Mittwoch, 30. April 2008

Armenien, die Armenier - und was wir bei der Beschäftigung mit ihnen über uns lernen

Armenien und die Armenier sind früh bezeugt, sie sind ein altes Volk. Herodot erwähnt sie und vielleicht findet man sie sogar schon in in altpersischen Schriften des 6.Jhd. vor Chr. Im 2.Jhd vor Christus wird die Artaxiaden-Dynastie greifbar, deren Höhepunkt ein Großreich war, das König Tigran der Große im 1.Jahrhundert vor Christus von seiner Hauptstadt Tigranokert beherrschte. Unsere, meine, deutschen Vorfahren waren zu diesem Zeitpunkt noch ganz mit der Entscheidungsfindung beschäftigt, ob man von den Bäumen herunterklettern sollte (man fand in der Eifel dauerhaft keine Bananen...) oder ob man doch lieber auf ihnen wohnen bleiben möchte. Ernsthaft: Die Armenier sind ein altes Volk, das unseren Respekt verdient. Grade im Umgang mit Völkern, die eine große Zeit hatten - sie aber nun jetzt gerade nicht haben - können diejenigen, die grade oben auf sind - es aber sicher nicht immer waren und auch nicht bleiben - zeigen, dass sie wirklich Charakter besitzen.
Die Armenier sind das älteste christliche Volk der Welt. Im Jahr 301 wurde das Christentum durch Tiridates III. zur Staatsreligion ausgerufen. Das Christentum war der Überlieferung nach durch die Mission der Apostel Thaddäus und Bartholomäus nach Armenien gekommen. Die Ausrufung des Christentums zur Staatsreligion steht in engem Zusammenhang mit der Person "Gregors des Erleuchters". Dieser, aus einem parthischen Adelsgeschlecht stammend, hatte in Cäsarea das Christentum studiert. Es gelang ihm König Tiriades von einer schweren Krankheit zu kurieren. Der König wurde Christ, empfing die Taufe und ließ die Segnungen des christlichen Glaubens auch auf sein Reich niedergehen, indem er seinem Land den christlichen Glauben per Dekret verordnete. In einer Zeit wie der unseren, in der der Staat die Neigung verspürt, Religion auf ein Vorratslager für Normen (die dann doch niemand hält) anzusehen und nahezu verlangt, das Grunddogma des Relativismus vor jede religiöse Aussagen zu schieben, kann so ein König Tiriades für mich schon etwas Verheißungsvolles haben...
Im 5.Jahrhundert schließlich wurde das armenische Alphabet geschaffen, bevor im 6.Jahrhundert eine Entfremdung zwischen armenischer und Gesamtkirche einsetzte, die sich darin zeigte, dass die armenische Kirche die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (auf dem sie nicht vertreten sein konnte), namentlich die Lehre von den Zwei-Naturen Christi nicht akzeptierte. Der Akzent, den die Armenier setzten, blieb eindeutig bei der göttlichen Natur Christi, wenngleich die Unterschiede zwischen dem armenischen und dem chalzedonensischen Verständnis nicht unüberbrückbar erscheinen. An dieser Stelle kann sich nun die westliche Christenheit fragen, wie sie mit den Armeniern umgehen will. Auch hier gilt wieder: Zeigen wir Charakter, zeigen wir unsere christliche Einstellung, indem wir zu denen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht mit uns einig wurden, ein gutes Verhältnis pflegen? Grade auch, wenn die Größenverhältnisse eben so sind, dass man die Armenier gegenüber den Katholiken zahlenmäßig vernachlässigen könnte. Das wäre aber keine Art des Umgangs. Sie sind die Statthalter einer großen, alten und ganz und gar christlich durchdrungenen Tradition und Kultur. Grade wenn wir etwas tun, wovon wir eigentlich nichts haben, können wir zeigen, dass wir wirklich Menschen sind und nicht nur Affen, die besonders komplizierte Umwege gehen können, um an die Banane zu kommen.
Wie auch immer, im 7.Jahrhundert erobern moslemische Araber das Land, im 11.Jahhrundert Türken, der Sitz des Katholikos der Armenier wird nach Kilikien am Mittelmeer verlegt. Katholikos Nerses Shnorhali (+1173) ragt in dieser Epoche durch seine intensiven Kontakte zur griechischen, syrischen und römischen Kirche heraus. Überhaupt haben die Armenier nie das Gefühl dafür verloren, Teil der einen Kirche zu sein, wie sich an vielfältigen Unionsbemühen, die bisher aber nur vorübergehend zum Abschluß kamen (1307-1361), aber ein gutes Verhältnis zwischen Rom und den Armeniern schufen, zeigte.
Während der Kreuzzüge intensivieren sich die Kontakte zwischen Armenien und den westlichen Christen und auch besonders zwischen der armenischen Führung in Kilikien und dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation. König Heinrich VI. erhebt den armenischen Fürsten zum König, der vom Erzbischof von Mainz gekrönt wird. 1375 wird das Königreich jedoch durch die Mameluken zerschlagen, der armenische Katholikos flieht nach Jerusalem, wo es bis heute noch ein armenisches Viertel gibt. Im Bewustsein des Volkes ging die Würde des Königs auf den armenischen Katholikos über, was bezeugt, dass die Identität der Armenier, die nun im osmanischen Reich lebten, weitgehend durch das armenische Christentum überlebte.
In den stärker werdenden Bedrängnissen, die das osmanische Reich gegen Ende des 19.Jahrhunderts erlebte, kam es nahezu durchgehend zu Übergriffen gegen die (eigentlich als loyal geltenden) Armenier von unterschiedlicher Intensität. Die Opferzahlen sind nicht fassbar, dürften aber schon zu diesem Zeitpunkt bei etlichen Zehntausenden liegen. Im Zuge des allgemeinen Nationalismus kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Armeniern, Kurden und Türken, wobei die Armenier durch ihre zahlenmäßige Unterlegenheit in den sich abzeichnenden Konflikten eine schlechte Ausgangsposition besaßen. Auseinandersetzungen besonders 1894 und 1896 verliefen blutig, aber für die Armenier weitgehend ergebnislos. Der türkische Nationalismus ("Jungtürken") wurde aber zunehmend zur Bedrohung der christlichen Armenier. 1909 wurden 25.000 Armenier in ihrem alten Siedlungsgebiet Kilikien ermordert, weil man in ihnen Unterstützer einer nicht-jungtürkischen Regierung sah. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges sahen die Armenier, einst loyale Untergeben des türkischen Sultans, nach ihrer Bedrängnis durch die türkischen Nationalisten ihr Heil in der Hinkehr zu Russland, in dessen Reihen viele Armenier in den Krieg gegen die Türkei eintraten. Die Folgen waren verheerend:
  • armenische Soldaten der türkischen wurden entwaffnet, zu Arbeitseinheiten zusammengfasst und dann oft "bataillonsweise" hingerichtet
  • Armenier werden aus ihren angestammten Siedlungsgebieten ins Landesinnere der Türkei deportiert.
  • unter den Armeniern gewinnt die sozialistische Partei die Oberhand, auf Ausgleich bedachte Repräsentanten "verschwinden". Bei einem Aufstand kommt es zu Übergriffen gegenüber den Türken, auch die Armenier gingen nicht zimperlich vor.
  • im Juni 1915 werden die Armenier Konstantinopels verhaftet, die Türken sahen die Christen, besonders die Armenier, als Feinde im inneren und schoben militärische Argumente vor, um sie ein für alle mal zu vernichten. Sie wurden enteignet, verschleppt, konzentriert und einerseits durch Militär und Hilfstruppen ermordet, andererseits auf Todesmärsche geschickt. Hilfsangebote anderer Staaten für die Armenier wurden von den Türken zurückgewiesen, es gab keine Pläne, die Armenier irgendwo neu anzusiedeln. Türkische Politiker oder Militärs, die sich der Vernichtung der Armenier widersetzten, wurden abgesetzt.
  • der militärische Vorwand verflog schon bald: Deportiert wurden besonders Frauen und Kinder, nachdem man die wehrfähigen Männer getötet hatte. Dazu waren die armenischen Siedlungsgebeite militärisch und für Kollaboration bedeutungslos. Einen organisierten Aufstand der Armenier gab es nicht.
  • auch nach 1915 wurden Armenier weiter deportiert. Eine rühmliche Rolle kommt hier dem deutschen General Liman von Sanders zu, der sich unter Androhung militärischer Gegenmaßnahmen gegen die Deportationen stellte.
  • Die Opferzahl dürfte sich dem Wert von 1,5 Millionen Toten annähren.
Die zuerst begonnene Aufarbeitung der Vorgänge fällt in der Türkei immer noch dem türkischen Nationalismus zum Opfer. Dies ist ein Punkt, durch den die Türkei ihre völlige Unfähigkeit zur Integration in die EU und die europäische, abendländische Kultur belegt. Es ist dabei gleichgültig, ob man die begangenen Verbrechen nun Völkermord nennt oder nicht. Die Türkei zu hofieren - die den (ich nenne ihn so) Völkermord an den Armeniern bis heute verharmlost und keinerlei Unrechtsbewußtsein zeigt - und sie wohlmöglich beim herrschenden status quo in die EU aufzunehmen, wäre ein Schlag ins Gesicht für die Armenier. Aber wer interessiert sich für sie, ein kleines Volk im Kaukasus, das in einem abgelegenen Winkel lebt und nicht genug Kaufkraft aufweist, um interessant zu sein? Über sie kann man hinweggehen - und man kann nicht nur, man tut es weithin auch. Zum Zustand der Politik, die ja weitgehend nur den Zustand der Gesellschaft spiegelt, muss nichts weiter gesagt werden.

