Montag, 31. Dezember 2007

Pädagogik ("Der Zauberberg")

Noch ein Abschnitt aus dem schon oben zitierten Gespräch. Das Thema hat sich allerdings ein wenig verlagert, es geht jetzt um Pädagogik im Rahmen des Staates. Es diskutieren immer noch in Manns 'Zauberberg' der Jesuit Naphta und der Humanist Settembrini. Hier antwortet Naphta auf den Einwand Settembrinis, dass die Renaissance Persönlichkeit, Menschenrechte und Freiheit errungen habe.

"Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat, was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit nennt, war mir leidlich bekannt, aber ... das heroische Lebensalter Ihrer Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen zum mindesten in den letzten Zügen und die Füße derer, die ihnen den Graus machen werden, stehen schon vor der Tür ... Wenn sie glauben, daß das Ergebnis künfitger Revolutionen Freiheit sein wird, so sind sie im Irrtum. Das Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt - eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für jeden Wissenden über jeden Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik nur handeln kann: nämlich den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der Jugend zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefeste Lust ist der Gehorsam."

Sonntag, 30. Dezember 2007

Wahrheit und Wissenschaft im 'Zauberberg'

Einige Passagen aus Thomas Manns "Zauberberg". Es spricht der Jesuit Naphta in einer Unterredung mit dem Humanisten Settembrini und dem Held der Erzählung (dem jungen Hans Castorp) sowie dessen Vetter.

In deren [der Menschenliebe] Dienst arbeitete die Maschinerie, mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation wurden verhängt, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten, was man von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir, zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich schien, diese Entwürdigung zu fördern ... Die Rechtmäßigkeit der kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich mit Augustins Satz 'Ich glaube, damit ich erkenne' zusammenfassen lässt, ist völlig unbestreitbar. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär ... voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen ... eine Humanität, die nicht anerkennt, dass in der Naturwissenschaft nicht wahr sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität ... die Autorität ist der Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil und zwischen ihr und der Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen ... Wahr ist, was dem Menschen frommt ... Er ist das Maß aller Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit ... Die Menschheit ist im Begriff, zu diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern das Schädliche oder auch nur ideel Bedeutungslose grundsätzlich auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es ist kindisch zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein 'voraussetzungsloses' Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt, für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die 'voraussetzungslose', die aphilosophische Naturwissenschaft.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Hl.Stephanus

Die Geschichte der Verhaftung, der Verteidigungsrede und der Steinigung des Hl. Erzmärtyrers Stephanus findet sich in Apg 6,8-8,1a.

Aus einer Predigt des Fulgentius von Ruspe (+532) am Fest des heiligen Stephanus
Gestern haben wir die zeitliche Geburt unseres ewigen Königs gefeiert, heute feiern wir das siegreiche Leiden seines Kämpfers. Gestern ging unser König, gehüllt in den Mantel des Fleisches, aus dem Schoß der Jungfrau hervor und besuchte in Gnaden die Welt, heute verließ der Streiter das Zelt des Leibes und zog als Sieger ein in den Himmel.
Obwohl er der höchste König ist, kam Christus für uns in Niedrigkeit. Er konnte nicht mit leeren Händen kommen und brachte seinen Streitern ein großes Geschenk mit. Damit machte er sie reich und stärkte sie zu siegreichem Kampf. Er brachte das Geschenk der Liebe mit, um die Menschen zur Teilnahme an der göttlichen Natur zu führen. Die Liebe, die Christus den Herrn vom Himmel auf die Erde geführt hat, hob den Stephanus von der Erde zum Himmel empor. Die Liebe, die zuerst im König erschien, leuchtete danach auf in seinem Streiter.
Um den Kranz zu gewinnen, von dem er den Namen trug, nahm Stephanus die Liebe als Waffe und siegte durch sie überall. Aus Liebe zu Gott wich er nicht vor den wütenden Juden, aus Liebe zum Nächsten betete er für sie, als sie ihn steinigten. Aus Liebe stritt er mit den Irrenden, um sie zur Wahrheit zu führen, aus Liebe betete er für die, welche ihn steinigten, damit sie der Strafe entgingen. In der Kraft der Liebe besiegte er den grausam wütenden Saulus, und der ihn auf Erden verfolgte, durfte im Himmel sein Freund werden.
Siehe, nun freut sich Paulus mit Stephanus, genießt mit ihm die Herrlichkeit Christi, jubelt und herrscht mit ihm. Getötet durch die Steine des Paulus, schritt Stephanus (zum Himmel) voraus: Paulus folgte, sein Helfer war das Gebet des Stephanus.

