Freitag, 29. Februar 2008

Kreuzweg - 5.Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Der Augenblick kommt, wo es nicht mehr geht, wo man nicht mehr weiter kann. Das ist die Stelle, wo wir uns einfügen können und wo du zugibst, daß man auch uns, selbst mit Gewalt, bei deinem Kreuze beschäftigt, wie Simon von Cyrene, den man an dies Stück Holz gespannt hat. Kraftvoll umfaßt er es und marschiert hinter Jesus drein, damit nichts vom Kreuz dahinschleppe und verlorengehe.

Aus: Paul Claudel. Kreuzweg. 1947.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Christliche Politik: Kernbestände einer moralischen Ordnung im Staat

Was ist Kern christlicher Politik? Was ist unaufgebbar, was disponibel? Am 24.11.2002 gab die römische Kongregation für die Glaubenslehre eine "Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben" heraus. Diese wurde schon einige Beiträge weiter unten (23.2.2008) angesprochen. Betrachten wir das Dokument nun weiter, stellen wir etwas fest, was aus römischen Mund niemanden überrascht, was sich aber viele deutsche Politiker, grade welche, die auf ihre Christlichkeit halten, merken sollten: Es gibt grundlegende, unaufgebbare ethische Forderungen. Wann handelt es sich um solche? Wenn der Kern der moralischen Ordnung auf dem Spiel steht. Konkret:
1) Lebensrecht. Die Gesetzgebung bezüglich Abtreibung, Euthanasie und Embryonenschutz. Das menschliche Leben ist von seinem natürlichen Beginn bis zu seinem natürlichen Ende schutzwürdig.
2) Familie. Die Familie gründet auf einer monogamen Ehe zwischen Personen verschiedenen Geschlechts. Die modernen Ehescheidungsgesetze dürfen Einheit und Stabilität der Ehe nicht gefährden. Andere Formen des Zusammenlebens können der Familie nicht gleichgestellt werden.
3) Erziehung. Die Freiheit der Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder muss gewährleistet sein.
4) Schutz der Schwachen. Minderjährige müssen sozial geschützt und Opfer moderner Sklaverei (Drogenkonsum, Prostitution) befreit werden.
5) Religionsfreiheit.
6) Gerechte Wirtschaftsordnung. Die Wirtschaft muss im Dienst der Person und des Gemeinwohls stehen. Soziale Gerechtigkeit, sowie die Prinzipien der menschlichen Solidarität und Subsidiarität müssen beachtet werden.
7) Frieden. Dieser ist ein Werk der Gerechtigkeit und die Wirkung der Liebe. Er verlangt, dass Gewalt und Terrorismus durch wachsamen Einsatz jener, die in der Politik Verantwortung tragen, radikal und absolut zurückgewiesen werden.
Diese ethischen Forderungen Wurzeln im menschlichen Wesen und gehören zum natürlichen Sittengesetz. Sie dürfen nicht unter Verweis auf Pluralismus und Autonomie geschwächt werden. Die Katholiken sind vielmehr verpflichtet diese moralischen Wahrheiten mit legitimen Mitteln zu fördern und zu verteidigen. Auch in der staatlichen Sphäre darf nicht von der Moral- und Soziallehre der Kirche abgesehen werden, da es nur eine Wahrheit gibt. Es geht nicht um den Versuch der Kirche politische Macht auszuüben oder die Meinungsäußerung der Katholiken in kontingenten Fragen einzuschränken. Aber auch für die in der Politik Tätigen kann es keine Parallelexistenz geben. Ihr christlicher Glauben will in allen ihren Lebensbereichen Früchte tragen. Wer die Berechtigung einer solchen Haltung verneint, verfällt einem intoleranten Laizismus und öffnet einer moralischen Anarchie Tür und Tor, ja er bedroht die geistigen und kulturellen Wurzeln der Zivilisation selbst. Die Kirche hingegen hält mit der Schärfung der Gewissen der Gläubigen zu einer umfassenden Förderung der Person und des Gemeinwohls an.

Montag, 25. Februar 2008

Carl Schmitt: Absolutismus und absoluter Staat

Absolutismus im Staat. Das Wort Absolutismus wird meist für die Kennzeichnung der absoluten Monarchie gebraucht, die diese von anderen Arten der Monarchie (feudal, ständisch, parlamentarisch) abgrenzen soll. Staatsrechtlich bedeutet eine absolute Monarchie einen Staat, in welchem alle staatliche Macht unbeschränkt dem König zusteht, alle Ausübung staatlicher Autorität auf seinen Willen zurückgeführt wird. Im Hintergrund steht hier der moderne, zentralisierte Einheitsstaat, der sich in Europa infolge der Auflösung der kirchlichen Einheit und des deutschen Kaisertums bildete. Ideal dieses Staates ist das aufegeklärte Bürgertum, das unter der Leitung eines aufgeklärten Monarchen in verständiger Weise das Wohl der Untertanen fördert. Der Staat erscheint als eine unter der Leitung des absoluten Fürsten gut funktionierende Maschine. Die spezifischen Gegner des Absolutismus waren die Stände, deren Macht durch die absoluten Fürsten vielfach gebrochen wurden, zum anderen (besonders nach der englischen Revolution 1640) die Lehre von der Gewaltenteilung. Schließlich entwickelte sich ab dem ausgehenden 18.Jahrhundert auch die Lehre vom Staat als eines natürlichen Organismus, der auf naturphilosophische Analogien, traditionalistische Vorstellungen und später auch auf neue Betrachtungsweisen des Staates nach den deutschen Freiheitskriegen beruhte.
Absolutismus des Staates. War der fürstliche Absolutismus de facto niemals wirklich absolut, sondern achtete in der Regel die Sonderstellung des Adels, die Erfordernisse der Beamtenschaft, das göttliche und natürliche Recht, entwickelte sich doch aus diesem Absolutismus ein neuer Absolutismus, der Staats-Absolutismus. In ihm entfallen alle naturrechtlichen und religiösen Hemmungen, die Staat als solcher wird zur letzten Instanz, zum letzten Richter über gut und böse, er umfasst restlos alle Gebiete des menschlichen Lebens. Erstes Beispiel eines solchen Staates war die Jakobinische Diktatur von 1793. Der Absolutismus des Staates ist aber auch gut in der Lage, sich mit liberalen Tendenzen zu verbünden. Die liberale Bewegung bekämpfte zwar den Absolutismus alter Prägung, unterwarf dem Staat aber Lebensgebiete, die ihm bisher fremd waren, um sie der Kirche zu entreißen: Erziehung und Schule, Ehe und Familie. Man machte die Religion zur Privatsache und der Staat bemächtigte sich aller praktischen Kundgebungen des Religiösen. Konsequente Umsetzungen des Staatsabsolutismus stellen insbesondere die moderne Massendemokratie und der kommunistische Sozialismus dar.
Staatsabsolutismus und katholische Kirche. Alle bestehende staatliche Gewalt kommt von Gott (Römer 13,1). Die staatliche Autorität ist wirkliche Autorität und nicht etwa bloßer Agent des Volkes. Neben dem Staat steht aber, als Gesellschaft in der Welt verfasst, die Kirche. Sie duldet in den ihr anvertrauten göttlichen Dingen keine staatliche Einmischung, hält sich umgekehrt aber aus den weltlichen Angelegenheiten heraus. Beide, Kirche und Staat, sind auf ihrem Gebiet höchste Gewalten und in diesem Sinn beide souverän. Daraus folgt, daß nach katholischer Lehre ein Staats-Absolutismus im Sinn einer grenzenlosen, über ihre eigene Zuständigkeit frei entscheidenden, allmächtigen Staatsgewalt ebenso unzulässig ist, wie der heidnisch-antike Staat, der ein Privatleben eigentlich nicht kennt. Der Staat findet seine Grenze am göttlichen und am natürlichen Recht. Doch kann nicht jeder beliebig über diese Grenzen entscheiden, vielmehr ist eine Grenzüberschreitung nur dann anzunehmen, und das Recht, den Gehorsam zu verweigern, erst da gegeben, wo zweifellos und offenbar das göttliche und natürliche Recht verletzt wird [vgl. Enzyklika Diuturnum illud, 29.6.1881).
Zusammengefasst aus: Carl Schmitt: Absolutismus. In: Carl Schmitt: Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jahren 1916-1969. Hg. von Günther Maschke. Berlin 1995.

Sonntag, 24. Februar 2008

Der neue Atheismus: Die Brights und der Naturalismus

In dem sich langsam wieder legenden Wirbel, den das Buch "Gotteswahn" von Richard Dawkins verursacht hat, trat erstmals eine Bewegung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, die sich "Brights" nennt ("Helle", "Leuchtende"). Es gibt sie mittlerweile, wenn auch nicht unbedingt in gewaltiger Größenordnung, in den meisten westlichen Ländern. Was ist nun ein Bright? Orientiert man sich an den Ausführungen unter http://brights-deutschland.de/ gibt es drei Komponenten, die einen Bright ausmachen:
- Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild.
- Das Weltbild eines Bright ist frei von übernatürlichen und mystischen Elementen.
- Die Ethik und Handlungen eines Bright basieren auf einem naturalistischen Weltbild.

