Gestern wurde ich missioniert. Mit den Worten: "Eine Einladung für Sie" drückte mir ein freundlicher Mann mittleren Alters ein Faltblatt in die Hand. Das Deckblatt dieses Faltblattes ist zweigeteilt. Auf der oberen hellen Hälfte steht in kursiver Schönschrift "Der Sohn Gottes" auf der unteren dunklen Hälfte in Maschinenschrift "gegen die Religionen der Menschen". Die Lektüre versprach interessant zu werden.Der Text hebt dann mit der Frage an, wie es möglich sein konnte, dass das Judentum, als sich auf das Wort Gottes gründende Religion, den Erlöser nicht nur ablehnte, vielmehr "verfolgten [sie] ihn und ließen ihn sogar kreuzigen. Wie konnte es dazu kommen?". Abgesehen davon, dass man schon kaum wird sagen können, dass "die Juden" dies taten, war das aber auch schon eine Frage, die sich die frühen Christen stellten. Die Antwort, die uns unser Faltblatt liefert, ist diese: Die Menschen haben aus der Heiligen Schrift eine Religion gemacht - "Ein Anbetungssystem mit all den Gesetzen und Verordnungen, Ritualen, Veranstaltungen und Traditionen". Da fragt sich nun der Bibelleser: Aber das steht doch alles im AT. Feste, Rituale, detailliert beschrieben und angeordnet, Überlieferungen ... das hat sich niemand neben der Hl.Schrift ausgedacht. Es gehört selbst zur Schrift. Lauschen wir aber noch ein wenig dem Faltblatt: "Gottes Verlangen war vielmehr, dass die Menschen ihn kennen lernen und Gemeinschaft mit ihm haben ... Leider hat das Volk Gottes die Schrift in ein religiöses System gezwängt", so dass es in Jesus Christus nicht den Messias erkannt habe. Nun, man wundert sich schon, warum es einen Gegensatz zwischen religiösem Leben und einer persönlichen Gottesbeziehung geben soll - und noch vielmehr gibt es zu denken, was wohl die Verfasser über die religiösen Gebote des AT denken (ob sie die Bücher Exodus, Levitikus und Numeri kennen?). Der Kern der Botschaft unserer Missionsschrift ist aber eine andere.
Schon das Ergebnis zusammenfassend erhebt sie nämlich sich mit der gar nicht suggestiven Frage: "Ist uns jemals der Gedanke gekommen, dass wir uns im Christentum nach 2000-jähriger Geschichte ebenso auf unsere Traditionen stützen und Jesus Christus, den lebendigen Gott ignorieren, ihn sogar ablehnen?" Nun, offenbar ist dieser Gedanke den Verfassern des Faltblattes gekommen. "Wie viele von ihnen [den kirchlichen Christen] haben überhaupt eine persönliche Beziehung zu dem lebendigen Christus und erfahren ihn in ihrem täglichen Leben?" Nicht viele, antwortet die Stimme aus dem Off natürlich. Die Frage, ob sich nicht gerade in den Traditionen, die unseren Glauben ausmachen, Jesus Christus finden läßt, ob er uns in ihnen gegenübertritt, diese stellt sich für unsere Faltblättler nicht - eigenartig, ist doch auch die Bibel Tradition, Überlieferung. Und dann mein Lieblingsterminus "eine persönliche Beziehung" zu Christus. Entweder man hat eine Beziehung zu Christus, oder man hat keine. Aber eine unpersönliche Beziehung zu Christus gibt es nicht. Mir ist diese Wendung auch im NT noch nie begegnet, im AT sowieso nicht. Erschauernd stellt man sich die Frage: Sollte es sich bei "persönlichen Beziehung" am Ende um eine evangelikale Tradition handeln. Horribile dictu! Fahren wir lieber mit der Analyse der Gegenwartssituation durch unser Faltblatt fort: "Das Christentum ist zu einer religiösen Institution geworden, vielleicht ursprünglich auf Gottes Wort im Neuen Testament gegründet, inzwischen jedoch charakterisiert durch Traditonen und Lehrmeinungen." Daraus werden die Trennungen der Christenheit begründet und eine Verzerrung in der Verkündigung. Nun stelle ich mir die Frage, wie die biblische Lehre 2000 Jahre ohne Tradition und Lehrmeinungen überleben soll. Davon abgesehen: Es gibt schon in der Hl.Schrift selbst Traditonen und Lehrmeinungen. Es gibt feste Bekenntnisse, Formeln, Riten - und diese sind auch noch samt und sonders älter als die biblischen Schriften. Die Kirche war eben vor der Bibel da. Es natürlich richtig, wenn es heißt: "Gott bietet uns ... seinen geliebten Sohn, Jesus Christus ... damit dieser uns rettet und wir in ihm ein neues Leben - sein Leben - erfahren." Dabei handelt es sich tatsächlich nicht in erster Linie um ein "theologisches System mit Riten, Regeln und Gesetzen" - aber eben auch. Schon in der Hl.Schrift selbst wird theologisch reflektiert (besonders Johannes und Paulus tun dies, aber alle anderen auch). Es gibt Riten (Abendmahl, Taufe, Salbungen, insbesondere Krankensalbung, Handauflegung zur Einsetzung in ein kirchliches Amt) - das steht doch alles in der Schrift! Was ist damit?
Es folgen noch einige Ausführungen, die sich mit dem Sühnetod Jesu am Kreuz befassen. Diese sind biblisch fundiert (ab hier gibt es auch biblische Belege, vorher bezeichnender Weise nicht) und zustimmungsfähig, bevor uns derm unvermeidliche Gebetstext zur Lebensübergabe an Jesus begegnet. Allerdings nicht ohne einen kleinen Seitenhieb: "[Gott] bietet dir keine Religion an, sondern eine wunderbare Person, Jesus Christus". Solche Einlassung proklamieren einen falschen Gegensatz. Die berühmte "persönliche Beziehung" ist ja keine vollkommen unmittelbare. Schon im NT sendet der Herr seine Apostel aus "Wer euch hört, der hört mich." Sie geben ihr Amt weiter, wie es im jüdischen Umfeld üblich ist, im Stil eines rechtlich verbindlichen Ritus. Jesus Christus hat uns nicht in allererster Linie die Bibel hinterlassen, sondern die Kirche, die Gemeinschaft seiner Apostel und Jünger. Das wissen wir selbstverständlich heute aus der Bibel. Was aber nichts daran ändert, dass das primäre tatsächlich die Gemeinschaft der Kirche war, in der dann die Hl.Schrift entstandt und in deren Schoß sie gehört. Erst dort entfaltet sie sich im eigentlichen, wirklichen, herrlichen Sinn, der ihr zusteht.
Liebe Evangelikale, ich mag euch. Aber so geht das nicht. Ihr müsst schon schauen was in der Hl.Schrift steht. Dieses Faltblatt ist das Zeichen für eine unreflektierte Tradition auf evangelikaler Seite, die in die Hl.Schrift zurückprojiziert wird. In diesen Momenten lobe ich mir die oft zurecht gescholtenen theologischen Fakultäten an den Unis.
Mein Kommentar zu dem kleinen Pamphlet: Ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott; aber es ist ein Eifer ohne Erkenntnis. (Römer 10,2).
[Jaja, nicht alle Evangelikalen sind so - ich weiß es. Deo gratias!]