Sonntag, 23. Dezember 2007

O Emmanuel

Die letzte der O-Antiphonen, am Tag unmittelbar vor dem Beginn der Feierlichkeiten zum Christfest, fasst nochmals alles zusammen, worum es im Advent ging, den einen großen Wunsch der Menschheit:

O Emmanuel, rex et legifer noster, exspectatio gentium et salvator earum: veni ad salvandum nos, Domine Deus noster.

O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott.

Samstag, 22. Dezember 2007

O Rex Gentium

Heute bringt die Antiphon uns das Bild von Christus als Schlußstein, der den ganzen Bau der Kirche, aber auch der Welt, zusammenhält zu Gehör. Auf ihn läuft alles, was Gott geschaffen hat zu und auf ihn läuft auch all unser Streben zu, das von der Hoffnung getragen wird, dass Gott unsere Gespaltenheit in seinem Schlußstein Jesus Christus eint und in das Gesamte hinein vollendet.

O Rex gentium et desideratus earum, lapisque angularis, qui facis utraque unum: veni et salva hominem, quem de limo formasti.

O König aller Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht; Schlußstein, der den Bau zusammenhält: o komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!

Freitag, 21. Dezember 2007

O Oriens

Heute, am 21.Dezember, stellt uns die Antiphon den Herrn, auf dessen Ankunft das gläubige Volk wartet, als das Licht vor Augen, das alle Finsternis erhellen und erlösen will.

O Oriens, splendor lucis aeternae et sol iustitiae; veni, et illumina sedentes in tenebris et umbra mortis.

O Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes, der Gerechtigkeit strahlende Sonne: o komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes!

Donnerstag, 20. Dezember 2007

O Clavis

Die O-Antiphon des heutigen Tages (20.Dezember) erbittet vom Herrn die Befreiung aus dem Verlies, in das der Mensch sich selbst bringt und doch nur Gott ihn befreien kann.

O clavis David, et sceptrum domus Israel; qui aperis, et nemo claudit; claudis, et nemo aperit: veni et educ vinctum de domo carceris, sedentem in tenebris et umbra mortis.

O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel - du öffnest und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: o komme und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!

O Radix

Die Antiphon für den 19.Dezember schaut besonders auf die Herkunft des Erlösers aus dem Volk Israel, dem Geschlecht Davids, von dem aus der Herr allen Völkern der Erde das Heil bringt.

O radix Iesse, qui stats in signum populorum, super quem continebunt reges os summ, quem gentes deprecabuntur: veni ad liberandum nos, iam noli tardare.

O Sproß aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker - vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich säume nicht länger!

Dienstag, 18. Dezember 2007

O Adonai

Die O-Antiphon für den 18.Dezember ruft Gott besonders als den Retter und Fürsten Israels an und bringt die Bitte um Rettung vor Gott, die dieser durch die Sendung seines Sohnes zu erfüllen ersucht wird.

O Adonai et Dux domus Israel, qui Moysi in igne flammae rubi apparuisti, et ei in Sina legem dedisti: veni ad redimendum nos in bracchio extento.

O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel, im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: o komm und befreie uns mit deinem starken Arm.

Montag, 17. Dezember 2007

O Sapientia

Die sieben Tage vor dem Fest der Geburt des Herrn werden in der Tradition der Kirche durch die O-Antiphonen geprägt. Ab dem 17.Dezember ist jedem Tag nach alter Tradition eine dieser Antiphonen zugeordnet, die besonders im Stundengebet (Vesper), aber auch in der eucharistischen Liturgie (Halleluja, Gemeindegesang) erscheinen.
Diese Antiphonen bitten mit Bildern des Alten Testamentes um das Kommen des Erlösers und Retters. Heute, am 17.12. wird die Antiphon O Sapientia, dt. O Weisheit gesungen.

O Sapientia, quae es ore Altissimi prodisti, attingens a fine usque ad finem, fortiter suaviterque disponens omnia: veni ad docendum nos viam prudentiae.

O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des höchsten - die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: O komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Benedikt XVI: Advent - Tiefste Erinnerung des Herzens


Aus: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Berührt vom Unsichtbaren, Freiburg 2005. S. 378.

