Freitag, 22. Februar 2008

Kreuzweg - 4.Station: Jesus begegnet seiner Mutter

O Mütter, die ihr das erste und einzige Kind habt sterben sehen, ruft euch die Nacht zurück, die letzte, bei dem kleinen wimmernden Wesen, das Wasser, das man ihm zu trinken geben will, das Eis, das Thermometer, und den Tod, der leise, leise sich naht, den man nicht mehr verkennen kann. Zieht ihm seine armen Schühlein an, gebt ihm ein frisches Hemdlein und frische Windeln! Einer kommt, der es mir nehmen und in die Erde legen wird. Leb wohl, mein süßes Kind! Leb wohl, du Fleisch von meinem Fleisch.
Die vierte Station ist Maria, die ganz Hinnahme ist. Da seht sie an der Straßenecke und wartet auf ihn, aller Armut Hort. Ihre Augen haben keine Tränen, ihr Mund hat keinen Speichel. Sie spricht kein Wort und schaut Jesus an, wie er da kommt. Sie nimmt an. Sie nimmt noch einmal an. Strenge unterdrück sie jeden Schrei in ihrem starken, graden Herzen. Sie spricht kein Wort und schaut Jesus Christus an. Die Mutter betrachtet ihren Sohn, die Kirche ihren Erlöser. Heftig geht ihre Seele ihm entgegen, gleich dem Schrei des sterbenden Soldaten. Aufrecht steht sie vor Gott und hält ihm ihre Seele hin, daß er darin lese. Nichts ist in ihrem Herzen, das sich verweigert oder zurücknimmt. Keine Fiber ihres durchbohrten Herzens, die nicht annimmt und nicht einwilligt. Und wie Gott selbst zugegen ist, so ist sie zugegen. Sie nimmt an und schaut auf den Sohn, den sie in ihrem Schoße empfangen hat. Sie spricht kein Wort und schaut den Heiligen der Heiligen an.

Paul Claudel: Kreuzweg. 1962.