Du, allein, o mein Herr und Gott, bist stark, du allein bist heilig. Du bist die Heiligkeit und die Kraft aller Dinge. Nichts Geschaffenes hat Dasein und Bestand aus sich selbst, sondern verfällt und vergeht, wenn du es nicht durch deinen Beistand erhälst. Mein Gott, du bist die Kraft der Engel, der Heiligen in der Herrlichkeit des Himmels und der Gerechten auf Erden. Kein Wesen besitzt Heiligkeit und Tugendkraft, außer in dir. Mein Gott, ich bete dich in deiner Wahrheit an. Ich verlange von Herzen, diese große Wahrheit zu erkennen und zu bekennen, daß du nicht allein die Allmacht bist, sondern daß es keine Macht, keine Kraft und Stärke gibt, außer in dir.
Mein Gott, du bist die Kraft aller Seelen. Du allein bist vor allem auch meine Kraft! Nichts ist wahrer als dies, daß ich ohne dich ohnmächtig bin. Ich fühle es tief, o mein Gott, daß ich, mir selbst überlassen, in die Irre gehe. So gut ein Stein, den man fallen läßt, zur Erde niederfällt, so sicher gehen mein Herz und meine Seele hoffnungslos zugrunde, wenn du deine Hand zurückziehst. Du mußt micht stützen mit deiner Rechten, sonst halte ich nicht stand. Wie befremdlich ist es, und doch wie wahr, daß alle meine natürlichen Neigungen auf Trägheit, auf Ausschweifung, auf Vernachlässigung der religiösen Pflichten und des Gebetes, auf die Liebe zur Welt abzielen, statt auf die Liebe zu dir, auf Heiligkeit und Selbstbeherrschung! Ich billige und rühme, was ich selbst nicht tue. Mein Herz jagt Eitelkeiten nach, und mein Trachten geht nach dem Tod, nach Verderben und Auflösung, getrennt von dir, du unsterblicher Gott.
Mein Gott, meine Erfahrung lehrt mich deutlich genug, welch schreckliche Knechtschaft die Sünde ist. Wenn du mich verläßt, habe ich keine Gewalt über mich, so sehr ich es wünsche - ich verfalle der Unbotmäßigkeit meines Eigenwillens und Stolzes, meiner Sinnlichkeit und Selbstsucht. Sie beherrschen mich täglich mehr, bis ich nicht mehr zu widerstehen vermag. Allmählich wird der alte Adam, der in mir lebt, so stark, daß ich zum Sklaven werde. Ich sehe ein, daß dieses oder jenes unrecht ist, und tue es doch. Ich beklage mich bitter über meine Knechtschaft und vermag sie doch nicht abzuwerfen. Welch eine Tyrannei ist die Sünde! Sie ist wie eine schwere Last, die mich lähmt - und was wird das Ende sein? Um deiner kostbaren Verdienste willen, bei deiner allmächtigen Kraft flehe ich inständig zu dir, o mein Herr und Heiland, gib mir Leben und Heiligkeit und Stärke! Heiliger Gott, gib mir Heiligkeit! Starker Gott, gib mir Kraft! Unsterblicher Gott, gib mir Beharrlichkeit! Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser!
Aus dem Buch "Betrachtungen und Gebete".
Sonntag, 10. Februar 2008
J.H.Newman: Die Knechtschaft der Sünde
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