Ganz klar im Zentrum steht demnach das, was man ein naturalistisches Weltbild nennt. Der zweite und der dritte Punkt erläutern ja nur den ersten. Was versteht man nun unter einem naturalistischen Weltbild? Methodisch bedeutet Naturalismus, dass die Wirklichkeit nur mit der Naturwissenschaft erklärt werden kann. Alle Formen der Vernunft gründen gemäß dem Naturalismus auf den Naturwissenschaften. Daraus ergibt sich, dass nur das, was in den Bereich der Naturwissenschaften fällt, wirklich ist. Das Wirklichkeitsverständnis wird durch die als grundlegend erachtete Naturwissenschaft bestimmt, so behauptet etwa der physikalische Naturalismus alle mentalen Erlebnisse seien mit physikalischen (neurobiologischen) Prozessen und Zuständen identisch.
An einer derartiges Weltbild ergeben sich aber Anfragen.
1)Wenn es etwa nur die empirisch fassbare Wirklichkeit gibt, was ist dann mit der Welt der unmittelbaren, inneren Erfahrungen (etwa Schönheit) oder der Gefühle? Existenz kann man ihnen offenbar nicht absprechen. Wenn also auch sie zur Wirklichkeit gehören - sie sind ja erfahrbar - , dann ist nicht einzusehen, warum sie nicht in nachprüfbaren Aussagen formuliert werden sollten. Man kann doch zum Beispiel echte und unechte Gefühle von einander unterscheiden. Es ist demnach durchaus möglich rationale, nachprüfbare Aussagen über naturwissenschaftlich nicht fassbare Phänomene zu treffen.
2) Zum anderen setzt schon naturwissenschaftliches Arbeiten Sinnzusammenhänge voraus, die empirisch nicht fassbar sind: (mathematische) Wahrheit, Logik ... Diese bieten echte Gewißheiten und sind zum wissenschaftlichen arbeiten unerlässlich.
3) Schließlich erhebt sich die Frage: Gibt es überhaupt empirisch gesicherte allgemeine Sätze? Gibt es in der Empirie nicht immer nur eine Summe von Einzelfällen, so dass man sich nicht auf diese Beschränken darf, denn wer allgemeine Fragen entscheiden will und muss hat bei einer nur empirischen Entscheidungsgrundlage niemals genügend Daten und Fakten zur Hand, sondern immer nur einen minimalen Ausschnitt, über den er gezwungen ist, hinauszugehen.
Fazit: In dem Moment, wo der Naturalismus zulässt, dass nicht nur Sinnesdaten für die Erklärung der Wirklichkeit maßgeblich sind, ist er kein Naturalismus mehr. Er kann etwa das Christentum, das seine Existenz an historischen Ereignissen wie dem Leben und Sterben Jesu Christi festmacht, nicht einfach abschreiben, weil es selbst keine naturwissenschaftliche Theorie ist und nach seinem Selbstverständnis auch gar nicht sein will. Die etwas herablassende Art und Weise, wie sich Brights daher gelegentlich über das Christentum äußern, ist ganz fehl am Platz - grade gegenüber einer Religion wie dem Christentum, das sich jedenfalls in seiner katholischen Variante stets mit großer Anstrengung um eine rationale Durchdringung des Glaubens und der Wirklichkeit bemüht hat. Es ist nicht unbedingt der näher an der Wahrheit, der sich mit dem zufrieden gibt, was ihm direkt vor Augen liegt.
Verwendete Literatur : LThK III, Artikel 'Naturalismus' (Friedo Ricken); Leo Card. Scheffczyk: Die Theologie und die Wissenschaften. Aschaffenburg 1979.

Samstag, 23. Februar 2008

Der Katholik und die Politik

Am Hochfest Christkönig (24.11.) 2002 hat die Kongegration für die Glaubenslehre unter ihrem damaligen Präfekten Joseph Card. Ratzinger die drei Tage zuvor von Papst Johannes Paul II. bestätigte "Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben" erlassen. Die Note richtet sich "in besonderer Weise an die katholischen Politiker sowie an alle gläubigen Laien, die zur Teilnahme am öffentlichen Leben in den demokratischen Gesellschaften berufen sind."
Kernpunkt des ersten Kapitels ("Eine beständige Lehre") ist der Satz: Indem die gläubigen Laien - geführt vom christlichen Gewissen und im Einklang mit dem damit übereinstimmenden Werten - die allgemeinen politischen Pflichten erfüllen, üben sie auch die ihnen eigene Aufgabe aus, die zeitliche Ordnung christlich zu beseelen.
Nach einleitenden, lesenswerten Reflexionen über den den ehtischen Pluralismus tastet sich das Lehrschreiben zu den konkreten Fragen vor:
"Auf der Ebene der konkreten politischen Auseinandersetzung muss man beachten, dass einige Entscheidungen in sozialen Fragen kontingenten Charakter haben, dass moralisch oft unterschiedliche konkrete Strategien möglich sind, um denselben Grundwert zu verwirklichen. [...] Diese offenkundige Feststellung darf allerdings nicht verwechselt werden mit einem unterschiedslosen Pluralismus in der Wahl der moralischen Prinzipien und Grundwerte [...]. Die legitime Vielfalt der zeitlichen Optionen lässt den Mutterboden unversehrt, aus dem der Einsatz der Katholiken in der Politik kommt, und dieser bezieht sich direkt auf die christliche Moral- und Soziallehre. [...] Wissenschaftliche Errungenschaften haben es ermöglicht, Ziele zu erreichen, die das Gewissen der Menschen erschüttern und die Lösungen verlangen, welche die ethischen Prinzipien in kohärenter und vollständiger Weise respektieren. Ohne die Folgen für das Leben und die Zukunft der Völker in der Formung der Kultur und der sozialen Verhaltensweisen zu beachten, gibt es in der Gesetzgebung Versuche, die Unantastbarkeit des menschlichen Leben zu verletzten. In dieser schwierigen Lage haben die Katholiken das Recht und die Pflicht einzugreifen, um den tiefsten Sinn des Lebens und die Verantwortung, die alle dafür besitzen, in Erinnerung zu rufen. In Kontinuität der beständigen Lehre der Kirche hat Johannes Paul II. mehrmals unterstrichen, dass jene, die direkt in den gesetzgebenden Versammlungen tätig sind, die klare Verpflichtung haben, sich jedem Gesetz zu widersetzen, das ein Angriff auf das menschliche Leben ist. Für sie, wie für jeden Katholiken, ist es nicht erlaubt, sich an einer Meinungskampagne für solche Gesetze zu beteiligen oder sie mir der eigenen Stimme zu unterstützen. Das hindert nicht daran - wie Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelim vitae für den Fall lehrte, in dem eine vollständige Abwendung oder die Aufhebung eines bereits geltenden oder zur Abstimmung gestellten Abtreibungsgesetzes nicht möglich wäre - , "dass es einem Abgeordneten, dessen persönlicher absoluter Widerstand gegen die Abtreibung klargestellt und allen bekannt wäre, ... gestattet sein könnte, Gesetzesvorschläge zu unterstützen, die die Schadensbbegrenzung eines solchen Gesetzes zum Ziel haben und die negativen Auswirkungen auf das Gebiet der Kultur und der öffentlichen Moral vermindern." In diesem Zusammenhang muss hinzugefügt werden, dass das gut gebildete christliche Gewissen niemandem gestattet, mit der eigenen Stimme die Umsetzung eines politischen Programms zu unterstützen, in dem die grundlegenden Inhalte des Glaubens und der Moral durch alternative oder diesen Inhalten widersprechende Vorschläge umgestoßen werden.

Das vollständige Lehrschreiben findet sich hier.

Freitag, 22. Februar 2008

Kreuzweg - 4.Station: Jesus begegnet seiner Mutter

O Mütter, die ihr das erste und einzige Kind habt sterben sehen, ruft euch die Nacht zurück, die letzte, bei dem kleinen wimmernden Wesen, das Wasser, das man ihm zu trinken geben will, das Eis, das Thermometer, und den Tod, der leise, leise sich naht, den man nicht mehr verkennen kann. Zieht ihm seine armen Schühlein an, gebt ihm ein frisches Hemdlein und frische Windeln! Einer kommt, der es mir nehmen und in die Erde legen wird. Leb wohl, mein süßes Kind! Leb wohl, du Fleisch von meinem Fleisch.
Die vierte Station ist Maria, die ganz Hinnahme ist. Da seht sie an der Straßenecke und wartet auf ihn, aller Armut Hort. Ihre Augen haben keine Tränen, ihr Mund hat keinen Speichel. Sie spricht kein Wort und schaut Jesus an, wie er da kommt. Sie nimmt an. Sie nimmt noch einmal an. Strenge unterdrück sie jeden Schrei in ihrem starken, graden Herzen. Sie spricht kein Wort und schaut Jesus Christus an. Die Mutter betrachtet ihren Sohn, die Kirche ihren Erlöser. Heftig geht ihre Seele ihm entgegen, gleich dem Schrei des sterbenden Soldaten. Aufrecht steht sie vor Gott und hält ihm ihre Seele hin, daß er darin lese. Nichts ist in ihrem Herzen, das sich verweigert oder zurücknimmt. Keine Fiber ihres durchbohrten Herzens, die nicht annimmt und nicht einwilligt. Und wie Gott selbst zugegen ist, so ist sie zugegen. Sie nimmt an und schaut auf den Sohn, den sie in ihrem Schoße empfangen hat. Sie spricht kein Wort und schaut den Heiligen der Heiligen an.
Paul Claudel: Kreuzweg. 1962.