Advent meint genau die Verknüpfung von Erinnerung und Hoffnung, deren der Mensch bedarf. Er will die eigentliche, die tiefste Erinnerung des Herzens in uns wecken - die Erinnerung an den Gott, der ein Kind wurde. Diese Erinnerung heilt, diese Erinnerung an den Gott, der ein Kind wurde. Diese Erinnerung heilt, diese Erinnerung ist Hoffnung. Im Kirchenjahr geht es darum, immer wieder die große Geschichte der Erinnerungen abzuschreiten, das Gedächtnis des Herzens zu wecken und so den Stern der Hoffnung sehen zu lernen. Alle Feste des Kirchenjahres sind Ereignisse der Erinnerung und darum Ereignisse der Hoffnung. Die großen Erinnerungen der Menschheit, die das Jahr des Glaubens verwahrt und öffnet, sollen in der Gestaltung der heiligen Zeiten durch Liturgie und Brauchtum zu persönlichen Erinnerungen werden von den großen Erinnerungen der Menschheit genährt; die großen Erinnerungen werden nur durch ihre Übersetzung ins Persönliche gewahrt. Wenn Menschen glauben können, hängt es immer auch daran, daß ihnen im Weg ihres Lebens der Glaube lieb geworden, daß ihnen die Menschlichkeit Gottes durch die Menschlichkeit von Menschen hindurch erschienen ist. Jeder von uns könnte da gewiß seine eigene Geschichte erzählen, was weihnachtliche, österliche oder sonstige Festerinnerungen für sein Leben bedeuten.

Samstag, 15. Dezember 2007

Joseph Ratzinger: Staat, Wahrheit und Moral


Zusammengestellt aus: Ratzinger, J.: Werte in Zeiten des Umbruchs. Freiburg 2005. Hier: Was ist Wahrheit, S.54-64.



Wozu dient der Staat? Ganz schlicht kann man sagen: Aufgabe des Staates ist es, das menschliche Miteinander in Ordnung zu halten, also das Recht als Bedingung der Freiheit und es gemeinsamen Wohlstands zu garantieren. Zum Staat gehört daher zwingend der Vorgang des Regierens, dies aber zum Schutz des Rechtes und des Wohlergehens aller. Es ist nicht Aufgabe des Staates das Glück der Menschheit herbeizuführen, neue Menschen zu erschaffen oder die Welt in ein Paradies zu verwandeln. Biblisch kann man hier auf Römer 13 und Apokalypse 13 blicken. In Römer ist der Staat ein geordneter Staat, der seine Grenzen einhält und sich nicht selbst als Quelle von Wahrheit und Recht gibt. Er hat Anspruch auf Gehorsam als Bedingung der Freiheit im Rahmen des Rechts. Die Apokalypse hingegen zeigt uns den Staat, der sich selbst zum Gott erklärt und Wahrheit und Gerechtigkeit selbst festsetzt. Ein solcher Staat verneint sein eigenes Wesen und hat keinen Anspruch auf Gehorsam. Ein Staat als Staat richtet eine relative Ordnung des Zusammenlebens auf, kann aber nicht allein die Antwort auf die Frage der menschlichen Existenz geben, er muss die Wahrheit über das Recht immer wieder von außen empfangen.


Neben einer rein relativistischen Position, die sich lediglich auf die jeweilige Mehrheitsposition (inklusive einiger etwas undurchsichtiger 'intuitiver Grundannahmen' stützt) gibt es die klassische, bis Plato zurückreichende metaphysische These vom miteinander von Politik und Recht: Wahrheit kann nicht von der Mehrheit produziert werden, sonst wäre die Mehrheit Gott. Das Recht des Volkes auf Selbstregierung kann niemals das Recht sein, über alles zu entscheiden. Es geht um ein Gleichgewicht aus Volkswillen und Zielwerten. Für das Christentum geht es hier darum, die Wahrheit über das Gute, die aus der christlichen Überlieferung kommt, auch für die Vernunft zur Einsicht werden zu lassen und so ein vernünftiges Prinzip werden zu lassen. Das setzt allerding voraus, dass das Moralische und Christliche in gewisser Weise tatsächlich evident ist.


Gebündelt lässt sich sagen: (1.) Der Staat ist nicht selbst Quelle von Wahrheit und Moral, weder Ideologie noch Mehrheit können Wahrheit hervorbringen. (2) Ein Staat, der aber auf die Wahrheitsfrage vollkommen verzichtet sinkt zur Räuberbande herab (Augustin). Eine sinnvolle Ordnung braucht ein Fundament an Wahrheit und Erkenntnis des Guten. (3.) Daher muss der Staat das für ihn unerlässliche Maß an Erkenntnis und Wahrheit über das Gute von außerhalb seiner selbst nehmen. (4.) Eine von der Geschichte unabhängige Vernunftevidenz steht dafür nicht zur Verfügung. Faktisch haben alle Staaten aus ihnen vorausliegenden religiösen Überlieferungen die moralische Vernunft erkannt und angewandt. (5.) Der christliche Glaube bietet auch heute der Vernunft das Grundgefüge moralischer Einsicht, das entweder zu einer gewissen Evidenz führt oder wenigstens einen vernünftigen moralischen Glauben begründet, ohne den eine Gesellschaft nicht bestehen kann. (6.) Dem Staat kommt das, was ihn trägt, demnach aus einer in historischer Glaubensgestalt gereiften Vernunft zu. Dabei würde eine Verschmelzung von Staat und Kirche das je eigene Wesen der beiden Institutionen zerstören. (7.) Daher bleibt die Kirche für den Staat ein außen. Auch die Kirche muss den Staat in seiner Eigenheit respektieren, aber sie muss alle Kraft aufbieten um die moralische Wahrheit aufleuchten zu lassen, die sie dem Staat anbietet und den Staatsbürgern einsichtig machen soll. Nur wenn in ihr selbst die Wahrheit Kraft hat und die Menschen formt, kann sie auch andere überzeugen und eine Kraft für das Ganze werden.

