Freitag, 8. Februar 2008

K.H.Bohrer: Falkland und die Deutschen

Jüngeren Semestern, bei denen nicht sogleich Erinnerungen oder Kenntnisse des Falklandkrieges zur Verfügung stehen, ist geraten sich diese möglichst noch über diesen Verweis hinaus anzueignen.

Reden wir davon, wie das öffentliche Westdeutschland,
jedenfalls Teile seiner politischen Elite, offensichtlich durch die englischen Reaktion, den Krieg nicht nur anzudrohen, sondern damit Ernst zu machen, in mehrfacher Hinsicht überfordert wurde. Vor allem die symbolische Qualität in den Details ist nicht richtig verstanden worden: etwa daß man "seine" Inseln nicht besetzten lässt, vor allem nicht von einem Militärregime, auch wenn man bisher mit ihm Handel trieb.
Henry Kissinger brachte es in einer Londoner Rede auf den Satz: "In der Falklandkrise erinnert Britannien uns alle daran, daß gewisse Grundprinzipien, solche wie Ehre, Gerechtigkeit und Patriotismus, gültig bleiben und durch mehr als bloße Worte erhalten werden müssen." Diese Noblesse aber ist einigen ersten westdeutschen Interpreten offenbar eine Obszönität, urteilt man nach wirkungsvollen Kommentatoren, wobei die Mischung aus journaillehafter Häme und vulgärer Begriffstutzigkeit besonders repräsentativ scheint für den neudeutschen Stil, von dem wir hier reden. Nennen wir als einziges Beispiel für oberflächliche Information das durch repräsentative westdeutsche Blätter sich durchwindende Wort "Hurra-Patriotismus" der angeblich die Briten überfallen habe (sozusagen ein Rückfall, den die Deutschen längst überwunden haben). ... Offenbar ist der Begriff "Patriotismus" nach westdeutschen Sprachempfinden nur noch mit dem Präfix "Hurra" akzeptierbar, wobei das englische Wort "Jingoismus" damit ebensowenig vergleichbar ist wie britischer Nationalstolz mit dem Analogon wilhelminischer oder gar nationalsozialistischer Weltgeltungsansprüche. Die Westdeutschen werden wieder lernen müssen, daß ihre eigene geschichtliche Katastrophe oder Desillusionierung in der Niederlage den Wert des "Patriotismus" keineswegs realtivierte; oder sie laufen weiter einer politischen Lebenslüge nach.
Was jetzt in Westdeutschland zynisch direkt oder heimlich an manchen "nassen" Stellen zum Ausdruck kommt, ist nichts anderes als eine Variante der famosen "Lieber-rot-als-tot-Mentalität". Auch die rhetorische Frage "Sterben für die Falkländer?" gibt vor, fürs Sterben gebe es einen höheren Preis. In Wahrheit enthüllt sich aber, daß man für gar nichts, jedenfalls für kein Prinzip, zu sterben berei ist. Wenn die Ehrlichkeit dies zugäbe, wäre man weiter und verstünde die psychischen Antriebe besser, weshalb westdeutsche Politdenker zur Zeit so überfordert sind, warum sie den Thukydides-Tonfall der Times nicht verstehen würden. Sie verstehen ihn nicht, weil sie von der Psychologie des dritten (Aus-)Wegs und der Mentalität des neuen "Friedens" geprägt sind.
Fortsetzung folgt

Nach: Karl Heinz Bohrer: Falkland und die Deutschen. 1982. (FAZ), Vgl. auch: Provinzialismus. Ein physiognomisches Panorama. München/Wien 2000.