Donnerstag, 21. Februar 2008

J.Ratzinger: Wonach handeln? - Politik und Moral

1. Politik ist das Reich der Vernunft, und zwar nicht einer bloß technisch-kalkulatorischen, sondern der moralischen Vernunft, da das Staatsziel und so das letzte Ziel aller Politik moralischer Natur, nämlich Friede und Gerechtigkeit ist. Das bedeutet, dass immer wieder die moralische Vernunft oder - vielleicht besser - die vernünftige Einsicht in das, was der Gerechtigkeit und dem Frieden dient, also moralisch ist, in Gang gebracht werden muss.
Nach dem Abtreten der großen Ideologien sind heute die politischen Mythen weniger deutlich umschrieben, aber es gibt auch heute Formen der Mythisierung von wirklichen Werten, die gerade dadurch glaubwürdig erscheinen, dass sie sich an echte Werte heften, aber eben doch auch dadurch gefährlich sind, dass sie diese vereinseitigen. Die drei immer wieder mythisch vereinseitigen Werte sind Fortschritt, Wissenschaft, Freiheit.
Fortschritt ist nach wie vor ein geradezu mythisches Wort, das sich als Norm politischen und allgemein menschlichen Handelns aufdrängt und als dessen höchste moralische Qualifikation erscheint. Allerdings liegt auch die Ambivalenz zutage: Der Fortschritt fängt an, die Schöpfung - die Basis unserer Existenz - zu gefährden; er produziert Ungleichheit unter den Menschen, und er produziert auch immer neue Bedrohung von Welt und Mensch. Insofern sind moralische Steuerungen des Fortschritts unerlässlich. Dabei bleibt sich der Mensch in primitiven wie in technisch entwickelten Situationen gleich und steht nicht einfach deshalb höher, weil er mit besser entwickelten Geräten umzugehen gelernt hat. Das Menschsein beginnt in allen Menschen neu. Deswegen kann es die endgültig neue, fortgeschrittene und heile Gesellschaft nicht geben, die immer mehr Hoffnungsziel wird. Das Reich der Politik ist daher die Gegenwart und nicht die Zukunft. Wissenschaft ist ein hohes Gut, gerade weil sie kontrollierte und von Erfahrung bestätigte Form von Rationalität ist. Aber auch sie muss moralischen Maßstäben unterstehen und ihr wahres Wesen geht immer dann verloren, wenn sie statt der Menschenwürde der Macht dient oder sich dem Kommerz oder einfach dem Erfolg als einzigem Maßstab verschreibt. Der Begriff der Freiheit hat in der Neuzeit vielfach mythische Züge angenommen. Freiheit wird nicht selten anarchisch und einfach antiinstitutionell gefasst und wird damit zu einem Götzen: Menschliche Freiheit kann immer nur Freiheit des rechten Miteinander, Freiheit in der Gerechtigkeit sein, anderfalls wird sie zur Lüge und führt zur Sklaverei.
2. Der Mehrheitsentscheid ist in vielen Fällen, vielleicht in den allermeisten der "vernünftigste" Weg, um zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Aber die Mehrheit kann kein letztes Prinzip sein, es gibt Werte, die keine Mehrheit außer Kraft zu setzen das Recht hat. Die Tötung Unschuldiger kann nie Recht werden. Die Vernunft, die moralische Vernunft, steht über der Mehrheit. Aber wie können die Werte erkannt werden, die über allen Wechsel der Mehrheiten hinaus alle binden? Welche Werte sind das? Die Staatslehre hat sowohl im Altertum und Mittelalter wie gerade in den Gegensätzen der Neuzeit an das Naturrecht appelliert, das die recta ratio erkennen kann. Aber heute scheint diese recta ratio nicht mehr zu antworten, und Naturrecht wird nicht mehr als das allen Einsichtige, sondern eher als eine katholische Sonderlehre betrachtet. Dies bedeutet eine Krise der politischen Vernunft, die eine Krise der Politik als solcher ist. Es scheint nur noch parteiliche Vernunft zu geben. Bei meinem Disput mit dem Philosophen Arcais de Flores kam gerade dieser Punkt - die Grenze des Konsensprinzips - zur Sprache. Angesichts dieses Problems hat der Moderator des Disputs, Gad Lerner, die Frage gestellt: Warum nicht den Dekalog zum Maßstab nehmen? Und in der Tat - der Dekalog ist ein höchster Ausdruck moralischer Vernunft, der sich als solcher weithin auch mit der Weisheit der anderen großen Kulturen trifft. Am Dekalog wieder Maß zu nehmen, könnte gerade für die Heilung der Vernunft, für das neue Aktivwerden der recta ratio wesentlich sein. Hier wird nun deutlich, was der Glaube zur rechten Politik beitragen kann. Er ersetzt nicht die Vernunft, aber er kann zur Evidenz der wesentlichen Werte beitragen. Durch das Experiment des Lebens im Glauben gibt er ihnen Glaubwürdigkeit, die dann auch die Vernunft erleuchtet und heilt.
J.Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. 1.1 Verändern oder erhalten? Politische Visionen und Praxis der Politik, S.23-27. Freiburg 2005.(Gekürzt)
Es handelt sich bei diesem Text um die zentralen Passagen des Schlußteils eines Vortrags, den der Kardinal 2002 in Triest hielt. Ich kann dem, was darin steht, so gut wie vollkommen zustimmen. Und doch läßt er in mir auch ein eigenartiges Gefühl zurück: Das ist alles - wir sollen uns am Dekalog orientieren? Vermutlich könnten dem, jedenfalls inhaltlich und irgendwie, so gut wie alle Wähler und Politiker zustimmen. Und das macht die Sache verdächtig. Denn einem Gebot, dem werden viele nicht zustimmen, dem 1. Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Und ohne dieses führen auch die anderen Gebote nicht sehr weit. Dieser letzte hier herangezogene Abschnitt des Vortrags heißt "Konsequenzen für den Einsatz der Christen in der Politik". Aber gerade die vermisse ich ein wenig. Ich denke nicht, dass es gut ist, wenn sich das Christentum auf die Begründung von Werten zurückzieht. Es ist ja richtig, dass darin eine wichtige Funktion der Religion liegt. Aber es muss weiter und darüber hinaus gehen. Wir dürfen als Christen nicht das Abstrakte für uns reklamieren und das Konkrete den Anderen überlassen. Es ist wichtig, dass sich Christen in gesellschaftliche und politische Prozesse einbringen. Wichtig ist dabei etwas von Ratzinger herausgestelltes: Die Verbindung von Christentum und dem universalen Anspruch der Vernunft: Es wird nicht ohne ein Äquivalent oder die Wiederaufnahme des Naturrechts gehen! Was abseits des Naturrechts geschieht, ist auch wichtig, aber nicht in erster Linie Gegenstand religiöser, christlicher Überlegungen. Aber für das, was das Naturrecht verlangt, gilt es auch entschlossen einzustehen. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen "abstrakt" und "konkret", sondern zwischen dem, was christlich unaufgebbar ist, egal ob es ein Wert, dessen Auslegung oder Umsetzung ist und zwischen dem, wo es aus christlicher Sicht viele Wege geben kann.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Gerhard Zwerenz: Die bestmögliche Regierungsform...

Gerhard Zwerenz, linker, marxistisch orientierter Schriftsteller und Philosoph, spitzt seine Gedanken im Buch "Wider die deutschen Tabus" einmal in einer Weise zu, die lesenswert ist:
Die Krankheit der Welt ist eine Mangelerscheinung. Es fehlt die bestmögliche Regierungsform. Die westliche Demokratie leidet an dem Kardinalfehler, daß in ihr Geld jede Meinung, wie auch deren Gegenteil erzeugen kann. Genies sind das Produkt aus Frechheit und Reklame. Minister sind das Produkt aus Geschäftsinteresse und Beziehung. Moralisten entstehen aus wohlverstandenem Interesse und Verstellung oder in Folge körperlicher Schäden.
Gerhard Zwerenz: Wider die deutschen Tabus. München 1962.

Der Zölibat ist (nicht?) theologisch notwendig

Im folgenden die Presseerklärung des Netzwerks katholischer Priester, die mir per email zuging und mit der ich mich identifiziere.

„Der Zölibat ist nicht theologisch notwendig“ (Erzbischof Zollitsch)
Zu den Äußerungen des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz vom 18.02. 2008

Die missverständlichen Äußerungen des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zur Zölibatsverpflichtung der katholischen Priester (SPIEGEL vom 18.02. 2008) haben die Dauerdiskussion über dieses Thema neu entfacht und zudem in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, dass über dieses Thema nun neu zu verhandeln sei. So titelte z.B. die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Montagsausgabe: „Zollitsch rückt vom Zölibat ab“ (18.02. 2008). Diese Außenwirkung hat der Vorsitzende der DBK zu verantworten, weil er sie offenbar in kauf genommen hat.

Das Netzwerk katholischer Priester empfindet die Äußerungen Seiner Exzellenz als „wenig hilfreich“ und nicht dazu angetan, die Identität des katholischen Priesters – insbesondere auch im Hinblick auf den Priesternachwuchs – zu stärken. Bischöfliche Gedankenspiele zum Thema „Zölibat“ verunsichern die Gläubigen und erschweren den Dienst des geweihten Priesters vor Ort.

Das Netzwerk katholischer Priester hat schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die in den deutschen Bistümern propagierte sogenannte „kooperative Pastoral“ eine Gefahr für den Priesternachwuchs darstellt: Hierbei wird der Priester teilweise in Strukturen eingebunden, die ihn seiner originären Aufgaben als Leiter der Pfarrgemeinde und Lehrer des Glaubens zunehmend berauben und die in die praktische Auflösung des Pfarreiprinzips einmünden. Unseres Erachtens gefährdet nicht die Verpflichtung zur ehelosen Lebensweise (die zudem eine dem priesterlichen Dienst höchst angemessene Lebensform darstellt, vgl. Zweites Vatikanum: PO 16) den Priesternachwuchs, sondern die Verwässerung des sakramentalen Priestertums durch demokratistische Organisationsstrukturen.