Montag, 10. Dezember 2007

Heinrich Schlier: Adventsbetrachtungen: Der Tag des Herrn

Aus dem Buch "Der Herr ist nahe - Adventsbetrachtungen" von Heinrich Schlier (+1978)

Der Tag des Herrn
Advent ist die Ankunft Jesu Christi in unsere Nähe. "Der Herr ist nahe". Aber es gibt noch eine andere Ankunft des Herrn, die, welche wir "Wiederkunft" nennen. Seine Ankunft in die Nähe können wir immer wieder durch sein uns angehendes Wort und seine wirksamen Zeichen erfahren, solange die Frist dieser Zeit dauert. Sein Heraustreten aus der Nähe in das Da und Hier und aus der Verborgenheit in die Offenheit, seine gegenwärtige, offenbare und endgültige Erscheinung in Macht ist eine einmalige, die Welt beendende, unverhüllte, endgültig entscheidende Grenzerfahrung des Kosmos. So kann von ihr auch nur als von solcher Grenzerfahrung gesprochen werden, und das heißt in sprachlicher Annährung und analogisch. Der Apostel Paulus spricht von ihr in der Sprache der jüdischen Apokalyptik, die freilich dann von dem Sachverhalt her, z.B. davon, daß Jesus Christus ja schon in die Nähe gekommen ist, zerbrochen wird. Dieser kommende "Tag des Herrn" wird sonst etwa "der Tag (Jesu) Christi", "der große Tag", auch "jener Tag", "der letzte Tag" oder einfach "der Tag", der Tag schlechthin, genannt. Und schon in diesen und ähnlichen Bezeichnungen deutet sich an, daß es ein besonderer Tag ist, nicht einer unserer Tage und doch eben ein "Tag", eine Zeit, die dem Herrn zu eigen ist, der jetzt erst nahe ist und dem Glauben sich eröffnet, der dann den Tag erfüllt. Es ist sein Tag, den seine Anwesenheit schafft, in dem seine Macht und Herrlichkeit aufgehen. Es ist also ein Tag, den nicht mehr wir bestreiten, sondern an dem wir uns nur noch zu verantworten haben, den wir nur noch entgegennehmen. Er ist der Verfügung unserer Zeit- und Weltverlaufs entnommen, und er verfügt sich selbst, oder auch: Gott verfügt ihn als seine "rechte Zeit". Niemand und nichts kann diesen Augenblick der Ankunft Jesu Christi bestimmen, kein Weltgesetz und Weltprozeß, keine Regel der Geschichte, kein Wille oder Un-Wille der Menschheit kann ihn hervorrufen. Aber niemand und nichts kann auch die Ankunft der Zeit Gottes hindern.

Sonntag, 9. Dezember 2007

Erik von Kuehnelt-Leddihn: Was ist der Staat?

Nach: Freiheit oder Gleichheit - die Schicksalsfrage des Abendlandes. Salzburg 1953.

