beachte auch die Quellenangabe des hier Skizzierten dort.

Nachdem Luzifer von ihm gewichen ist, dauert es nicht lange, und ein neuer Besucher betritt Guittons Sterbezimmer. Gewandet wie ein Bürger aus der Zeit Ludwig XIII. erscheint Blaise Pascal, den Guitton stets sehr verehrte. Er wurde vom Himmel geschickt, um Guittons letzte Gedanken zu beflügeln und ihn zum Himmel zu führen. Nach einigen einleitenden Worten kommt Pascal zur Sache.
Erste Frage von Blaise Pascal: Wie erklären Sie das allgemeine Desinteresse an Religion?
Guittons Antwort: Der Mensch ist ein religiöses und ein materialistisches Wesen. Daher hat er eine Tendenz zum religiösen Materialismus und zu materialistischer Religion. Daher kommt es oft vor, dass sich die Religion des Menschen auf eine materialistische und eigensüchtige Praxis beschränkt. Im Krieg sind die Kirchen voll, im Frieden leer. Religion darf sich aber nicht auf ein Ansuchen um materielle Dinge bei Gott beschränken. Ansonsten wird dieser nur noch als himmlischer Verteiler materieller Gaben gesehen. Wenn nun der technische Fortschritt dazu führt, dass diese materiellen Gaben auch ohne Gott zu haben sind, wird Gott arbeitslos. Der letzte auf Erde unbesiegbare Feind, der Tod, wird verdrängt.
Zweite Frage von Blaise Pascal: Was sagen Sie zur Aggressivität gegenüber der Religion?
Guittons Antwort: Sie hat wieder abgenommen. Die Masse ist in ihren materiellen Umständen im Grunde recht zufrieden. Allerdings muss man sehen, dass die Menschen früher, wenn sie Gott als himmlischen Verteiler materieller Güter sahen, zu ihm selbst auch eine eher indifferente Beziehung pflegten. Im Grunde war auch dies eine materialistische Religion, wie sie heute aus fremdartigen, außerordentlichen und überflüssigen Emotionen und Wahrnehmungen auf dem Gebiet der Empfindungen bestehen kann. Dagegen helfen die Reinigung des Verstandes und des Herzens: Strenge Wissenschaftlichkeit, kritische Weisheit und reiner Glaube. Ein authentisch religiöses Leben sucht in der Religion keine materiellen Vorteile oder ein psychologisches Wohlbefinden. Es ist ein Leben für Gott: „Dein Wille Geschehe. Die Mystik ist der Mittelpunkt der Religion. Ein mystischer Mensch fühlt sich von Fortschritt der Wissenschaft und der Technik nicht bedroht. Der Mystiker bleibt immer Mystiker. Gerade unsere Zeit bedarf mehr und mehr der wirklichen heiligen und wahren Religion. Nur sie kann Engagement, Liebe und Freundschaft hervorbringen. Die Zukunft gehört der Heiligkeit.

Samstag, 10. November 2007

Jean Guitton: Mein jüngstes Gericht I

Spätestens seit der Erscheinung des Werkes "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins wird die Gottesfrage wieder heiß diskutiert, z.B.: hier. Daher soll nun eine lose Folge von Beiträgen hier erscheinen, die sich mit dem Buch "Mein jüngstes Gericht. Der Philosoph und der Tod" von Jean Guitton befassen (Topos Taschenbücher 2001).
Das Buch zählt zu meinen großen Favoriten. Guitton erzählt eine nette, teils gewollt skurrile Handlung, die in der Hauptsache aus Gesprächen mit schon verstorbenen Personen besteht, denen Guitton unmittelbar vor oder kurz nach seinem Tod begegnet und die ihn auf ihre je verschiedene Weise danach fragen, wie er zu Gott steht. Der erste Teil des Buches behandelt in diesem Zusammenhang klassisch fundamentaltheologische Fragen: Warum ist es sinnvoll an einen Gott zu glauben? Warum ist es sinnvoll, an den christlichen Gott zu glauben? Warum ist es sinnvoll der römisch-katholischen Kirche anzugehören?

Ich bringe hier eine Zusammenfassugn der ersten Sequenz der Handlung des Buches, lade aber nochmal herzlich ein, das Buch selbst zu lesen. Es liest sich wirklich gut, ist unterhaltsam bedenkt tiefsinnig die Fragen, denen sich jeder Mensch zu stellen hat. Es beinhaltet viele Anspielungen auf Guitton selbst, auf seine Frömmigkeit, sein Leben, die hier wegfallen müssen, die aber auch sehr lesenswert sind.