Wir empfinden eine Neuauflage der Zölibatsdiskussion als Ablenkungsmanöver und bitten den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz inständig, die eigentlichen Probleme der Kirche in Deutschland zur Sprache zu bringen.

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Wo sind eigentlich die Äußerungen des neuen Vorsitzenden der DBK zum hundertausendfachen, staatlich bezahlten Mord an den ungeborenen Kindern im Mutterleib?

Freitag, 15. Februar 2008

Christen, Politik und (k)eine christliche Rechte

Heute las ich im amerikanischen Onlineportal catholic online einen Kommentar von Diakon Keith Fournier. Er scheint der Administrator der Plattform zu sein und veröffentlich dort öfter Texte, die ich für bedenkenswerte halte. Allerdings sind die meistens für meinen Geschmack etwas zu lang. Heute nun beschäftigt sich Diakon Fournier mit dem Untergehen der christian right in den USA. Vor 10 Jahren war die religious right noch eine starke politische Kraft, nun aber deutlich auf dem absteigenden Ast. Hier geht es zu seinem ausführlichen Kommentar.
Die Idee, dass die christliche Rechte in den USA am Ende sein soll, gefiel und gefällt mir eigentlich nicht. Für mich hatte sie stets etwas von Vorbild. Was in Deutschland nicht gelang, nämlich traditionell christliche Positionen in wahrnehmbaren Umfang in die Politik einzubringen, schien in den USA möglich. Und es stimmt auch, Positionen wie die Gegnerschaft zur Abtreibung oder das Eintreten für eine christliche gepägtes Familienbild scheinen in den USA selbstverständlicher als in Deutschland und anderen Staaten Europas. Wobei in den USA auch die Gegenseite zu diesen Positionen radikal und nicht ohne Einfluß agiert. Das die christian right tatsächlich ihre Kernanliegen erfolgreich umgesetzt hätte, ist wohl tatsächlich fraglich - in allen US-Bundesstaaten ist Abtreibung legal, die Frage der "Homo-Ehe" steht auf der Kippe und wer wird behaupten können, die Gesellschaft sei gerechter geworden?
Hier setzt Fourniers Kritik an. Seiner Analyse zur Folge ist die christian right zu sehr "right" und zu wenig "christian" geworden, um es zusammenzufassen. Sie habe sich zu einem Teil der republikanischen Partei gemacht, zu deren konservativen Flügel. Im Zuge dieses Vorgangs haben sich nach Fournier genuin christliche Positionen (Lebensschutz, Ehe etc) in nicht statthafter Weise mit rechten und konservativen Positionen verknüpft. Dem hält Fournier entgegen, dass ein Christ zwar stets gegen Abtreibungen sein wird, aber in anderen Fragen nicht grundsätzlich festgelegt ist: Ob die Waffengesetze verschärft werden und die Steuern gehoben oder gesenkt werden sollen - dazu könne man als Christ die eine wie die andere Position beziehen. Als Republikaner kann man das aber nicht. Als Christ muss aber klar sein, dass Lebenschutz und die Fragen des Waffenrechts nicht auf einer Stufe stehen. Abtreibungen sind in sich böse - beim Waffenrecht sind viele Abwägungen möglich. Zudem müsse ein Christ nicht per se ein "Rechter" sein. Soziale Gerechtigkeit etwa sei ein christliches Anliegen, politisch aber eher auf der Linken zu finden und für nicht wenige Konservative ist schon ihre Thematisierung ein rotes Tuch. So gab es in der christian right auch stets einen sozialkonservativen Flügel, doch dieses Thema bliebt untergeordnet und letztlich in die republikanische Politik angepasst.
Ich kann Fourniers These, die christian rigth sei am Ende weder begründet annehmen noch ablehnen. Huckabee vom sozialkonservativen Flügel der religious right, wird recht sicher nicht Präsidentschaftskandidat der Republikaner, aber so weit ist sie früher auch nicht gekommen. Doch vom schwindenden Einfluß der christian right habe ich schon vorher gehört. Fournier möchte die polititsch aktiven Christen, die sich christlicher Lehre gemäß für die Allgemeinheit einsetzen aus der rechten Ecke herauslotsen und auch von der Bindung an die Republikaner befreien. Dabei ist er realistisch genug zu sehen, dass die Schnittmenge der traditionell-gläubigen Christen mit der "Rechten" größer ist als mit der "Linken", besonders wenn man die Themen Abtreibung/gleichgeschlechtliche Partnerschaft berücksichtigt, die sowohl katholischer, als auch traditonell-protestantischer und evangelikaler Ethik wichtig sind.
Diakon Forunier schließt damit, dass er zur Gründung einer neuen Bewegung aufruft, die sich dem Allgemeinwohl, wie es christlich zu verstehen ist, verschreibt, ohne sich politisch zu binden, sondern sich in allererster Linie über den Glauben an Jesus Christus definiert und erst in zweiter Linie in Kategorien wie links und rechts, liberal und konservativ denkt. Die Gesellschaft soll in authentisch christlichem Geist verändert werden, ohne dass bestimmte Lager- und Parteibindungen Festlegungen in Fragen erzwingen, die christlich offen gelassen werden können. Die aktiven Christen sollen nicht eine Interessengruppe unter anderen sein, sondern sich wirklich für das Ganze einsetzen und ihr Zentrum soll der Glaube sein, der zur Veränderungen der Gesellschaft und des Suchens des Allgemeinwohls anhält.
Einerseits stellt Fournier hier eine fesselnde Idee vor. Eine christliche Bewegung, politisch und gesellschaftlich engagiert, irgendwie zusammengehörig und jedenfalls koordiniert, nimmt Einfluß auf die Geschicke einer Nation, bringt sich ein, aus ihrem christlichem Glaubensgut und schlägt sich auf niemandes politische Seite um dort auch niemand dienstbar sein zu müssen. Nur war für mich die Verortung der christlichen Position rechts von der Mitte eine komfortabel Sache, musste ich mich doch dadurch in den meisten Fragen nicht groß bewegen. Doch an der Argumentation Fourniers ist etwas dran. Wenn sich das Christentum parteipolitisch festlegt wird es selbst Partei, der Spielraum des Agierens und des christlich Denkbaren wird eingeschränkt. In Deutschland wird sich dergleichen kaum machen lassen, wie ein Blick auf die saft- und kraftlosen Volkskirchen und die oft umso eigenartiger wirkenden Freikirchen zeigt. Es fehlt einfach an im Glauben fest verwurzelten Menschen, die aber zugleich mit beiden Füßen auf der Erde stehen und sich in die Gesellschaft einbringen wollen. Und auch noch überparteilich, das heißt: ohne Posten.
Vermutlich wird es am Ende auf das gut christliche, um nicht zu sagen katholische: "Du sollst das eine tun und das andere nicht lassen" herauslaufen. Wir brauchen vernetztes christliches Engagement in der Gesellschaft, das aus "rein"-christlichem Blickwinkel agiert, kommentiert, sich einbringt und Einfluß nimmt. Dennoch bedarf es auch weiterhin der Christen, die sich (partei)politisch festgelegt haben. Beide Gruppen, zwischen denen es natürlich vielfältige Überschneidungen geben würde, könnten sich auch gegenseitig eine Hilfe sein. In Deutschland fehlt leider beides. Zu einfach ist es wohl, das sich einbringen an kirchliche Institutionen abzugeben und die Politik Parteiapparaten zu überlassen - und auf beide zu schimpfen. Vermutlich bedarf es tatsächlich in beider Hinsicht einer Krise (was ja zu deutsch nichts anderes als "Entscheidung" bedeutet) damit die Christen in Deutschland bemerken, dass sie nicht einfach weiterschlafen können. Die Gesellschaft wird nur dann zu ihrem eigenen Wohl christlich bleiben oder sein, wenn die Christen, sich dazu entscheiden, sie dazu machen. Nicht um unseren Einfluß zu stärken, sondern zum Wohl aller - und zum Lob Gottes.

Kreuzweg - 3.Station: Jesus fällt zum ersten mal unter dem Kreuz

Man geht. Opfer und Henker, alles zugleich setzt sich in Bewegung, auf den Kalvarienberg zu.
Man zerrt Gott am Halse, er strauchelt und fällt zu Boden.

Was sagts du, Herr, zu diesem Fall? Und jetzt, da du darum weißt,, was denkst du von jener Minute, in der man fällt und die schlecht geladene Last einen hinwirft? Wie findest du die Erde, die du gemacht hast? - Ach, nicht nur die Bahn des Guten ist voller Rauheit, auch die des Bösen ist trügerisch und schwindelerregend! Man kann nicht so einfach graden Schrittes auf ihr dahingehen, man muß sie kennenlernen, Stein für Stein, und so versagt der Fuß dabei, aber, das Herz es beharrt. - O Herr, bei diesen geheiligten Knien, bei diesen beiden Knien, die dir zu gleicher Zeit versagten, bei dem plötzlichen Brechreiz und dem Fall zu Anfang des furchtbaren Weges, bei dem Hinterhalt, dem du erlegen bist, bei der Erde, die kennengelernt hast:
Rette uns vor der ersten Sünde, die man in der Überraschung begeht!

Aus: Paul Claudel: Kreuzweg. 1947.