Der Staat stellt einen Aspekt innerhalb der menschlichen Gesellschaft dar. Wir können in der gegenwärtigen Entwicklung des 'neuheidnischen Staates' allerdings bemerken, wie der Staat immer mehr an Raum gewinnt, die gemeinschaftlichen Kräfte schwächer werden und der Staat so zur einzigen Größe aufsteigt, die die ansonsten ungegliederte und anorganische Gesellschaft zusammenhält. Was aber nun ist der Staat? Der Staat ist eine gesellschaftliche Organisation, die innerhalb bestimmter geographischer Grenzen praktisch mit souveräner Gewalt ausgestattet ist und die Aufgabe hat, jene Interessen des Gemeinwohles nach innen und außen wahrzunehmen, zu deren Schutz oder Verwirklichung die gemeinschaftlichen (genossenschaftlichen oder persönlich-privaten) Kräfte nicht ausreichen. Dies beinhaltet zum einen das Prinzip der Subsidiarität, zum anderen die Tatsache der Souveränität. Letztere beinhaltet die Macht und das Recht auf Macht im Sinn einer verwirklichten Autorität. Der Staat ist also höchste gesellschaftliche Instanz, die zwingend in das Leben des Bürgers eingreifen kann. Die Ausübung von Macht und ihre Anwendung kommen daher dem Staat zu. Um ein Recht durchzusetzen ist in der gesitteten Gesellschaft der Staat notwendig, der eine Entscheidung trifft und sie notfalls mit Gewalt durchführt.
Staaten können eine bestimmte Tendenz zu radikaler Vereinheitlichung aufweisen (ein Volk, eine Rassen, eine Klasse, eine Ideologie usw.). Hier deutet sich zumeist eine totalitäre Ordnung an, die auf die Nivellierung von Minderheiten oder geknechteten Mehrheiten aus ist. Hier werden dann ein bestimmter Menschentyp mit Staatsinhalt und Staatsziel vermischt. Der Staat schafft sich mittels verschiedener Operationen des 'social engineering' ein Einheitsvolk (man betrachtete die Folgen der französischen Revolution und das Vorgehen der Nationalsozialisten). Die Identifizierung von Staat und Volk gleicht so einer Einladung zum Staatsvolksuniformismus. Diese Folgerung ist nicht zwingend - doch bewahrheitet sie sich immer wieder. Der Staat ist aber ein dem Allgemeinwohl (bonum commune) in letzter Instanz dienendes, autoritätsbesitzendes gesellschaftliches Machtorgan, das grundsätzlich nicht auf einer bestimmten Identifizierung mit einem Staatsvolk beruht und beruhen muss.

Samstag, 8. Dezember 2007

Augustinus: Deine Sehnsucht ist dein Gebet

Zum 2.Advent stelle ich hier eine in der Adventszeit angesetzte Lesung aus dem Lektionar der Lesehore vor. Es handelt sich Auszüge aus einer Auslegung des Hl.Augustinus zu Psalm 38 (37):

"Ich schreie in der Qual meines Herzens". Es gibt ein geheimes Seufzen, das kein Mensch hört. Wenn aber ein sehnsüchtiger Gedanke so sehr das Herz erfüllt, daß die Wunde des inneren Menschen nach außen durchbricht, dann fragt man nach der Ursache und spricht zu sich selbst: Vielleicht seufzt er aus diesem Grund oder vielleicht ist ihm jenes zugestoßen. Wer kann es wissen außer dem, vor dessen Augen und Ohren jener Mensch seufzt? Deswegen heißt es: "Ich schreie in der Qual meines Herzens", weil die Menschen, wenn sie einen Menschen seufzen hören, meist nur das Seufzen des Leibes vernehmen; aber das Seufzen, das aus der Qual des Herzens kommt, hören sie nicht. Wer erkannte die Ursache seines Seufzens? Jener Mensch fährt fort: "All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir." Wenn dein Sehnen offen vor ihm liegt, dann wird es dir der Vater, der ins Verborgene sieht, vergelten. Denn dein Sehnen ist dein Gebet, und wenn es ein ununterbrochenes Sehnen ist, dann ist es ein immerwährendes Gebet: nicht umsonst sagt der Apostel: "Betet ohne Unterlaß!" Doch: Beugen wir etwa die Knie ohne Unterlaß, werfen wir uns zu Boden, oder erheben wir die Hände, ohne nachzulassen? Meint das der Apostel, wenn er sagt: "Betet ohne Unterlaß"? Wenn wir sagten, wir würden so beten, ich glaube nicht, daß wir so ohne Unterlaß beten könnten.
Es gibt ein anderes "Beten ohne Unterlaß", ein inneres Beten: die Sehnsucht. Was immer du tust - wenn du nach jener Sabbatruhe verlangst, dann betest du ohne Unterlaß. Willst du ohne Unterlaß beten, dann höre nicht auf, dich zu sehen. Dein Sehnen ohne Unterlaß ist deine ununterbrochene Stimme. Du schweigst, sobald du aufhörst zu lieben. Wer ist es, der schweigt? Die, von denen es heißt: "Weil die Gottlosigkeit sich ausbreitet, wird die Liebe bei vielen erkalten." Erkaltete Liebe ist Schweigen des Herzens. Glut der Liebe ist lautes Rufen des Herzens. Wenn die Liebe immer bleibt, rufst du immerfort; wenn du immer rufst, sehnst du dich immerzu; wenn du die Sehnsucht hast, suchst du in deinem Herzen die Ruhe.
"All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir." Wie kann deine Sehnsucht vor ihm liegen, nicht aber dein Seufzen? Wie könnte das sein, wenn das Seufzen die Stimme der Sehnsucht ist? Darum sagt er: "Mein Seufzen ist dir nicht verborgen." Vor dir ist es nicht verborgen, wohl aber vor der Menge der Menschen. Der demütige Knecht Gottes scheint manchmal zu sagen: "Mein Seufzen ist dir nicht verborgen." Manchmal freilich scheint der Diener Gottes auch zu lachen; ist dann etwa die Sehnsucht seines Herzens erstorben? Nein, wenn sie aber auch noch im Herzen lebt, ist auch das Seufzen da; es dringt nicht immer an das Ohr des Menschen, aber niemals entgeht es dem Ohr Gottes.