Teil I. Mein Tod. Ein seltsamer Besucher.
In seiner Todesnacht erhält der Philosoph Jean Guitton seltsamen Besuch. Ein Mann im schwarzen Anzug und von etwa fünfzig Jahren erscheint. Guitton weiß, was dieser will – ihm seinen Glauben rauben. Es ist niemand anders als Luzifer selbst, der ihm einen letzten Besuch abstattet. Guitton aber sieht diesen Besuch als den Besuch eines Bundesgenossen, der ihm hilft, in der Auseinandersetzung zu wahren Ideen und wahren Überzeugungen zu kommen. Den Philosophen bewegt naheliegender Weise die Frage, was nach dem Tod kommt. Aber zu Guittons Glaubensüberzeugungen hat der Satan nun doch einige Rückfragen…
Des Teufels erster Einwand gegen den Glauben: Sprechen wir über Aufrichtigkeit. Als Sie die Wahrheit des Christentums erforschten, waren Sie schon Christ. Durch ihre Erziehung, Ihre Tradition und Ihre Gewohnheiten waren Sie dem Christentum schon zugetan. Sie wollten, dass es die Wahrheit ist. Wie können Sie vorgeben, objektiv gewesen zu sein? Sie haben nur Gründe gesucht, die Ihnen ermöglichen zu glauben; und Sie haben versucht, die Gründe zurückzuweisen, die sie zweifeln ließen. Sie haben eine a priori und ohne tieferen Grund gefasste Entscheidung rationalisiert.
Guittons Antwort: Dieser Einwand gilt für beide Seiten. Aber auch wenn man einem Gegenstand nicht indifferent gegenübersteht, bedeutet das nicht den Verlust der Objektivität. Denn der eigene innere Skeptiker verlangt ebenso Objektivität wie der äußere Gegner.
Des Teufels zweiter Einwand gegen den Glauben: Sie sind der Debatte ausgewichen. Der eigentliche Grund des Problems ist, dass Sie nicht zweifeln. Wie können sie aufrichtig sein, wenn Sie nicht zweifeln? ... Der Zweifel macht reinen Tisch. Auf diese entsteht die Freiheit des Geistes. Und diese Freiheit … schließt Ihren Glauben aus.
Guittons Antwort: Man muss zweifeln, aber man muss richtig zweifeln. Der wirklich universelle Zweifel beinhaltet auch den Zweifel am Zweifel selbst. Der wirklich kritische Geist schließt die Kritik der Kritik ein. Dieser Zweifel führt zu einer höheren Freiheit, die sich mit meinem Glauben verträgt. Durch die Aufgabe des Glaubens hingegen würde man die kritische Vernunft verraten.
Und der Besucher verschwand.

Donnerstag, 8. November 2007

Stil ist die letzte Rebellion. - Ist Stil die letzte Rebellion?

Ulf Poschardt veröffentlichte im Merkur, Heft 700, (http://www.online-merkur.de/)einen Artikel unter dem Titel "Stil ist die letzte Rebellion". Der Titel gefiel mir gut und ich wollte hier eigentlich eine der Zusammenfassung einstellen, die den Hauptteil dieses Weblogs ausmachen. Der Text ist gut zu lesen, nimmt einen von Absatz zu Absatz mit und bringt vieles auf den Punkt. Daher werde ich an dieser Stelle auch erstmal einen guten Teil des Inhalts wiedergeben, letztlich aber doch einige Rückfragen stellen.

Das Egalitäre entwickelt seine Schönheit nur in Diktaturen. Das Jakobinertum mit der Saint-Justschen Kleiderordnung, die Kleiderträume der russischen Konstruktivisten, selbst der Maoismus hatte Konzepte ästhetischer Selbstsetzung, die den modernistischen Träumen der Versöhnung von Funktion und Form neue Konzepte gab. Dem radikalen Gesellschaftskonzept entsprachen Kleidung, Städtebau und Staatsästhetik. Während rechter Totalitarismus immer ein wenig wie Karneval aussah, gelang dem linken Totalitarismus wenigstens für kurze Zeit nach der Revolution stilistische Präzision.
Aber wie stellt sich einer neuer deutscher Egalitarist die Welt vor? Antwort: Etwa wie die DDR, aber mit Volvokombis, billigen Reihenhäusern, Pfeifentabak und Rotwein - eine kraftlose Vision. Die Linke hat sich im Zeitgeist verloren. Sie verteidigt ihre Wohlfühloasen, wo sie die Nichtegalitären denunzieren und Verstecke für die von der Globalisierung erschreckten einrichten. Denn viele Menschen haben Angst, vor allem davor, erwachsen zu werden. Sie ziehen sich an wie Kinder. Jeans- und Trainingsanzug, Turnschuhe und Rucksack. Mama wie Papa, Sohn wie Tochter, auch Gesichtsfarbe und Haarschnitt ähneln sich. Die Väter reden wie die Söhne, die Mütter benutzen das Lipgloss der Töchter. So wird das Egalitätsprinzip in den Familien universell und reißt alle Differenzen ein.

