Ein Tag ungemeiner und bedrückender Dichte: Gründonnerstag.
Am letzten Sonntag hatte Jesus mit seinen Aposteln und Jüngern im Rahmen der jährlichen Wallfahrt zum Passahfest Jerusalem erreicht. Das Volk, das schon von ihm gehört hat, bereitet ihm einen triumphalen Empfang: Hosanna-Rufe erschallen, Palmzweige werden geschwenkt, die Menschen breiten vor ihm auf den Straßen Jerusalems ihre Kleider aus und Jesus reitet nach der Sitte der Könige von Israel und der Prophezeiung des Sacharja auf einem Esel in die Stadt, das Herz des Königreiches Juda, das Zentrum des Volkes Israel hinein. Hier wird die Entscheidung fallen.
Nicht weit von Jerusalem in Bethanien leben die Geschwister Maria, Martha und Lazarus. Lazarus kennen wir vor allem daher, weil der Herr ihn von den Toten auferweckte. Er scheint darüber hinaus ein alter Freund Jesu zu sein, er wird als solcher schon bei den ersten Erwähnungen in der Hl.Schrift benannt. Ich finde es oft bewegend, solche kleinen, aber doch so menschlichen Details über Jesus, unseren Erlöser, zu erfahren. Auch er hat Freunde aus Jugendtagen und er besucht sie nun, im Angesicht dessen, was geschehen wird - was geschehen muß. Zu Beginn dieses letzten großen Waffenganges, den der Herr für uns kämpfen, vielmehr leiden muss, kehrt er noch einmal bei Lazarus, Maria und Martha ein: Er ist bei Freunden.
Die Freundschaft zwischen Jesus und den Geschwister geht tief: Mit Lazarus ist er durch die Auferweckung so eng verbunden, dass man plant, auch ihn zu töten, damit jede Erinnerung an Jesus ausgelöscht werde. Innig aber auch die Verbindung zu Maria, die einst zu seinen Füßen saß und ihn Lehren hörte. Sie spürt, dass das Ende naht und salbt Jesus als einen letzten Freundschafts, ja Liebesdienst, mit dem teuren Salböl, so daß das ganze Haus vom Geruch des Öls erfüllt wird... Doch da fällt der erste Schatten auf das Bild. Judas - das beklemmende Beispiel eines Menschen, der in der unmittelbaren Nähe Jesu lebte und doch zum Verräter wurde - erhebt sich und schillt Maria, denn das Salböl hätte man verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Wie sehr muss es Jesus geschmerzt haben, das zu hören? Er, der kurz vor Abschied, Leiden, Qual und Tod steht, ihm wird ein Liebesdienst erwiesen und aus seinem engsten Kreis erhebt sich Widerspruch...
Doch Judas, einst ein lauterer Jünger, doch nun ein Werkzeug Satans geworden, bietet sich den Hohenpriestern an, Jesus auszuliefern und erhält den Lohn, den Sacharja schon vorausgesagte hatte: 30 Silberstücke. Kaum genug für ein paar Tage um zu leben. Er wird bereuen, was er tat. Und er wird nicht wieder zu Jesus finden. Doch nun sinnt er darauf, ihn zu verraten.
Jesus predigt in Jerusalem. Die Lage spitzt sich zu. Er bereitet seine Jünger im kleinen Kreis darauf vor, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Wir erreichen den Tag, den wir heute begehen. Jesus gibt den Jüngern ein Zeichen: Die Fußwaschung. So wie ich euer Meister und Herr bin, aber doch euer Diener, so sollt auch ihr einander dienen!
Und er stiftet das große Geheimnis der Eucharistie. Sein Leib, sein Blut, die er für uns in den Tod hingibt, in denen er aber auch stets bei uns sein wird. Die Handlung, die er seinen Aposteln auf ewig aufträgt, das Bundesmahl des neuen und ewigen Bundes in der durch alle Zeiten das Opfer, das der Gottessohn am Kreuz gebracht hat, gegenwärtig bleiben wird. So können auch wir ihm leibhaft begegnen und mit ihm eins werden, uns ihm anverwandeln. Tut dies zu meinem Gedächtnis! befiehlt er den Aposteln. Er weiß, dass sie wieder seiner gedenken werden. Aber zu wem sagt er es jetzt? Judas, der Verräter, sitzt mit am Tisch. Petrus schwingt große Sprüche: 'Ich will lieber für dich sterben, Meister!" - doch Jesus weiß, er wird ihn verleugnen. Nicht nur einmal, sondern dreimal, und das schon, ehe der nächste Morgen anbricht. Der Rest derer, die jetzt um ihn versammelt sind, wird schon bei seiner Verhaftung fliehen. Keiner wird bleiben. Kein Einziger. Und der Herr weiß es. Doch er schaut ihnen ins Gesicht, hält Mahl mit ihnen und hält an ihrer Erwählung fest. Er löst die Bindung an seine Jünger nicht. Er trägt ihnen vielmehr auf - tut dies zu meinem Gedächtnis. Ihr bleibt meine Gesandten, meine Apostel, auch über die nächsten Tage hinaus, in denen Schreckliches geschehen wird. Doch nun gilt: Der Hirte wird geschlagen und die Herde wird sich zerstreuen.
Die Gruppe zieht nach dem Dank hinaus nach Getsemani. Ein Ort, an dem sie schon öfter waren. Erinnerungen an frühere Beisammensein. Ein Ort, den sie kennen, den Jesus kennt. Das Bedürfnis, das Ende dort zu erwarten, wo auch der zu Hause ist " der keinen Platz hat, wo er sein Haupt danieder legen kann" - ein wenig jedenfalls. Der Herr sondert sich ein Stück von den anderen ab, er nimmt den engsten Kreis seiner Jünger, seiner Freunde mit: Petrus, Jakobus und Johannes: "Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mir mir!" Der Herr betet, sein Wissen um das Morgen quält ihn, er schwitzt Blut und Wasser und fleht seinen himmlischen Vater an. Doch ebenso ergibt er sich in seinen Willen. Doch die Apostel - sie schlafen ein. Der Herr findet in seinem Leiden keine Stütze. Wie einsam muss er sich gefühlt haben, wie einsam muss er gewesen sein...