Freitag, 7. Dezember 2007

Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter Maria

Nach: Hahn,Scott: Die Königin des Himmels. Maria suchen und finden. Augsburg 2004.

Heute, am 8.12., begeht die Kirche das Fest der Empfängnis der Gottesmutter Maria, die vor jedem Schaden der Erbsünde bewahrt wurde. So lebte Maria von ihrer Empfängnis an im Stand der Gnade, und so konnte der Engel noch vor der Geburt Jesu zu ihr sagen: "Sei gegrüßt, du Begnadete". Maria steht hier gewissermaßen spiegelbildlich für Eva, wie Kardinal Newman erläutert: "Wenn Eva durch die Einwohnung jener geistlichen Gabe, die wir Gnade nennen, über die menschliche Natur erhoben war, ist es dann kühn zu behaupten, Maria habe noch größere Gnade empfangen? ... Wenn aber Eva diese übernatürliche innere Gnade vom ersten Augenblick ihres persönlichen Daseins an zuteil wurde, können wir da noch leugnen, auch Maria habe vom allerersten Augenblick ihrer persönlichen Existenz an diese Gabe besessen?". War es nicht gebührend, dass Christus von einer sündlosen Mutter geboren wurde? Wieder Newman: "Maria hatte nicht nur einen auffälligen Platz im Plan Gottes. Das Wort Gottes kam nicht nur zu ihr und ging von ihr aus. Es ging nicht nur durch sie hindurch, so wie er uns in der heiligen Kommunion heimsucht. Der Ewige Sohn nahm nicht nur einen himmlischen Leib an ... Nein, er nahm ihr Blut und ihre Substanz in sich auf und vereinigte beides zutiefst mit seiner göttlichen Person. Durch die Menschwerdung aus ihr erhielt er auch ihre Züge und ihre äußere Gestalt als die Erscheinung, in der er sich der Welt offenbaren sollte. Aufgrund seiner Ähnlichkeit mit ihr war von ihm zweifellos bekannt, daß er ihr Sohn war ... War es nicht gebührend, daß sie der Ewige Vater durch eine überragende Heiligung auf diesen Dienst vorbereitete?
Das Fest der Unbefleckten Empfängnis ist seit dem 4.Jahrhundert bezeugt. Der Hl.Augustinus führt etwas später an, dass alle gesündigt haben, "außer der heiligen Jungfrau Maria, über die wir zur Ehre des Herrn, nicht sprechen sollen, wenn wir uns mit Sünden befassen. Wie sollten wir schließlich wissen, welch großes Maß an Gnade ihr für den vollständigen Sieg über die Sünde zuteil wurde, ihr, die den Vorzug hatte, den zu empfangen und zu gebären, der, wie alle zugeben, ohne Sünde war." Im Osten entstand so für Maria der schöne Ausdruck Panagia, All-Heilige; denn alles an ihr ist heilig.
Dennoch war die Frage der Unbefleckten Empfängnis nicht unumstritten, bis Pius IX. erklärte, "daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden der Erbsünde bewahrt wurde." Das einmalige bewahrt-werden vor der Erbsünde hängt also mit der einmaligen Menschwerdung Gottes zusammen. Es handelt sich um ein Werk Gottes, nicht ein Werk Mariens. Schon die unbefleckte Empfängnis ist eine Frucht der Erlösung, die Christus erwirken sollte. Marias Erlösung bestand in einem Akt der Bewahrung, wie Gott auch heute erlöst und bewahrt. Im Akt der Schöpfung erlöste Jesus Christus seine Mutter Maria von jedem Schaden ihres Mensch-Seins und jeder Empfänglichkeit für die Sünde. Sie ist ein Geschöpf, doch sie ist auch seine Mutter; und Jesus hat das Gebot, die Mutter zu ehren, vollkommen erfüllt. Er ehrte sie auf eine einzigartig schöne Weise.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Erik von Kuehnelt-Leddihn: Nation, Rasse und der katholische Christ