Berlin ist ein Musterbeispiel für diesen Vorgang, der darin gründet, dass Stil von Menschen geprägt wird, die dafür durch Sozialisation, Bildung und Haltung keine Kompetenz und Leidenschaft besitzen. Es fehlen Schulen und Internate, Universitäten und Kirchen, Rudervereine und Arbeiterclubs, in denen die Kleiderordnung eine Identität stiftende Qualität abseits des Funktionalen vorgibt.
Die Deutschen sind ein Volk der Kleingärtner. Das ist der Gegenentwurf zu den Parks europäischer Städte und Metropolen. Der Kleingärtner hat eine kleine Bank, ein kleines Häuschen, einen kleinen Grill und eine große Fahne. Er liebt Hecken, Meerschweinchenzäune und Schilder. Während der angelsächsische Individualismus sich in Parks und Gärten zur Gemeinsamkeit stiftenden Pflege des öffentlichen Raumes bekennt, pflegt das kollektivistisch-egalitäre Deutschland heimlich einen Schrebergärtnerindividualismus und duckt sich unter den Herausforderungen des öffentlichen Raumes weg. Nichts Großzügiges hat im Schrebergartenland Platz, Eleganz ist im Egalitären verdächtig. Der Neobiedermeier bedeutet die Abkehr von der Zivilisiertheit des öffentlichen Raumes. Stil ist aber keine Geldfrage, es ist eine Frage von Haltung und Wissen - und ein Charme, der seine Form findet. Formwille ist kein Luxus, das buchstäblich "Ungebildete" der Mittelschicht ist unverzeihliche Schlamperei. Der Verfall des öffentlichen Raumes ist Symbol der Verrohung. Schlechte Manieren und öffentlicher Vandalismus haben ihren Siegeszug fast vollendet. Das wäre in England undenkbar. Das Erzkultivierte des Britischen sieht im gepflegten Miteinander eine Grundvoraussetzung für Lebensqualität.
Bisher bleibt das Comeback des Benimm aber ein Elitephänomen. Doch ist Höflichkeit kein Luxus, sondern Voraussetzung des Gemeinwohls, doch scheint die Mehrheit die Wertschätzung der Umgangsformen verloren zu haben. Nach 1968 haben sich linke Kleinbürger von einer Tradition verabschiedet, die sie gar nicht kannten. Durch die deutsche Kleinstaaterei hatte es das Höfische als Elitewerkstatt des Benimm stets schwer unter den Deutschen Fuß zu fassen. Nach dem Krieg bemäntelte man dann neue Macht und Wohlstand mit einer Miniaturisierung aller Dinge, die unter den Nazis übergroß aufgeplustert wurden. Bis heute ist in Deutschland alles verdächtig, was nicht aussieht wie ein Dritte-Welt-Workshop auf einem Kirchentag.
Die moderne Unterschicht hat dabei mittlerweile einen nicht zu übersehenden Anteil gepiercter DVD-Sammler, die den Glauben an sich selbst aufgegeben haben und stattdessen hemmungslos konsumieren, was die Stütze hergibt. Man erinnert sich an Merxens "Lumpenproletariat", was Sozialdemokraten bei SPD, Grünen und CDU/CSU geflissentlich übersehen. Man biedert sich bei den Schwachen an, statt sie stringent und kompromißlos zu fördern, was diese den letzten gesellschaftlichen Ehrgeiz verlieren läßt.
Stil ist keine Klassenfrage, Stillosigkeit ist Analphabetentum. Es bedeutet den Verlust von Kommunikationsform und -möglichkeit. Die Genauigkeit von Eleganz und das unbedingt geforderte Wissen stehen aber im Gegensatz zur Selbsterniedrigung von Clowns wie Thomas Gottschalk. Nach und nach kontert allerdings eine neue Bürgerlichkeit der Mittel- und Oberschicht die Sichtbarkeit der Unterschicht. Die moralische Erpressung der Reichen, der Fleißigen durch die Faulen funktioniert nicht mehr. Die Sinne werden geschärft, das Kuschellager aufgekündigt. Das Bequeme sieht sich bedroht.