Mittwoch, 13. Februar 2008

K.H.Bohrer: Deutsche Friedensmentaliät

Die Crux von dem allen - um es nur deutlich genug zu sagen - ist jene Friedensmentalität, die vom trügerischen Unwort "Friedenspolitik" und Solgans wie "Den Frieden sicherer machen" vorbereitet wurde... Die traumatische Erinnerung an unsere verlorenen Kriege und die Vorwegnahme eines potentiellen tödlichen Zukunftskrieges sollten eigentlich alles erklären. Warum nicht aus diesem Trauma eine Strategie zum Nutzen aller machen? Das Trostlose daran ist nur, daß dieses edle Unterfangen auf der Ebene der neuen Friedensmentalität nur winselnde Harmlosigkeit entläßt: "Laßt uns in Frieden!" Als ob es das gäbe. Als ob das geben könnte: Machtverzicht und politische Raumleere! Solche Entpolitisierung des Denkens - sie ist nichts anderes als der Friede um jeden Preis, der Friede wieder infantil Gewordener unter der Fuchtel ihres Imperators. Und es kommt nicht von ungefähr. ... Dem Gegner die Kehle hinhalten, ganz unschuldig, die brüllende Unbedarftheit, die zerstörte Emotion, das politisch häßliche schlechthin - das ist es, was den Fernsehdeutschen auf der untersten Ebene den verlogenen Pazifimus eindudelte [und etwa in den 'Mainzelmännchen' Gestalt annahm]. Die höhere Ebene, das ist die Friedenssoziologie. Das ist das ewige Gespräch, Freizeitmentalität, kein "Ernstfall" (auch nicht in der Liebe und in der Kunst). Man möchte die Erfinder von alldem noch erhabene Aufklärer nennen. Die Folgen bei Universitäten, Pen-Club, bei Sozialhelfern, im intellektuellen Millieu sind so banal wie nachwirkend verheerend.
Aus und nach: K.H.Bohrer: Falkland und die Deutschen. 1982. FAZ.

Dienstag, 12. Februar 2008

Die DBK, ihr neuer Vorsitzender Erzbischof Zollitsch und der deutsche Katholizismus

Heute hat die Deutsche Katholische Bischofskonferenz (DBK) einen neuen Vorsitzenden gewählt. Es handelt sich um S.E.H.H. Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg. Auf faz.net wird die nämliche Wahl kommentiert. Hier wird nun dieser Kommentar (dieser kursiv geschrieben) kommentiert, nicht ohne dabei einfließen zu lassen, was ich mir zu Wahl und Entscheidung der DBK selbst denke.

Einundzwanzig Jahre an der Spitze einer Bischofskonferenz sind eine lange Zeit - für manche eine zu lange. Selbst eine Amtszeit von sechs Jahren geht dem Vatikan eigentlich zu weit. Dort hält man es lieber mit der urrömischen Maxime: Teile und herrsche. Denn wo käme die Kirche hin, wenn nicht der Papst durch die Auswahl der Bischöfe und Kardinäle den Kurs bestimmt, sondern die Bischöfe eines Landes durch demokratische Wahl einen der Ihren für lange Zeit zu ihrem Repräsentanten machen?

Kommentar: Offenbar in die vergleichsweise desolate Lage, in der sich die katholische Kirche in Deutschland und überall dort, wo man sich für besonders fortschrittlich und unabhängig hält, befindet. Eine besondere Gefahr liegt sicher auch darin, dass ein DBK-Vorsitzender, gerade wenn er lange im Amt ist, sein Amt verkennt: Er sieht sich nicht nur als Vorsitzender einer nationalen Bischofsversammlung, sondern als Anführer der Bischöfe... Das aber ist der Papst. Das Evangelium kennt keinen DBK-Vorsitzenden.

Nur dem Eigensinn der katholischen Kirche in Deutschland ist es zu verdanken, dass anders als überall sonst in der Welt in den meisten Diözesen das Domkapitel das Recht hat, aus einer vom Papst vorgegebenen Dreierliste einen Bischof zu wählen.
Kommentar: Ob das nun der Eigensinn der katholischen Kirche in Deutschland war - war es nicht vielmehr der Eigensinn der staatlichen deutschen Konkordatspartner, die den Einfluß Roms eindämmen wollte, weil man sich von diesem Verfahren eine Reduzierung des römischen Einflusses versprach - und eine Steigerung des eigenen, staatlich-deutschen? Es hat ja auch wunderbar funktioniert. Der Katholizismus ist selten so fast völlig verbürgerlicht und kantenlos wie in Deutschland.


Stattdessen vertrauten sie den Vorsitz einem der Erfahrensten an, einem, der als Verantwortlicher für die Priesterausbildung, als Personalchef eines großen Erzbistums und als Erzbischof alle Höhen und Tiefen der katholischen Kirche erlebt hat, ohne darüber zu resignieren. Vielmehr hat Zollitsch getreu seiner Maxime "Aufbruch im Umbruch" Akzente gesetzt, die das Erzbistum Freiburg auf vielen Feldern als geradezu vorbildlich erscheinen lassen. Dieser optimistische Grundton dürfte auch jenseits von Baden schon bald ein Echo finden - bis nach Rom.
Kommentar: Erzbischof Zollitsch zeichnete sich wohl bisher vor allem durch eins aus: Man hörte von ihm nichts oder wenig. Das muss nichts schlechtes sein. Andererseits kann man ihm wohl kein klares Profil nachsagen. Und mich beschleicht das Gefühl, dass das ein Punkt gewesen sein könnte, der ihn in das neue Amt gehoben hat. Keiner hat etwas von ihm zu befürchten. Er fügt sich - wie es scheint -nahtlos in die Strukturen ein, in denen sich der deutsche Gremienkatholizismus eingerichtet hat. Aber bräuchte unsere Kirche nicht einen Repräsentanten der aufrüttelt? Der die (noch-)geldselige Ruhe beendet und den deutschen Katholizismus zum Kern der Sache zurückruft? Die Dinge sind unter dem Vorsitz von Kardinal Lehmann eben nicht besser geworden - dennoch ruft mancher: Weiter so! Das ist kein Konservatismus, wie ich ihn mir vorstelle. Ich hoffe Erzbischof Zollitsch, wahrscheinlich schon bald im Kardinalsrang, wird alle überraschen: Indem er die deutsche Kirche zur Sache zurückruft! Er wäre nicht der erste Übergangskandidat, dem so etwas gelingt.

Montag, 11. Februar 2008

K.H.Bohrer: Die Deutschen und die Psychologie des dritten (Aus-)Wegs

Auch der hier angeführte Text entstand im Zusammenhang des Falklandkrieges
Die Psychologie des dritten (Aus-)Wegs hatte ihre lange, gewissermaßen berühmte Hegelsche Tradition, das heißt, einfach ausgedrückt: unterhalb der scharfsinnigen Begriffsdialektik des großen Denkens beginnt im gewöhnlichen westdeutschen Denkseminar und Jargonbetrieb jenes die Gegensätze verwischende Gespräch, genauer ausgedrückt: das Gelabere. Sein verräterisches Wort heißt: "Vermittlung". Dadurch ist die schwierige intellektuelle Opposition , ist der Konflikt geistig aufgehoben, alles ist aus dem Wege, sozusagen im Prozeß, und wenn das nicht hilft, dann hilft immer der furchterregende, weil tabuschüttelnde Hinweis auf das durch Carl Schmitt ein für allemal angeblich desavouierte "Freund-Feind-Denken". Dieses Denken ohne Feind, ohne elemantares Konsequenzbewustsein, enthüllte sich in der Falklandkrise, als die ersten Schiffe sanken. Plötzlich war die Psyche des Auswegs "betroffen", um es mit einem Modewort zu sagen. Es war nicht die Trauer oder die Wut der betroffenen Engländer, sondern etwas anderes. Die kollektive westdeutsche Psyche muss sich fragen lassen: Wieso gab sie ihr Plazet als die Kriegsschiffe ausliefen und begann zu jammnern, als es ernst wurde? Weil ihr Ja weder ein "Ja" noch ein "Nein", sondern etwas Undenkbares dazwischen war? Weil sie nicht weiß, daß Kriegsschiffe schießen oder weil ihr erstes Ja schon wertlos war?
Ein typisches Symptom dieser dritten Ausweg-Lüge: als ob Verhandlungen etwas anderes erbrächten als Vorteile für die Friedensbrecher! ... Die Psychologie des dritten Auswegs ist ein leeres Ethos ohne letzte Causa, ohne Brinkmanship; diese kann nur am Abgrund verhandeln, weil der Gegner weiß, daß der andere wirklich am Abgrund zu stehen bereit ist. Nur deshalb ist der Mann am Abgrund nicht erpressbar.

Aus und nach: K.H.Bohrer: Falkland und die Deutschen (1982), FAZ.