Der Nationalsozialismus hat im Namen von Volkstum und Rasse ungeheure Dummheiten und Verbrechen begangen. Seine ihn überlebenden linken Konkurrenten setzen sich daraufhin in den Kopf den Begriff "Nation" abzuwerten und stattdessen die Gleichheit aller Menschen zu verkünden, inklusive einer Abschaffung des Patriotismus und des nun bösen Wortes "Reich". Allerdings sind Nationen nunmal greifbare Realitäten, deren Vielfalt Gott zugelassen hat. Der Begriff der Nation ist heute sehr unscharf (mal mehr im Sinn von Staatsvolk, dann eher ethnisch), "reine" Rassen existieren sowieso nicht, auch Völker setzen sich vielfach aus Stämmen zusammen. Eine deutsche Rasse gibt es nicht. "Rassenmerkmale" sind in Europa sowieso nicht mit den Staats- und Volksgrenzen identisch. Wer Religion und Weltanschauung aus Ethnie oder Rasse herleiten will, wird scheitern, allerdings gibt es durchaus äußere und Temperamentsmerkmale, die etwa den Süd- vom Nordeuropäer unterscheiden.


Zur Zeit des Heiligen Römischen Reiches kam dem deutschen Volk die Rolle zu, die Mitte, den Kern dieses Reiches einzunehmen. In diesem, zunächst von Kaiser und Papst geprägten Gebilde, wären Nationalismus und Rassimus aufgrund der mosaikartigen Zusammensetzung des Reiches aus Völkern und Nationen moralischer Selbstmord gewesen. Der Nationalsozialismus machte aus der übernationalen, christlich-abendländischen Mission des deutschen Volkes allerdings ein übles Phänomen: eine nationalrassistische Synthese im Nationalsozialismus. An dieser Schwelle endete jeder Rationalismus: Man vergötzte Arier und verfolgte slawische Arier (während man mit anderen - Slowaken etwa - zusammen arbeitete), verbündete sich mit Finnen, Ungarn und Japanern - alle gewiß keine Arier , während man die Juden in einer Art und Weise verfolgte, die jeder Nachvollziehbarkeit entbehrt.

Nun liegt dennoch auf der Hand, dass Menschen geistig und körperlich ungleich sind. Trifft das auch für ganze Völker zu? Bei Rassen kann man leichter Untersuchungen vornehmen, weil die körperlichen Merkmale sich eindeutiger entsprechen. Auch geistige Vor- und Nachteile liegen auf der Hand. In Rechnung stellen muss man allerdings die stete Mischung und Veränderung der Rassen und Völker. Durch Vermischung und Änderung der Lebensumstände ändern sich diese Gruppen psychologisch, kulturell, weltanschaulich und politisch. Es gibt dabei keine höheren und niederen Rassen, aber es gibt unterschiedliche Qualitäten.

Die Nation, das Volk im ethischen Sinn, ist bestimmt ein hoher Wert, aber nicht der höchste. Wir werden in die Nation hineingeboren und damit auch in ihren Glanz, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Sitten und Traditionen. Sie bildet ein wichtiges und zu respektierendes Element unserer Persönlichkeit. Die Heimat ist uns gegeben, von Gott geschenkt. So stehen uns auch die Mitbrüder des eigenen Volkes näher als Nichten und Neffen. Dennoch ist Nationalismus mit seiner Verachtung des Anderen völlig unchristlich. Auch wer Vater und Mutter liebt muss die Frage offen lassen, ob nicht die Eltern anderer Leute noch klüger, frömmer und besser sein können. Dasselbe gilt für die Rassen. Ist der katholische Christ, Bekenner des "Universalen Glaubens" also Kosmopolit? Ja, wenn man darunter nicht Wurzellosigkeit versteht. Der Katholik wird durch seinen Glauben nicht an Patriotismus und Volksverbundenheit gehindert oder auch daran, Volks- und Rassenunterschiede anzuerkennen. Der Felsen Petri steht hoch errichtet über alle Welt, deren Vielfalt gottgewollt ist.
Vgl. Erik von Kuehnelt-Leddihn: Kirche contra Zeitgeist, Innnsbruck 1997, S.67-78.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

J.H. Newman: Unfehlbarkeit


Die Unfehlbarkeit der Kirche, die im Papst und in den Bischöfen und in einem Konzil ihre besonderen Exponenten hat, kann nichts anderes sein als der göttliche Beistand, der die Lehrer des Glaubens beim Lehren des Evangeliums gegen den Irrtum sichert.