Soweit bin ich Poschardt im Wesentlichen einig. Mein Eindruck ist allerdings, dass der Text an dieser Stelle umkippt.

Die Globalisierung ist ein Segen. Wissen und Bildung, Haltung und Zivilisiertheit werden entscheidend und zentral für die Lebensentwicklungen. [Ob er das ernst meint?] Das obere Drittel der Gesellschaft ist weltläufig geworden. Wer in London oder Mailand studiert hat, kommt mit Chelsea-Boots oder Desert-Boots zurück. Es entsteht ein Geschmacksbürgertum. Die Identifikation mit dem bürgerlichen Lebensstil geschieht über das Teilen ästhetischer Vorlieben und modischer Grammatiken. Das Bürgerliche ist hier nicht restaurativ, sondern nur als Wegweiser gegenwärtiger und zukünftiger Lebenstechnik und -kultur zu sehen. Das Geschmackbürgertum ist das Bürgertum nach Pop und Warhol. Es fing damit an, dass die Läden aussahen wie Museen. Modeläden erinnerten an Galerien zeitgenössischer Kunst, Möbelgeschäfte zitierten Bühnenbilder des Avantgardetheaters und schließlich war es Colette, ein Laden in Paris, der seinen Mix aus Büchern, Design, Mode, CDs und Kunst wie eine Kurator seine Ausstellung arrangierte. Es wurde inszeniert und interpretiert. [Hier folgt im Artikel Porschardts eine detailfreudige Beschreibung der 3 Etagen des besagten Geschäfts.] Collete liefert auch Zugänge für die Unterschichten, aus denen bewusst auch Verkäufer eingesetzt werden. Colette versteht sich als Sozialisationsinstanz, in der die Sichtbarkeit der Unterschicht synchronisiert wird mit ihrem Glamourisierungspotential. Es entsteht ein Amalgam postbürgerlicher Avantgarde. Ähnliches findet in den Trendvierteln Berlins statt. Dort wird die Sichtbarkeit der Unterschicht zu einem Hauptmerkmal der Hipness der Stadt.
[wörtlicher Schluß:] Stil ist die letzte Rebellion. Daran darf und muß man Zweifeln, wie an allem. Stil ohne Rebellion gibt es nicht. Stil ist die Setzung gegen die Stillosigkeit. Stil sei nicht zu denken ohne Anmut, Charme, Freiheit, Selbstsetzung. Bei-sich-Sein ebenso wie Außer-sich-Sein.

Ich denke, das Ende zeigt die Schwäche der zweiten Hälfte des Textes von Poschardt auf. Analysiert er den negativen Zustand recht treffend, ist doch der positiv festgehaltene Gegenentwurf eher lau. Stil ist "bei-sich-sein" wie ebenso "außer-sich-sein". Es fällt auf, dass Stil jedoch stets auf das "sich" bezogen ist, er ist reflexiv. Das muss er auch sein, aber muss er nicht auch darüber hinaus gehen? Erschöpft sich Stil in avantgardistischen Geschäften in Paris, die einige Verkäufer ausländischer Abstammung beschäftigen und diese ihre Tätowierungen und Piercings zeigen lassen? Ist Stil nicht eine Lebebshaltung - wie es im ersten Teil mehrmals anklingt, bevor er dann aber doch eher in einer standesgemäß-selbstbewussten Lebenshaltung der Wählerschaft Guido Westerwelles verortet wird. Geschmacksbürgertum ist eben wohl doch zu wenig. Wenn sich über Geschmack nicht streiten lässt, dann mag dieses Geschmacksbürgertum unter sich bleiben und sich am gelegentlichen Anblick gepiercter Verkäuferinnen in Edelboutiquen ergötzen. Und "sich" dann umso besser gefallen. Stil ist eben nicht die letzte Rebellion, sondern Zeichen einer Lebenshaltung. Dafür gibt es kein besseres Beispiel, als den von Porschardt oft herangezogen britischen Lebensstil. Eine Haltung, die eine echte Haltung einer Persönlichkeit ist, kann einen authentischen Stil hervorbringen. Die letzte Rebellion ist es, eine solche Haltung gegen eine Gesellschaft durchzuhalten, die Porschardt im ersten Teil treffend beschrieben hat. Stil ist wichtig und ein Genuß - aber ein außen muß ein Innen haben und darin gründen. Dann erst, dann aber auch zwingend, kommt das Außen.