Sonntag, 10. Februar 2008

J.H.Newman: Die Knechtschaft der Sünde

Du, allein, o mein Herr und Gott, bist stark, du allein bist heilig. Du bist die Heiligkeit und die Kraft aller Dinge. Nichts Geschaffenes hat Dasein und Bestand aus sich selbst, sondern verfällt und vergeht, wenn du es nicht durch deinen Beistand erhälst. Mein Gott, du bist die Kraft der Engel, der Heiligen in der Herrlichkeit des Himmels und der Gerechten auf Erden. Kein Wesen besitzt Heiligkeit und Tugendkraft, außer in dir. Mein Gott, ich bete dich in deiner Wahrheit an. Ich verlange von Herzen, diese große Wahrheit zu erkennen und zu bekennen, daß du nicht allein die Allmacht bist, sondern daß es keine Macht, keine Kraft und Stärke gibt, außer in dir.
Mein Gott, du bist die Kraft aller Seelen. Du allein bist vor allem auch meine Kraft! Nichts ist wahrer als dies, daß ich ohne dich ohnmächtig bin. Ich fühle es tief, o mein Gott, daß ich, mir selbst überlassen, in die Irre gehe. So gut ein Stein, den man fallen läßt, zur Erde niederfällt, so sicher gehen mein Herz und meine Seele hoffnungslos zugrunde, wenn du deine Hand zurückziehst. Du mußt micht stützen mit deiner Rechten, sonst halte ich nicht stand. Wie befremdlich ist es, und doch wie wahr, daß alle meine natürlichen Neigungen auf Trägheit, auf Ausschweifung, auf Vernachlässigung der religiösen Pflichten und des Gebetes, auf die Liebe zur Welt abzielen, statt auf die Liebe zu dir, auf Heiligkeit und Selbstbeherrschung! Ich billige und rühme, was ich selbst nicht tue. Mein Herz jagt Eitelkeiten nach, und mein Trachten geht nach dem Tod, nach Verderben und Auflösung, getrennt von dir, du unsterblicher Gott.
Mein Gott, meine Erfahrung lehrt mich deutlich genug, welch schreckliche Knechtschaft die Sünde ist. Wenn du mich verläßt, habe ich keine Gewalt über mich, so sehr ich es wünsche - ich verfalle der Unbotmäßigkeit meines Eigenwillens und Stolzes, meiner Sinnlichkeit und Selbstsucht. Sie beherrschen mich täglich mehr, bis ich nicht mehr zu widerstehen vermag. Allmählich wird der alte Adam, der in mir lebt, so stark, daß ich zum Sklaven werde. Ich sehe ein, daß dieses oder jenes unrecht ist, und tue es doch. Ich beklage mich bitter über meine Knechtschaft und vermag sie doch nicht abzuwerfen. Welch eine Tyrannei ist die Sünde! Sie ist wie eine schwere Last, die mich lähmt - und was wird das Ende sein? Um deiner kostbaren Verdienste willen, bei deiner allmächtigen Kraft flehe ich inständig zu dir, o mein Herr und Heiland, gib mir Leben und Heiligkeit und Stärke! Heiliger Gott, gib mir Heiligkeit! Starker Gott, gib mir Kraft! Unsterblicher Gott, gib mir Beharrlichkeit! Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser!
Aus dem Buch "Betrachtungen und Gebete".

Mike Huckabee und die christian right in den USA / Christliche Politik in Deutschland?

Ein kleiner Blick über den großen Teich. [Die geneigte Leserschaft muss übrigens nicht fürchten, ich würde sie nun ständig anstelle der Gedanken wirklich schlauer Leute mit meinem eigenen Ideen belästigen, aber und zu ist das vielleicht doch zumutbar...]
Mike Huckabee. Einer von zwei Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner, der noch im Rennen ist. Huckabee stammt aus Arkansas, wo er 1955 in einfache Verhältnisse geboren wurde. 1974 heiratete er seine Frau Janet und wurde später Pastor in der Southern Baptist Church. Von 1989-1991 war er Präsident der Arkansas Baptist State Convention. In höchste politische Ämter stieg Huckabee auf, als er 1993-1996 das Amt des Vizegouverneurs seines Heimatstaates Arkansas bekleidete. Von 1996-2007 war er Gouverneur von Arkansas, dies war die längste Amtszeit eines republikanischen Gouverneurs im an sich von den Demokraten dominierten Arkansas. Huckabee ist der Kandidat der religious right. Eine Gruppe, die in Deutschland politisch kaum wahrnehmbar ist, in den USA aber einen Machtfaktor darstellt, wie grade an Huckabees Erfolgen gesehen werden kann.

Huckabee ist ein Kandidat aus der Provinz, mit den Vorteilen und Nachteilen, die das mit sich bringt. Einerseits wird er relativ wenig mit dem von vielen ungeliebten Polit-Betrieb in Washington in Verbindung gebracht, andererseits fehlt ihm das Geld, dass die alteingesessenen Polit-Größen wie McCain und Romney (dieser ja auch persönlich) für ihren Wahlkampf zur verwenden können. Daher beruht dieser stark auf Mund-zu-Mund-Propaganda, was aber wohl seinen eigenen Charme entwickelt hat. Huckabee gilt als humorvolle und smypahtische Erscheinung, er wirkt authentisch - etwa im Gegensatz zum Romney.

Das die Waagschale der republikanischen Vorwahlen sich noch zu seinen Gunsten wendet ist unwahrscheinlich. Allerdings scheint ein nicht geringer Teil der Stimmen, die sonst auf den mittlerweile ausgestiegenen Romney entfallen wären an Huckabee zu gehen, auch die Anhänger des schon früher ausgestiegenen Fred Thompson dürften sich bei ihm am ehesten zu Hause fühlen. Wie dem auch sei und auch wenn es am Ende nicht für die Nominierung reichen sollte: Huckabee kämpft gut, kommt sympathisch rüber und hat sehr ordentliche Ergebnisse, besonders in den Südstaaten. Und das bei seinem begrenzten Budget. Er scheint seine Möglichkeiten wirklich auszuschöpfen.

Politisch verkörpert er die klassischen Positionen der christlichen Rechten in den USA, der sogenannten Sozialkonservativen:

- Pro: Irakkrieg und für die Truppenaufstockung 2007
- Pro: Todesstrafe
- Pro: Evolutionstheorie/Intelligent Design/Kreationismus an den Schulen
- Pro: Verstärkter Grenzschutz

- Contra: gleichgeschlechtlichen Ehe oder eingetragener Partnerschaft
- Contra: Schwangerschaftsabbrüche
- Contra: strengere Waffengesetze
- Contra: Guantanamo-Bay
- Contra: Liberale Einwanderungspolitik

In sozialen und wirtschaftlichen Fragen positioniert Huckabee sich gemäßigt. Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass Huckabee seine Wählerschaft besonders aus den Evangelikalen rekrutiert. Aber auch aus katholischen Kreisen wird er unterstützt. Zu einem Papier, das die Katholische Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten herausgegeben hat gibt es bei Huckabee größere Überschneidungen als zu wohl allen anderen Kandidaten. Trivial, aber ganz interessant erscheint, dass er - während seiner Amtszeit als Gouverneuer - gut 45 Kg abnahm, da er in Diabetes erkrankt war.

Huckabees betont religiöse Positionierung ist nicht jedermann Sache, auch in den USA nicht. Aber sie findet doch nicht geringe Anhängerschaft und es scheint, als könne das Amt des Vizepräsidenten für ihn durchaus drin sein. Ich frage mich, warum das in Deutschland so überhaupt nicht geht. Es würde ja im Grunde als unmöglich empfunden. Die einzigen, die da ein wenig eine Ausnahme machen sind die Granden der CSU, wobei das dort oft schon ins Folkloristische abgeleitet. Als Bayer geht man in "Kirch", und wenn die CSU eines sein will, dann bayerisch. Naja, immerhin, da gibt es noch Bezüge. Doch dass der christliche Glaube noch eine Rolle in der Politik spielt - eigentlich kaum. Ein Erfolg für einen religiösen Bewerber wie Huckabee wäre undenkbar. Das liegt aber nicht (nur) an den "bösen Politikern" (ich kann das die-da-oben-Gewäsch nicht mehr hören), sondern meines Erachtens an einem Gesamt von drei Punkten:

1) Die CDU/CSU bindet immer noch viele christliche Wähler. Motto: "Lieber die als die anderen". Es gibt ja auch einige pointiert christlich-konservative Abgeordnete der CDU/CSU. Im ganzen erscheint die CDU/CSU aber viele eher als das geringste Übel im Bundestag und angesichts ihrer derzeitigen Entwicklung scheint der Grad des Übels immer größer zu werden. Doch können sich viele traditonell christliche Wähler von den C-Parteien schwer trennen, gleichzeitig vernachlässigen die C-Parteien das C.
2) Die Christen in Deutschland agieren relativ unauffällig. Man bekennt sich nicht oder kaum zu seinem Glauben, höchstens, wenn es nicht mehr anders geht. Das ist ein allgemeines Problem. Es kommt zu einem sich wechselseitig verstärkenden Phänomen. Gelebter Glaube verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung und auch aus der Politik. Mangels Identifikationsmöglichkeiten ist die Rückwirkung in die Gesellschaft die, sich religiös noch weiter zurückzunehmen. Ein Politiker der in Deutschland Wert auf seinen christlichen Glauben als Horizont und Motor seiner Entscheidungen legt, gilt schon als komische Figur, bevor man überhaupt weiß, was er will.
3) Schlicht und ergreifend korrespondiert dem hohen Anteil der Getauften an der Gesamtbevölkerung keine dem entsprechende christliche Haltung in der Gesellschaft.

Alle drei Punkte durchdringen sich. Persönlich bin ich immer noch der Auffassung, dass das Wählerpotenzial bewusster und praktizierender Christen groß genug ist und bleibt um sich politisch Gehör zu verschaffen. Allerdings scheinen zur Zeit sowohl Personen und Strukturen dafür zu fehlen.
Webpräsenz der Huckabee-Kampagne

Samstag, 9. Februar 2008

"K.H.Bohrer: Zur Händlergesinnung der Deutschen (1982)" - und heute?

