Bildet den Gipfel der traditionsverwurzelten Kultur der Universalitätsgedanke, so bildet die Grundlage der modernen Kultur der Kollektivitätsgedanke.
Das Kollektive verhält sich zum Universellen, wie sich die "Materie" zur "Form" verhält, das heißt, das Kollektive wird durch das Universelle gerprägt, erhält von ihm Gestalt. Das Kollektive differenziert sich und durch die Hinwendung zu höheren Prinzipien und Interessen entstehen höhere Wesen. So entsteht auf vorzügliche und traditonelle Weise Kultur. Das Individuum prägt seiner Eigennatur ein Gesetz auf und gibt ihm eine Form. Auf diese Weise gehört das Individuum sich selbst an und nicht nur seiner sinnesbedingten Natur. Dies ist die Vorbedingung für eine höhere Natur, in welcher die Persönlichkeit nicht ausgeschaltet, sondern integriert wird. Es handelt sich um das System der Teilnahme. In ihm empfängt jedes Element, jede Funktion und jede Kraft durch die Anerkennung des ihm überlegenen und durch die organische Rückverbindung zu ihm seine rechte Bedeutung. Im Grenzfall ist das Universelle im Sinn der Krönung eines Gebäudes erreicht, dessen feste Fundamente aus den verschiedenen Persönlichkeiten bestehen, die sich differenziert und gestaltet haben, deren jede ihrer Funktion treu ist und für deren jede es entsprechende Rechte und Ethiken gibt, die sich einander nicht widersprechen, die vielmehr durch ein gemeinsames Moment der Geistigkeit und eine gemeinsame männliche Bereitschaft zu einer überindividuellen Hingabe ein solidarisches Ganzes darstellen.
Die moderen Gesellschaft ist Ausdruck des Gegenteils. Statt einer Fortbildung zum Universellen wird eine Rückbildung zum Kollektiv betrieben. Schon die moderne Wissenschaft zerstörte das Prinzip der geistigen Persönlichkeit und Universalität. Das aristokratische Prinzip des Willens wurde zugunsten der Allgemeingütligkeit zerstört. Quantität und rationalistische Empirie ersetzen die Grade innerer Befreiung und geistiger Schau, leitet sich aber doch nur aus dem sinnlich Wahrnehmbaren ab, das heißt, aus den rein tierischen Fähigkeiten des Menschen. So wurde aus dem Prinzip physischer Determination, die die Materie besitzt, wenn keine überphysische Macht eingreift, ein demokratisches Machtideal aufgestellt. Die öffentlichen Gesetze wurden nivellierend, revolutionär, liberalistisch und erhoben alsbald Anspruch darauf, den Menschen vollkommen zu beherrschen: Alles tun wird nationalisiert und sozialisiert, Haß gegen jede höhere und beherrschende Persönlichkeit wird gesät und Führer werden nur geduldet, soweit sie bloße "Exponenten" im Dienste der Kollektivität, des Volks, des Vaterlands in Gestalt von demokratischen Parteiführern oder Volkstribunen sind und sich so nennen.
Nach: Julius Evola: Erhebung wider die moderne Welt. 1935.
Fortsetzung folgt.
Samstag, 26. Januar 2008
Julius Evola: Die Dämonie des Kollektivums I
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