Sonntag, 4. November 2007

J. Ratzinger: Die Freiheit, das Recht und das Gute.

Einige Gedankengänge aus: Die Freiheit, das Recht und das Gute. Moralische Prinzipien in den demokratischen Gesellschaften. In: Werte in Zeiten des Umbruchs. Freiburg 2005.

Wie kann die freie Welt ihrer moralischen Verantwortung gerecht werden? Die Freiheit behält ihre Würde nur, wenn sie auf ihren sittlichen Grund und auf ihren sittlichen Auftrag bezogen bleibt. Eine Freiheit, deren einziger Inhalt in der Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung bestünde, wäre keine wirklich menschliche Freiheit. Die Freiheit des Einzelnen kann vielmehr nur in einer Ordnung von Freiheiten bestehen. Der Begriff der Freiheit verlangt seinem Wesen gemäß nach der Ergänzung durch zwei weitere Begriffe: das Recht und das Gute. Ohne Zweifel wird Freiheit aber häufig egoistisch und oberflächlich verstanden. Freiheit ist aber nicht ohne Opfer und Verzicht zu haben. Sie verlangt Sorge darum, dass Moral als eine öffentliche und gemeinschaftliche Bindung so verstanden werde, dass man ihr die eigentliche Macht zuerkenne. An dieser Stelle liegt die Gefährdung der modernen Demokratien. Es ist schwer zu sehen, wie die Demokratie, die auf dem Mehrheitsprinzip beruht, ohne einen ihr fremden Dogmatismus einzuführen, diejenigen moralischen Werte in Geltung halten kann, die von keiner Mehrheitsüberzeugung getragen werden.

Die Entwicklungen des 20.Jahrhunderts haben uns gelehrt, dass eine Evidenz der christlichen Überzeugungen in Form von selbstverständlichen moralischen Gewissheiten nicht mehr gegeben ist. Viel mehr trägt der strenge Positivimsus, der sich in der Verabsolutierung des Mehrheitsprinzips ausdrückt, die Tendenz in sich, irgendwann in Nihilismus umzuschlagen. Dieser stellt dann auch das Ende der Freiheit dar. So war der Nationalsozialismus nur ein Instrument des Nihilismus, das er aber auch jederzeit wegzuwerfen und durch anderes zu ersetzen bereit war. In der nationalsozialistischen, wie der kommunistischen Diktatur gibt es keine Handlung, die als in sich schlecht und immer unmoralisch angesehen worden wäre. Was den Zielen der Bewegung oder der Partei nutzt, war gut, wie unmenschlich es auch sein mochte. So wurde der moralische Sinn über Jahrzehnte zertreten, wobei der Nihilismus dann offen zu Tage trat, in dem die vorherigen Ziele nicht mehr galten und die Freiheit nur als eine Möglichkeit stehen blieb, alles zu tun, was ein leer gewordenes Leben einen Augenblick spannend und interessant machen kann.

Wie kann dem Recht und dem Guten in unseren Gesellschaften gegen Naivität und Zynismus Kraft gegeben werden, ohne dass solche Kraft des Rechten durch äußeren Zwang auferlegt oder gar willkürlich definiert würde? Tocqueville analysierte die Demokratie in Amerika dahingehend, dass dort eine vom protestantischen Christentum genährte moralische Grundüberzeugung lebendig war, die erst den Institutionen und den demokratischen Mechanismen ihre tragende Grundlage gab. Instituionen können ohne gemeinsame sittliche Überzeugungen nicht halten und wirken. Diese können aber aus bloß empirischer Vernunft nicht kommen. Solche Überzeugungen verlangen entsprechende menschliche Haltungen, und die Haltungen können nicht gedeihen, wenn der geschichtliche Grund einer Kultur und die darin verwahrten sittlich-religiösen Einsichten nicht geachtet werden. Sich von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden ist Selbstmord einer Kultur und Nation. Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein. Hier ist auch der Auftrag der christlichen Kirche in der Welt von heute. Es ist dem Wesen der Kirche gemäß, vom Staat getrennt zu sein. Kirche ist Überzeugungsgemeinschaft. Aber die Kirche kennt auch ihre Verantwortung für das Ganze und kann sich nicht auf sich selbst beschränken. So spricht die Kirche aus ihrer Freiheit in die Freiheit aller hinein, damit die moralischen Kräfte der Geschichte Kräfte der Gegenwart bleiben und damit jene Evidenz der Werte immer neu entsteht, ohne die gemeinschaftliche Freiheit nicht möglich ist.