Es gibt keine Nation auf Erden, die so ausschließlich von ökonomischen Argumenten beherrscht wären, wie die Westdeutschen. Sie sind die neuen Phönizier, das heißt, sie erkaufen alles, selbst den russischen Frieden, so wie die karthagischen Kaufleute selbst nicht gegen die Römer kämpften, sondern Söldnerheere schickten. Die westdeutsche Händlergesinnung enthält im Unterschied zu Karthago allerdings kein Staatsbewußtsein mehr, keine Staatssymbolik, sondern bloß das harmlose Bild föderativer, fettprangender Provinzen zwischen Karneval und Weinernten. So übersättigt, verängstigt, eingekauft ist diese westdeutsche Händlernation, daß sie nur andere für sich kämpfen lassen könnte, oder es bräche eine Massenhysterie aus: die Staatskrise. Da sie das nicht offen zugeben kann, tabuisiert sie den Kampf überhaupt oder rationalisiert sie ihre Angst davor mit pragmatischer Vernunft, das heißt mit wirtschaftlichen Zwängen. Wie verräterisch! Alles geht, denn alles beweist das Ende aller Kriege im Zeichen der händlerischen Vernunft. Wenn diese Vernunft in den seriösen Medien so überdimensioniert widergespiegelt ist, dann liegt das auch an der Psyche eines Berufsstandes: Journalisten, liberal, wie sie mehrheitlich sind, haben die händlerische Vernunft mit Löffeln gegessen. Opportunistisch und voyeuristisch, verstehen sie nicht die Symbole des Ernstfalls. Letztlich Unbeteiligte, verwandeln sie den Ernstfall immer in einen Verhandlungsfall und diesen dann in einen moralisch-modernen Vorwurf gegen solche, die den Ernstfall begriffen und akzeptiert haben, die das Prinzip gegen die Leere von bloßen Kompromissen verteidigen.
Aus und nach: K.H.Bohrer -Falkland und die Deutschen. 1982. FAZ


Anmerkung: In wie weit trifft uns Bohrers Analyse, 1982 anläßlich des Falklandkrieges verfasst, heute noch? Einerseits sind deutsche Soldaten auf dem Balkan und am Hindukusch stationiert, vorübergehend auch an den Ufern des Kongo. Aber bedeutet dies, dass so etwas wie ein Verständnis für den Ernstfall, für unhintergehbare Prinzipien mittlerweile entstanden wäre? Welches Prinzip wird im Hindukusch verteidigt, welches im Kosovo oder im Kongo, wenn die deutschen Soldaten in die befriedeten Gebiete kommen. Keine Frage - ihr Auftrag ist gefährlich genug. Und man kann mit Fug und Recht hinter manchen Auslandseinsatz der Bundeswehr ein Fragezeichen machen. Aber ist nicht gerade der Versuch, schon irgendwie dabei zu sein, aber dann doch wieder so unbeteiligt, wie die Situation es zulässt, ein Zeichen eben der Händlergesinnung, die Bohrer beschreibt? Wenn Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt wird - warum beschränkt man sich dann auf den Norden und lässt die anderen kämpfen? Wenn Deutschlands (oder der Verbündeten) Freiheit dort nicht verteidigt wird - was tut die Bundeswehr dort? Welchem Prinzip wird hier gefolgt? Findet sich nicht hier ein neues Beispiel für die alte Händlergesinnung im Rahmen einer veränderten Weltlage?

Freitag, 8. Februar 2008

K.H.Bohrer: Falkland und die Deutschen

Jüngeren Semestern, bei denen nicht sogleich Erinnerungen oder Kenntnisse des Falklandkrieges zur Verfügung stehen, ist geraten sich diese möglichst noch über diesen Verweis hinaus anzueignen.

Reden wir davon, wie das öffentliche Westdeutschland,
jedenfalls Teile seiner politischen Elite, offensichtlich durch die englischen Reaktion, den Krieg nicht nur anzudrohen, sondern damit Ernst zu machen, in mehrfacher Hinsicht überfordert wurde. Vor allem die symbolische Qualität in den Details ist nicht richtig verstanden worden: etwa daß man "seine" Inseln nicht besetzten lässt, vor allem nicht von einem Militärregime, auch wenn man bisher mit ihm Handel trieb.
Henry Kissinger brachte es in einer Londoner Rede auf den Satz: "In der Falklandkrise erinnert Britannien uns alle daran, daß gewisse Grundprinzipien, solche wie Ehre, Gerechtigkeit und Patriotismus, gültig bleiben und durch mehr als bloße Worte erhalten werden müssen." Diese Noblesse aber ist einigen ersten westdeutschen Interpreten offenbar eine Obszönität, urteilt man nach wirkungsvollen Kommentatoren, wobei die Mischung aus journaillehafter Häme und vulgärer Begriffstutzigkeit besonders repräsentativ scheint für den neudeutschen Stil, von dem wir hier reden. Nennen wir als einziges Beispiel für oberflächliche Information das durch repräsentative westdeutsche Blätter sich durchwindende Wort "Hurra-Patriotismus" der angeblich die Briten überfallen habe (sozusagen ein Rückfall, den die Deutschen längst überwunden haben). ... Offenbar ist der Begriff "Patriotismus" nach westdeutschen Sprachempfinden nur noch mit dem Präfix "Hurra" akzeptierbar, wobei das englische Wort "Jingoismus" damit ebensowenig vergleichbar ist wie britischer Nationalstolz mit dem Analogon wilhelminischer oder gar nationalsozialistischer Weltgeltungsansprüche. Die Westdeutschen werden wieder lernen müssen, daß ihre eigene geschichtliche Katastrophe oder Desillusionierung in der Niederlage den Wert des "Patriotismus" keineswegs realtivierte; oder sie laufen weiter einer politischen Lebenslüge nach.
Was jetzt in Westdeutschland zynisch direkt oder heimlich an manchen "nassen" Stellen zum Ausdruck kommt, ist nichts anderes als eine Variante der famosen "Lieber-rot-als-tot-Mentalität". Auch die rhetorische Frage "Sterben für die Falkländer?" gibt vor, fürs Sterben gebe es einen höheren Preis. In Wahrheit enthüllt sich aber, daß man für gar nichts, jedenfalls für kein Prinzip, zu sterben berei ist. Wenn die Ehrlichkeit dies zugäbe, wäre man weiter und verstünde die psychischen Antriebe besser, weshalb westdeutsche Politdenker zur Zeit so überfordert sind, warum sie den Thukydides-Tonfall der Times nicht verstehen würden. Sie verstehen ihn nicht, weil sie von der Psychologie des dritten (Aus-)Wegs und der Mentalität des neuen "Friedens" geprägt sind.
Fortsetzung folgt
Nach: Karl Heinz Bohrer: Falkland und die Deutschen. 1982. (FAZ), Vgl. auch: Provinzialismus. Ein physiognomisches Panorama. München/Wien 2000.

Kreuzweg - 2.Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern


Man gibt ihm seine Kleider wieder, und das Kreuz wird ihm gebracht. "Gegrüßt, o Kreuz", sagt Jesus, "das ich so lange begehrt!" Und du, o Christ, betrachte und erbebe! O feierlicher Augenblick, in dem Christus zum erstenmal das ewige Kreuz umfasst! O Baum des Paradieses, an diesem Tage erfüllt!

Betrachte Sünder, und sieh, wie weit es deine Sünden gebracht haben. Kein Verbrechen gibt es mehr, ohne daß ein Gott darauf ist, und kein Kreuz mehr ohne Christus. Wohl ist das Unglück des Menschen groß, aber wir dürfen nichts mehr dagegen sagen, denn Gott ruht darauf, er, der nicht gekommen ist, auszulegen, sondern zu erfüllen.

Jesus empfängt das Kreuz, wie wir die heilige Eucharistie empfangen: "Wir geben ihm Holz für sein Brot", wie es beim Propheten Jeremias heißt. Ach, wie ist das Kreuz lang, wie ungeheuer ist es und wie schwer! Wie hart ist es! Wie starr! Wie drückend das Gewicht des unnützen Sünders! Wie lang muß man es tragen, Schritt für Schritt, bis man darauf stirbt! Und du will das alles alleine tragen, Herr Jesus?

Mach nun auch mich geduldig unter dem Holze, von dem du willst, daß ich es tragen soll. Denn wir müssen das Kreuz tragen, ehe es uns trägt.

Paul Claudel: Kreuzweg

Mittwoch, 6. Februar 2008

Bedenke: Von Staub bist du genommen, zum Staub kehrst du zurück. Bekehre Dich und glaube an das Evangelium!

Zur diesjährigen Bußzeit, die mit dem heutigen Tag beginnt, wird es auf diesem Blog eine kleine Reihe mit Texten aus dem Kreuzweg von Paul Claudel geben. Die Bilder stammen aus dem Einsiedler-Kreuzweg von Alois Payer.

1.Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Nun ist es aus. Wir haben Gott gerichtet, wir haben ihn zum Tode verurteilt. Wir wollen Jesus Christus nicht mehr unter uns dulden, er geniert uns. Wir haben keinen anderen König als den Cäsar, kein anderes Gesetz als Blut und Gold. Kreuzigt ihn doch, wenn ihr wollt, aber befreit uns von ihm! Führt ihn doch weg! Tolle, tolle! (Nehmt ihn!) Was liegt uns daran. Wenn es sein muß, so opfert ihn und gebt uns den Barabbas!

Pilatus sitzt zu Gericht an dem Ort, der Gabbatha heißt. "Hast du nichts zu sagen?" fragt er. Und Jesus antwortet nicht. "Ich finde keine Schuld an diesem Menschen", sagt Pilatus, "aber, nun ja denn! Mag er doch sterben, wenn euch soviel daran liegt. Ich geb' ihn euch. Ecce homo!"