1. Die Kirche hat das Amt zu lehren und der Gegenstand ihrer Lehre ist die Gesamtheit der Wahrheiten, welche die Apostel ihr als ihren immerwährenden Besitz hinterlassen haben.
2. Das allgemeine Konzil ist oberster Exponent des Lehramtes, der Papst wiederum kann als Exponent des Konzils auch alleine unfehlbare Lehren formulieren, wenn (1.) er als Lehrer der ganzen Welt (2.) im Namen und mit der Autorität der Apostel spricht und (3.) der Gegenstand die Glaubens- oder Sittenlehre betrifft. Außerdem muss er (4.) jedes Glied der Kirche verpflichten wollen seine Entscheidung anzunehmen und zu glauben.

3. Der Umfang des unfehlbaren Entscheidungen beschränkt sich auf dieses ex-cathedra-sprechen.

4. Diese Lehraussagen betreffen nur den Glauben. Durch sie werden weder historische Fakten, noch bestimmte Personen oder wissenschaftliche Theorien berührt.

5. Unfehlbarkeit eigent nur den Canones, nicht Vorreden oder Lehrkapiteln.

6. Auch wenn bei der Herleitung der Canones ein historischer oder literarischer Fehler festgestellt wird, bleibt die getroffene Aussage unfehlbar: "Was die Göttliche Vorsehung verbürgt hat, ist nur, daß der letzte Schritt, die endgültige Lehrentscheidung oder das Dogma, von Irrtum frei sein sollte."

7. Nur die unmittelbare Antwort auf die Frage, die für Papst oder Konzil ansteht, ist unfehlbar.

8. Nebenbei bemerkte Äußerungen in einer dogmatischen Erklärung können nicht zum eigentlichen Aussagegegenstand einer Erklärung erhoben werden.

9. Eine dogmatisch unfehlbare Entscheidung muss auf Tradition und Schrift bezogen sein. Allerdings liegt die Feststellung der Evidenz dieses Zusammenhangs nicht beim Einzelnen, sondern beim Lehramt, dem der Beistand des Hl.Geistes verheißen ist. Die Unfehlbarkeit der Aussage muss sich auch auf deren Sprachgebrauch beziehen, denn ansonsten wäre das unfehlbare Dogma gar nicht fassbar.

10. Eine unfehlbare Entscheidung in der Sittenlehre muss im Moralgesetz selbst begründet sein.

11. Die Unfehlbarkeit hat zweifache Wirkung: (1.) In unmittelbaren Feststellungen der Wahrheit, (2.) in der Verurteilung des Irrtums. In beiden Fällen ist jeweils die eigentliche Aussageabsicht unfehlbar.

12. Unfehlbare Äußerungen sind sehr selten. Über diese hinaus ist aber die normale Haltung des Christen zu seinen Bischöfen und deren Entscheidungen das Vertrauen gegenüber den Nachfolgern der Apostel und legitimen Hirten der Kirche.


(nach: G.L.Müller: John Henry Newman begegnen. Augsburg 2000, 158-166.)

Samstag, 1. Dezember 2007

Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Advent - "Dein Reich komme"

Worauf warten wir eigentlich im Advent? Auf Christi erste Ankunft? Sie liegt hinter uns. Auf seine zweite Ankunft? Wir fürchten sie, wir wünschen sie nicht. Auf Weihnachten? Das Warten auf das Fest ist aus einem religiösen zu einem kommerziellen Vorgang geworden, der hernach durch einen anderen abgelöst wird. So scheint es, daß der Christ auf nichts wartet; daß die christliche Hoffnung ein leeres Wort ist und eben deshalb dem Gesetz des Vakuums folgt, sich von anderen Hoffnungen her auffüllen zu lassen.
Aber haben wir wirklich nichts zu erwarten? Es gibt Menschen, die noch vor Christus leben: denen der Gott noch nie begegnet ist, der unsere Leiden nicht heilt, indem er es beseitigt, sondern indem er es mitleidet; der das Unrecht der Welt dadurch überführt, daß er selbst unter die Opfer der Ungerechtigkeit tritt. Es gibt Menschen, die nach Christus leben - die ihn gesehen haben und weggegangen sind. Ist es nicht seliger "vor" als "nach" Christus zu leben? Darf seine erste Ankunft je einfach "hinter uns" liegen? Bleibt sie nicht in einem sehr tiefen Sinn immer "voraus"? Müssen wir nicht in Wahrheit ein Leben lang auf sie zugehen, und sollte der Advent uns nicht dazu helfen, auf diesem Wege zu bleiben? So könnte uns allmählich auch sichtbar werden, daß Warten auf die erste und auf die zweite Ankunft Jesu Christi im tiefsten ein und dasselbe ist. Beides bedeutet zuletzt nichts anderes als das Eintreten in die innere Dynamik der Bitte "Dein Reich komme".

(Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Berührt vom Unsichtbaren, Freibrug 2005, S.363)