Samstag, 3. November 2007

Ist die Masse einfach dekadent?

Ist die Masse einfach dekadent?
Die Frage stelle ich mir seit einiger Zeit mit einer gewissen Beklemmung. Eigentlich propagiere ich ja die Abkehr von panem et circenses zugunsten der Orientierung an den unvergänglichen Werten: Wahrheit, Gerechtigkeit usw. Nun hat es sicher wenige Zeiten gegeben, in denen die Abwendung von derartigen Werten so selbstbewusst geschah wie heute. Andererseits - waren die Leute denn früher tatsächlich derart wahrheitsliebend? Und gerecht? Wohl kaum. Das würde aber wohl bedeuten, dass die stets mehr oder minder dekadente Masse nachdrücklich angehalten werden muss, Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit zu achten, ja man muss diese Werte nahezu vor der Masse retten, damit sie ihre Leitfunktion behalten können. Das wird besagte Masse aber selbst nicht tun. Eine Regierung oder eine Kirche, die sich auf das Wohlwollen der Massen stützt, wird daher wohl immer dekadent sein müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob in unserem Gesellschaftssystem überhaupt noch eine Abwendung von der Dekandenz möglich ist. Ich hoffe da auf ein Ausharren (vor allem) der (katholischen) Kirche, die sich gegenüber dem Zeitgeist meist recht robust verhält. Aber ohne, um nicht zu sagen gegen den Staat, dürfte eine Wende kaum zu schaffen sein.

U. Simson: Kulturverfall aus der Sicht Oswald Spenglers

Im folgenden einige Gedanken aus dem Aufsatz: "Spengler?" von Uwe Simson, erschienen in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 700.

Nährt man sich dem Problem des Kulturverfalls unter Spenglerschen Vorzeichen, muß der Ausgangspunkt die Erkenntnis sein, dass der Verfall, den wir auch in früheren Kulturen beobachten können, nicht eine zufällige Häufung von gleichgerichteten Phänomenen ist, sondern eine Art "Großwetterlage" einer Kultur in ihrer Spätzeit. Diese Phänomene weisen auf der Mikroebene ein gemeinsames Merkmal auf, nämlich den fehlenden Willen zur Dauer, besonders anschaulich in der Auflösung der bürgerlichen Kernfamilie. Die Gesellschaft löst sich in eine Summe privater Atome auf, deren jedes aus seinem Leben die größtmögliche Menge von Vergnügen ziehen will" (Schumpeter), die Kosten-Nutzen-Analyse wird auf alle Lebensbereiche übertragen, Spengler nennt dies den "hemmungslosen Durst nach Geld ohne Arbeit", flankiert von den rasch wechselnden Stimuli der Unterhaltungsindustrie.

Auf der Ebene des Staates kommt nach Spengler alles auf dessen innere Autorität an. Entscheidend ist nicht die Form der Verfassung, sondern Beständigkeit, Sicherheit und Überlegenheit der politischen Führung. Die parlamentarische Demokratie erscheint ihm als Form des Verfalls von Staatshoheit. Sie ist das Nichtvorhandensein einer ihrer Verantwortung bewußten Autorität, einer Regierung und damit eines wirklichen Staates. Falls die westliche Welt regiert wird, wird sie schlecht regiert.

Auch Schumpeter sieht die Staatsform kritisch. Der Einfluß des Volkes ist auf die Auswahl der Kandidaten begrenzt, die, einmal an der Macht, so völlig davon in Anspruch genommen sind, sich im Sattel zu halten, dass sie keinen Plan für den Ritt aufstellen können. Dazu bedarf er der Zustimmung der Wählermassen, die Schumpeter keiner anderen Handlung als der Panik fähig sieht, die aber auf jeden Fall kurzfristige Vorteile für die eigene Teilgruppe dem langfristigen Allgemeinwohl vorzieht. Politische Führung kann so nicht stattfinden.

Dieses Verhaltensmuster der Anbiederung an eine Klientel erfasst heute alle Lebensbereiche, qualitative Unterschiede zwischen Menschen (Rang, Kompetenz etc) , die begründen könnten, warum jemand etwas nicht bekommt oder darf, werden mit Denk- und Sprechverbot belegt.