Da steht er nun, die Krone auf dem Haupt, den Purpur auf dem Rücken. Ein letztes Mal sind seine Augen voller Blut und Tränen auf uns gerichtet. Aber was können wir dafür? Wird sind nicht in der Lage, ihn länger bei uns zu behalten. Wie er ein Ärgernis für die Juden war, ist er für uns eine Torheit. Übrigens ist der Richterspruch schon aufgeschrieben auf hebräisch, lateinisch, griechisch. Nichts fehlt daran.

Und man sieht die Menge - sie schreit. Den Richter - er wäscht sich die Hände.

Dienstag, 5. Februar 2008

Aschermittwoch und Fastenzeit

Aus einer Fastenpredigt Papst Leo des Großen (+461)
"Die Erde ist erfüllt von der Huld des Herrn." Das gilt zu jeder Zeit. Allen Gläubigen ist die Natur der Dinge eine Schule der Gottesverehrung; Himmel, Erde, Meer und alles, was in ihnen ist, verkünden die Güte und Allmacht ihres Schöpfers. Die wunderbare Schönheit der ihm dienenden Elemente fordert von den vernunftbegabten Geschöpfen die gebührende Danksagung. Doch immer wenn die Tage wiederkehren, die von den Geheimnissen der Erlösung und des Heiles der Menschen in besonderer Weise geprägt sind, die Tage, die nach fester Ordnung auf das nahe Osterfest hinführen, werden wir eindringlicher und eingehender darauf hingewiesen uns vor Gott zu reinigen. Es ist dem Osterfest eigen, daß die ganze Kirche sich an ihm der Sündenvergebung erfreut. Sie soll nicht nur denen zuteil werden, die in der heiligen Taufe wiedergeboren werden, sondern auch denen, die schon länger das Glück haben, von Gott als seine Kinder angenommen zu sein. Wenn es auch in der Hauptsache das Bad der Wiedergeburt ist, durch das die Menschen neu geschaffen werden, so bleibt doch für alle die Aufgabe der täglichen Erneuerung gegenüber dem Müde- und Gleichgültigwerden unserer sterblichen Natur. Zudem gibt es keine Stufe des Fortschritts, die nicht nach unserer größeren Vollkommenheit verlangte. Darum muss sich jeder anstrengen, daß der Tag der Erlösung ihn nicht in den Sünden des alten Menschen antrifft. Was sich für jeden Christen jederzeit schickt, das müssen wir jetzt mit mehr Eifer und Hingabe tun, damit wir der apostolischen Einrichtung der vierzig Tage gerecht werden, und zwar nicht nur durch sparsamen Genuß von Speisen, sondern vornehmlich durch die Enthaltung von der Sünde. Nichts ist nütztlicher als mit einem vernünftigen heiligen Fasten Taten der Barmherzigkeit zu verbinden. Unter dem einen Wort Barmherzigkeit bergen sich viele lobenswerte Werke der Frömmigkeit, so daß die Herzen aller Menschen im Erbarmen gleich sein können, auch wenn sie nach ihrem Vermögen ungleich sind. Der Liebe, die wir in gleicher Weise Gott und den Menschen schulden, stehen niemals so große Hindernisse entgegen, daß es nicht möglich wäre, das Gute zu wollen. Wenn die Engel singen: "Ehre sie Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind", so muß jeder glücklich sein, der in Liebe mit andern leidet, die irgendwie in Not sind; er ist glücklich nicht allein wegen des guten Willens, sondern auch durch die Gnade des Friedens. Es liegt an der Weite christlicher Liebe, daß sie dem wahren Christen große und mannigfache Möglichkeiten bietet. Dadurch haben am Almosengeben nicht nur die Reichen in ihrem Überfluß teil, sondern auch alle, deren Hab und Gut bescheidener ist oder die arm sind. Die, denen ihr Vermögen keine Freigebigkeit gestattet, sollen wenigstens der Gesinnung nach freigebig sein.

Sonntag, 3. Februar 2008

Johannes Tauler - Lebensübergabe auf katholisch

Schließlich kommt der böse Feind und möchte dich zum Zweifel an Gottes Treue verleiten, indem er dir einflüstert: 'Es ist aus mit dir!' Was soll da der Mensch tun? Er soll alles, was ihn bedrückt, gänzlich in Gott hineingeben. Wirf deinen Anker in Gott hinein! Wenn die Schiffsleute in Not sind und zu kentern meinen, werfen sie den Anker in den Grund des Rheins, und das hilft ihnen. Ebenso lasse der Mensch, wenn der bösen Feind über ihn kommt, sei das innerlich oder äußerlich, und versucht und bedrückt, alles (außer Gott), ergreife den Anker werfe ihn in den Grund, das heißt, er setze sein volles Vertrauen und Hoffen auf Gott. Die Schiffsleute lassen Ruder und Steuer aus der Hand und greifen nur nach dem Anker. So sollst auch du tun, in welche Not des Leibes und der Seele du auch kommen magst. Wie der Mensch sich durch ständiges Üben die anderen Tugenden aneignet, so sollte er auch das vertrauen in Gott einüben lernen. Das würde ihm an seinem Ende zur Hilfe werden. Gott trauen heißt, daß der Mensch aus dem Grunde einer demütigen und liebenden Gesinnung anerkennt, daß er aus sich nichts vermag und daß er, tief überzeugt, sich ganz in die helfenden Hände Gottes fallen läßt. Und er soll diese Übergabe an Gott aus fröhlichem Herzen vollbringen; denn 'Gott liebt den fröhlichen Geber'. Denn mußt du nicht völlig dem vertrauen, der dir so unzählbar viele Wohltaten erwiesen hat? Schon bevor du geboren wurdest, wußte er um deine Schwächen und Anfälligkeiten, wußte, daß du sündigen wirst, und sah von Anfang an, wie du deine Sünden tilgen kannst, insbesondere durch Seinen in Würde erlittenen Tod. Tut Er dir nicht, davon abgesehen, noch heute alle Tage und alle Stunden ohne Unterlaß so viel Gutes, daß man es gar nicht zählen kann? Fasse also den herzhaften Entschluß, dich von deiner Verzweiflung abzuwenden und dich Gott zuzuwenden! Achte auf die Besonderheit dieser Versuchung: Solange du zögerst, ob du (dich Gott ganz übergeben) sollst oder nicht, läßt der Feind nicht von dir ab, ja da bist du ihm schon fast unterlegen. Willst du ihn aber überwinden, vollziehe mit wachem, mutigem Gemüt eine ganze Abkehr (von deiner Sorge um dich selbst).
[Ein] Mensch, der sich einmal vom bösen Feind überwinden läßt, ... hätte doch so tüchtige Waffen: den heiligen Glauben, das heilige Sakrament, das Wort Gottes, das Vorbild aller guten Menschen und das Gebet der heiligen Kirche.
Aus: Johannes Tauler - Gott in Dir. Taulers spirituelles Programm. Übertragen und eingeleitet von Eugen Rucker. Bonn (nova & vetera) 2005.

Samstag, 2. Februar 2008

Julius Evola: Die Dämonie des Kollektivums II - Nationalismus und Internationalismus

Nationalismus ist einerseits als Partikularismus zu betrachten. Andererseits besitzt er - der sich so vom Universellen gelöst hat - auch einen kollektivistischen Aspekt. In vielen Erscheinungsformen des Nationalismus kommt es zu einer Diktatur des Volkes, vereint mit der Unfähigkeit des Einzelnen, sich außerhalb dessen, was durch den Volkszusammenhang vorgegeben ist, zur Geltung zu bringen. Tradition wird im Nationalismus ebenfalls nationalistisch verstanden - Bezugspunkte werden nicht danach bewertet, was sie an Geistigem und somit Universellem vollbracht haben, sondern nach der bedeutungslosen Tatsache, dass sie in den Bereich eines bestimmten Volkes, einer bestimmten Nation gehören.
Im Blick auf das antipersonalistische Moment besteht zwischen dem Nationalismus und der proletarischen oder wirtschaftlich-industriellen "Internationalen" nur ein Gradunterschied. Im Nationalismus ist das Individuum wieder in die völkischen (ethnisch-nationalen) Urstämme aufgelöst; in jenen Tendenzen wird jede diesen ethnischen Urstämmen eigentümliche Differenzierung "überwunden" und ein absolut einförmiges Agglomerat angebahnt. Dies gelingt durch eine Überführung der Mystik vom Volk (im Nationalismus) zu einer Struktur wirtschaftlichen, technischen und mechanischen Typs. Dort werden die letzten qualitativen Unterschiede notwendig vernichtet und die Wege zur Heraufkunft des vaterlandslosen Massenmenschen geöffnet. Angesichts dessen, dass die Ebene der modernen Kultur die Ebene der wirtschaftlich-mechanischen Macht ist und jedes Kriterium des Nationalstolzes mehr oder weniger auf diese erste Ebene zurückgeführt wird, ist der Übergang von Nationalismus zum Internationalismus wohl sehr wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Dann wird der Punkt erreicht, wo die Menschheit sich selbst zum Religionsgegenstand erwählt. Man wird zu einer universellen Brüderlichkeit kommen, die, weit entfernt, den völkischen Geist mit seinen Gelüsten und seinem Stolz abzuschaffen, die Nation zum Menschen und Gott zum Feinde macht. In jenem Augenblick wird die Menschheit, indem sie sich in ein einziges großes Heer, in eine einzige ungeheure Fabrik verwandelt, nichts mehr sonst als Disziplinen und Erfindungen kennen, jede freie und uninteressierte Tätigkeit wird verdammt und als Gott wird dieses Menschheitskollektiv nur noch sich und seinen Willen besitzen.
Aus: Julius Evola: Erhebung wider die moderne Welt. Stuttgart 1935.