Bei stiller Nacht, zur ersten Wacht, ein Stimm begann zu klagen;ich nahm in acht, was sie da sagt, tat hin die Augen schlagen.Es war der liebe Gottessohn, sein Haupt hat er in Armen,viel weiß und bleicher als der Mond, ein Stein es möcht erbarmen.Ach, Vater, lieber Vater, mein, und muß den Kelch ich trinken?Und mag's dann ja nicht anders sein, mein Seel nicht laß versinken!Doch Sinn und Mut erschrecken tut, soll ich mein Leben lassen.O bittrer Tod, mein Angst und Not ist über alle Maßen.Ade, ade zu guter Nacht, Maria Mutter milde. Ist niemand, der dann mit mir wacht, in dieser Wüsten wilde?Ein Kreuz mir vor den Augen schwebt, o weh der Pein und Schmerzen!Daran man morgen mich erhebt, das greifet mir zu Herzen.Zu Gott ich hab gerufen zwar, aus tiefsten Todes Branden:Dennoch blieb ich verlassen gar, ist Hilf noch Trost vorhanden.Der schöne Mond will untergehen, vor Leid nicht mehr mag scheinen,der Stern ohn Glanz am Himmel stehen, mit mir sie wollen weinen.
[Friedrich Spee]Dann ist es soweit - durch die Nacht näheren sich mit Waffen und Fackeln die Knechte der Hohenpriester an ihrer Spitze Judas, der sie führt. Sie betreten den Hain, man kann sich das Entsetzen der Jünger vorstellen. Es ist soweit, schlagartig wird es allen klar. Es ist soweit. Das Ende, alle Befürchtungen treffen ein. Es gibt keine Chance, Widerstand ist zwecklos, Petrus wird von Jesus zurecht gewiesen. Und Judas küsst den Gottessohn. Den, dem er einst als Jünger voll Freude und Glauben, voll Enthusiasmus gefolgt ist. Für den er alles verließ, der sein Leben war, der Weg, die Wahrheit. Er küsst ihn ein letztes Mal und besiegelt den Verrat. Was muss in ihm vorgegangen sein, in Judas, als er Jesus berührte? Jesus, der auch
sein Leben war? Doch nun hat die Finsternis die Macht, es ist ihre Stunde. Als Jesus den Kriegsknechten kampflos entgegentritt fliehen alle Jünger.
Einzig Petrus, das Haupt des Jüngerkreises und Johannes, der Lieblingsjünger, der zur Rechten des Herrn sitzen durfte, folgen in weitem Abstand der Gruppe, die Jesus wegbringt. Es geht zu Hannas. Hannas ist das Haupt der mächtigsten Familie Jerusalems. Obwohl er offiziell nicht mehr Hoherpriester ist (das ist Josef Kajaphas, sein Schwiegersohn) zieht er die Fäden. Zu ihm wird Jesus nun gebracht. Er wird verhört. Er wird geschlagen. Er wird verhöhnt. Ein Teil des Hohen Rates trifft in der Nacht im Palast des Hannas ein. Später wird das Verhör vor dem amtierenden Hohenpriester selbst fortgesetzt. Als Jesus sich schließlich dazu bekennt der Messias, der Sohn Gottes zu sein, wird er angespuckt, geschlagen, geohrfeigt. Endlich hat man ihn soweit. Man lässt sich an ihm aus.
Petrus und Johannes beobachten das Verhör in einigem Abstand vom Hof aus, wo sich auch Jesus befindet. Doch Petrus fällt auf - "Du bist doch auch einer von ihnen!" sagt man ihm. "Nein, nein, nein!" weist er es von sich und verleugnet seinen Herrn, der doch geschunden und unter Lügen angeklagt vor ungerechten Richtern steht, die nichts wollen als seinen Tod. "Ich kenne diesen Menschen nicht" blafft Petrus zum dritten Mal die ihn Fragenden an. Der Hahn kräht. Der Blick Jesu trifft Petrus. Sie schauen sich an. Dieser Blick Jesu, wie mag er aus dem von Schlägen entstellten und verwundeten Gesicht hervorgekommen sein. Welche unendliche Traurigkeit muss darin gelegen haben. Petrus, der gute Petrus, auch er verlässt seinen Herrn. Auch er will ihn nicht mehr kennen. Petrus begreift - und ihm kommen die Tränen.
Der Rest dieser Nacht, in der schon der frühe Morgen heraufdämmert, wird dem dunklen Zwielicht überlassen, das gnädig eine zeitlang verdeckt, dass, wenn die Sonne hoch am Himmel stehen wird, nichts mehr so sein wird, wie es war. Doch nun kehrt ein kurzer Moment der Ruhe ein. Die Ruhe einer Nacht verängstigter, zu tode betrübter, über sich selbst entsetzter Jünger und Apostel. Die Ruhe einer Nacht in der das Gewissen des Verräters zu schlagen beginnt und immer fester hämmert bis er nur noch rufen kann: Nein, was habe ich getan! Die Ruhe einer Nacht, in der Gottessohn geschunden in einem Kerkerloch sitzt und darauf wartet, dass die, die in dieser Finsternis frohlocken, ihr blutiges Werk zu Ende bringen werden. Mag er auch schaudern und zittern, er wird sein Werk morgen vollbringen. Denn nun ist die Stunde da.