Unter derartigen Umständen wird es etwa einem Entwicklungsland nie möglich sein, die Industriealisierung nachzuholen, denn Industriealiseirung verlangt langfristigen Konsumverzicht und Eingriffe in die soziokulturelle Struktur, die an der Wahlurne keine Mehrheit finden.

Aber sollten nicht jedenfalls die entwickelten Länder ihre Dekadenz verteidigen? Auch für die entwickelten Länder gilt in der Realität der Primat der Außenpolitik. Wie in der Wirtschaft bestimmt hier die Konkurrenz die Gangart, auch nach innen. Innenpolitik ist nach Spengler dazu da, die Kraft und Einheit der Außenpolitik zu sichern. Geht sie darüber hinaus, beginnt der Verfall. Und die Heruasforderung durch China und die islamische Welt sind enorm. Es wird kaum möglich sein, diese Herausforderung zu bewältigen, ohne dabei materielle Einbußen und den Abschied von liebgewonnen Denk- und Lebensformen, die im inneren den Willen zur Dauer und im Äußeren den Willen zur Selbsthauptung schwächen, in Kauf zu nehmen.

Die einseitige Ausrufung des Weltfriedens ist kein praktikabler Weg. Der Verzicht auf Weltpolitik schützt nicht vor ihren Folgen (Spengler). Selbstbehauptung bedarf des Einsatzes von Machtmitteln und Opferbereitschaft, gegen den allerdings ein "greisenhaftes Ruhe bedürfnis" postheroistischer Einstellungen steht (idem).

Die Hoffnung Adornos, es werde ein Zeitlater der Vernunft heraufziehen, indem die Unterscheidung von Hammer und Amboß in der Politik abgeschafft wird, scheint sich nicht zu erfüllen. Es bleibt weiter dabei, dass jedes Volk vor der Frage steht, in der Geschichte Hammer oder Amboß sein zu wollen.

Freitag, 2. November 2007

Augustinus: Der christliche Herrscher

Folgend wiederum einige Gedankengänge St.Augustins aus dem "Gottesstaat", entnommen: De civitate dei. Übersetzt von Walter Thimme, hrsg.von H.U. v. Balthasar, Frankfurt a.M./Hamburg 1961.

Wir preisen manche christlichen Kaiser nicht darum glücklich, weil sie länger regierten oder eines sanften Todes starben und ihren Söhnen die Herrschaft hinterließen oder weil sie die Feinde des Staats niedergeworfen und bösartige Bürgeraufstände entweder verhütet oder unterdrückt haben. Solche und andere Gnadengaben und Tröstungrn dieses sorgenvollen Lebens konnten auch Dämonenverehrer empfangen, die am Himmelreich keinen Anteil haben wie sie; und zwar ist es Gottes Barmherzigkeit, die das so fügt, damit die an ihn Glaubenden dergleichen Erdengüter nicht als höchstes gut von ihm begehren, sondern glücklich nennen wir sie, wenn sie gerecht herrschen, wenn sie trotz aller schmeichlerisch verhimmelnden und kriecherisch unterwürfigen Reden sich nicht überheben und nicht vergessen, daß sie Menschen sind, wenn sie ihre Macht in den Dienst seiner Majestät stellen und die Gottesverehrung so weit wie möglich ausbreiten, wenn sie Gott lieben, fürchten und verehren, wenn sie jenes Reich am meisten lieben, in dem sie keine Mitregenten zu fürchten brauchen [also das Himmelreich], wenn sie langsam sind zu strafen und gern Nachsicht üben, wenn sie strafe nur darum verhängen, weil Leitung und Schutz des Staates es fordern, aber nicht um Rechgier zu befriedigen, wenn sie Nachsicht gewähren, nicht um Vergehen straflos zu lassen, sondern in der Hoffnung auf Besserung, wenn sie harte Erlasse, zu denen sie oft gezwungen werden, durch erbarmende Liebe und gütgie Freigebigkeit ausgleichen, wenn sie von Ausschweifungen sich um so mehr zurückhalten, je ungehinderter sie sich ihnen ergeben könnten, wenn sie lieber über ihre schlimmen Leidenschaften als über fremde Völker herrschen, und wenn sie dies alles tun nicht aus Gier nach eitlem Ruhme, sondern aus Verlangen nach der ewigen Seligkeit, wenn sie auch nicht unterlassen, für ihre Sünden ihrem wahren Gotte das Opfer der Demut, der Klage und des Gebetes dazubringen. Solche christlichen Kaiser nennen wir glücklich, einstweilen nur in der Hoffnung, künftig aber voll und ganz, wenn eigentroffen ist, was wir erwarten.

