Nationalismus ist einerseits als Partikularismus zu betrachten. Andererseits besitzt er - der sich so vom Universellen gelöst hat - auch einen kollektivistischen Aspekt. In vielen Erscheinungsformen des Nationalismus kommt es zu einer Diktatur des Volkes, vereint mit der Unfähigkeit des Einzelnen, sich außerhalb dessen, was durch den Volkszusammenhang vorgegeben ist, zur Geltung zu bringen. Tradition wird im Nationalismus ebenfalls nationalistisch verstanden - Bezugspunkte werden nicht danach bewertet, was sie an Geistigem und somit Universellem vollbracht haben, sondern nach der bedeutungslosen Tatsache, dass sie in den Bereich eines bestimmten Volkes, einer bestimmten Nation gehören.
Im Blick auf das antipersonalistische Moment besteht zwischen dem Nationalismus und der proletarischen oder wirtschaftlich-industriellen "Internationalen" nur ein Gradunterschied. Im Nationalismus ist das Individuum wieder in die völkischen (ethnisch-nationalen) Urstämme aufgelöst; in jenen Tendenzen wird jede diesen ethnischen Urstämmen eigentümliche Differenzierung "überwunden" und ein absolut einförmiges Agglomerat angebahnt. Dies gelingt durch eine Überführung der Mystik vom Volk (im Nationalismus) zu einer Struktur wirtschaftlichen, technischen und mechanischen Typs. Dort werden die letzten qualitativen Unterschiede notwendig vernichtet und die Wege zur Heraufkunft des vaterlandslosen Massenmenschen geöffnet. Angesichts dessen, dass die Ebene der modernen Kultur die Ebene der wirtschaftlich-mechanischen Macht ist und jedes Kriterium des Nationalstolzes mehr oder weniger auf diese erste Ebene zurückgeführt wird, ist der Übergang von Nationalismus zum Internationalismus wohl sehr wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Dann wird der Punkt erreicht, wo die Menschheit sich selbst zum Religionsgegenstand erwählt. Man wird zu einer universellen Brüderlichkeit kommen, die, weit entfernt, den völkischen Geist mit seinen Gelüsten und seinem Stolz abzuschaffen, die Nation zum Menschen und Gott zum Feinde macht. In jenem Augenblick wird die Menschheit, indem sie sich in ein einziges großes Heer, in eine einzige ungeheure Fabrik verwandelt, nichts mehr sonst als Disziplinen und Erfindungen kennen, jede freie und uninteressierte Tätigkeit wird verdammt und als Gott wird dieses Menschheitskollektiv nur noch sich und seinen Willen besitzen.
Samstag, 2. Februar 2008
Julius Evola: Die Dämonie des Kollektivums II - Nationalismus und Internationalismus
Aus: Julius Evola: Erhebung wider die moderne Welt. Stuttgart 1935.
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