Kommentare:

Harki hat gesagt…

Nun ja, der historische Abriß ist aber schon ein bißchen einseitig und ignoriert z.B., daß die Armenier im späten 19. Jahrhundert eine sehr starke, weltliche Bewegung mit dem Ziel der Abspaltung vom Osmanischen Reich auf die Beine gestellt haben. "Daschnakzutiun", gegr. 1890, ist eine national-liberale, sozialistisch angehauchte Partei, bis heute die stärkste in der armenischen Diaspora.

Und ein etwas pikierter Hinweis, *schäm*: Armenien liegt nicht im Kaukasus. Transkaukas(us|ien) != Kaukasus

KJ hat gesagt…

Ja, da kann man manches sicher auch aus einer anderen Perspektive sehen, da hast du recht... Aber ich bleib erstmal bei dieser :).

Peinlich berührt habe ich bei einem durch deinen Hinweis angeregten Blick in den Atlas festgestellt, dass Armenien tatsächlich nicht Kaukasus liegt (aber fast...). Ich nehme das also zurück und behaupte das Gegenteil: Es liegt in Transkaukasien.

Anonym hat gesagt…

... setzen heute die Theorie in die Praxis um:
www.ungebeten.de.

Bitte machen Sie diesen Beginn der Konservativ-Subversiven Aktion um 8.00 Uhr per ePost überall bekannt.

Danke und Gruß!
Götz Kubitschek