(De civ V, 24).

Und nun stellen wir uns die interessante Frage: Könnte ein Mensch, der ein Herrscher nach dem Herzens Augustins wäre, die Bundestagswahlen gewinnen? Natürlich nicht. Vielleicht würde er - mit etwas Glück - noch Ortsvorsteher in Hinterschluchtingen. Aber damit hätte jemand mit diesem Charakter das Ende der demokratischen Karrierleiter erreicht. Was sagt uns das? Welche Schlüsse ziehen wir daraus?

Donnerstag, 1. November 2007

Augustinus: Der Geist des Weltstaates

Die Menschen ändern sich nicht. Wer diesen Abschnitt aus dem Gottesstaat des heiligen Kirchenvaters liest, sieht schnell, wie nahe seine und unsere Zeit sich stehen. So ist die kritische Darstellung, die Augustin über seine Zeit schreibt auch geeignet uns Heutigen deutlich vor Augen zu stellen, wo es bei uns krankt. Auch wenn die Götter, unter denen Augustin wohl die Götter des zu Ende gehenden Heidentums versteht, heute durch immanente Größen zu ersetzen sind. Im folgenden nun De civitate Dei II,20 in der Übersetzung von Werner Thimme, hrsg. von Hans Urs von Balthasar, Frankfurt a.M./Hamburg 1960.

Die Verehrer und Liebhaber der Götter, deren Verbrechen und Schandtaten sie mit Freuden nachahmen, kümmert es nicht im geringsten, wenn der Staat häßlich und abscheulich ist. Wenn er nur, sagen sie, wenn er nur blüht, reich an Schätzen, berühmt durch Siege oder, was noch besser ist, sicher und in Frieden! Was geht uns das andere an? Nein, uns liegt nur daran, daß jeder seinen Reichtum immerfort vermehre. Dann hat man genug für die tägliche Verschwendung, und jeder Mächtige kann sich damit Schwächere untertan machen. Mögen die Armen den Reichen gehorchen, um satt zu werden und unter ihrem Schutz träger Ruhe sich zu erfreuen, mögen die Reichen die Armen zu ihrem Gefolge und Dienern ihres Hochmuts erniedrigen. Die Menge soll nicht denen Beifall klatschen, die ihnen zum besten raten, sondern denen, die ihnen zum Vergnügen helfen. Nichts Unbequemes soll befohlen, nichts Angenehmes verboten sein. Die Könige seien darauf bedacht nicht über gute, sondern unterwürfige Untertanen zu herrschen. Die Provinzen mögen den Königen dienstbar sein, nicht weil sie über gute Sitten wachen, sondern weil sie über die Erdengüter gebieten und die Genußsucht befriedigen; mag man sie auch nicht aufrichtig ehren, sondern bloß knechtisch fürchten. Die Gesetze sollen verhüten, daß jemand fremden Reben, nicht jedoch dem eigenen Leben Schaden tue. Vor den Richter soll nur geführt werden, wer fremdes Eigentum, Haus oder Leben antastet oder sonst irgendwen gegen seinen Willen belästigt und schädigt, im übrigen mag jeder mit seiner Habe, seinen Angehörigen und allen, die ihm zu Willen sind, tun, was ihm beliebt. Öffentliche Dirnen soll's im Überfluß geben, für alle, die ihre Lust büßen wollen, zumal für die, die sich keine eigenen leisten können. Große, prächtige Häuser soll man bauen, üppige Gelage in Menge veranstalten, jeder soll, wie er mag und kann, Tag und Nacht spielen, saufen, speien, in Saus und Braus leben. Überall ertöne Tanzmusik, und die Theater mögen widerhallen vom Lärm unanständiger Freude und jeder Art grausamster, schändlichster Lust. Wem dies Glück mißfällt, soll Staatsfeind heißen, und wenn einer etwas ändern oder abstellen will, mag das freie Volk dafür sorgen, daß er keinen Weg finde zu den Ohren, keinen Platz auf den Sitzen, keinen Raum unter den Lebenden. Das sollen die wahren Götter sein, die diese Glückseligkeit den Völkern verschaffen und erhalten. Sie sollen verehrt werden, wie sei es wünschen, Spiele fordern, welche sie wollen, soviele ihre Verehrer ihnen und sich selbst zum Vergnügen veranstalten mögen, nur darauf bedacht, daß solches Glück kein Feind, keine Pest noch sonst ein Ungemach bedrohe.