Sonntag, 29. Juni 2008

Augustinus: Zum Fest der heiligen Petrus und Paulus

Dieser Tag ist durch das Leiden der Apostel Petrus und Paulus geheiligt. Nicht von unbekannten Märtyrern sprechen wir: "Ihre Botschaft ging in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde." Diese Märtyrer sahen, was sie verkündigten; sie folgten der Gerechtigkeit, bekannten die Wahrheit und starben für sie.
Der heilige Petrus, der Erste unter den Aposteln, liebte den Herrn von ganzem Herzen. Darum durfte er die Worte hören: "Ich sage dir: Du bist Petrus." Nachdem Petrus selbst bekannt hatte: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes", antwortete ihm Christus: "Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen." Auf diesen Felsen werde ich den Glauben bauen, den du bekennst ... Denn du bist Petrus - Petrus kommt von 'Fels'.
Wie ihr wißt, hat der Herr Jesus vor seinem Leiden die Jünger ausgewählt, die er Apostel nannte. Fast bei allen Gelegenheiten durfte allein Petrus die ganze Kirche vertreten. Weil er allein die ganze Kirche darstellte, durfte er die Worte hören: "Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben." Denn diese Schlüssel erhält nicht ein einzelner Mensch, sondern die ganze Kirche. Darum wird der hohe Vorzug des Petrus gepriesen, weil er eben die Gesamtheit und Einheit der Kirche in seiner Person darstellte, als ihm gesagt wurde: "Dir werde ich übergeben", was allen gemeinsam anvertraut wurde.
Mit Recht hat der Herr dem Petrus auch nach seiner Auferstehung seine Schafe zum Weiden anvertraut. Nicht einzig er unter allen Jüngern durfte für die Schafe sorgen. Wenn Christus vielmehr zu dem einen spricht, legt er ihm die Einheit ans Herz; dem Petrus zuerst, weil er unter den Aposteln der Erste ist. Sei nicht traurig, Apostel: antworte einmal, antworte noch einmal und ein drittes Mal. Dreimal siegte in der Liebe das Bekentnis, weil die Vermessenheit dreimal der Furcht unterlag. Dreimal soll gelöst werden, was dreimal gebunden wurde. Löse durch die Liebe, was du durch die Furcht gebunden hattest. Dennoch hat der Herr dem Petrus einmal, zweimal, dreimal seine Schafe anvertraut.
Die zwei Apostel haben an ein und demselben Tag gelitten. Aber auch diese beiden waren eins. Hätten sie auch an verschiedenen Tagen gelitten, wären sie dennoch eins gewesen. Petrus ging voraus, Paulus folgte. Wir feiern das Fest der Apostel, es ist uns heilig durch ihr Blut. Laßt uns ihren Glauben lieben, ihr Leben, ihre Mühen, ihre Leiden, ihr Bekenntnis, ihre Verkündigung.

Aus einer Predigt des Aurelius Augustinus zum Fest der Apostel Petrus und Paulus.

Samstag, 28. Juni 2008

Augustinus: Volksherrschaft?

Wenn es also ein wohlgesittetes, würdevolles und genauestens auf das Gemeinwohl bedachtes Volk gäbe, in dem jeder die privaten Angelegenheiten für geringer erachtete als die öffentlichen, wäre es dann etwa nicht richtig, ein Gesetz zu erlassen, das diesem Volk erlaubte, sich die Regierungen selbst zu wählen, die seine, das heißt die öffentlichen Angelegenheiten, verwaltet?
Wenn aber dieses Volk allmählich absänke und die privaten Angelegenheiten den öffentlichen vorordnete, und wenn bei Abstimmungen Bestechlichkeit herrschte, und das Volk - verdorben durch solche, die gierig nach der Herrschaft sind - das Regiment schändlichen und verbrecherischen Menschen übertrüge, wäre es dann nicht ebenso richtig, wenn sich ein guter Mann, der viel vermag, erhöbe, diesem Volk die Erlaubnis, Ämter zu verleihen, entzöge und sie dem Ermessen einiger weniger Guter oder sogar eines einzigen übergäbe?

St. Aurelius Augustinus: Über den freien Willen, I 46. AOW 9.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Juan Donoso Cortés: Dogmatische Intoleranz und das Fundament der Gesellschaft

Die dogmatische Intoleranz der Kirche hat die Welt vor dem Chaos gerettet. Ihre Intoleranz hat die politische Wahrheit, die Wahrheit der Familie, die soziale Wahrheit und die religiöse Wahrheit außer Diskussion gestellt; ursprüngliche und heilige Wahrheiten, die nicht Gegenstand der Diskussion sind, weil sie das Fundament aller Diskussionen sind; Wahrheiten, die auch nicht einen Augenblick in Zweifel gezogen werden, ohne daß im gleichen Augenblick der Verstand ins Wanken gerät, dahintaumelnd zwischen der Wahrheit und dem Irrtum, und ohne daß der reine Spiegel der menschlichen Vernunft trübe wird und verblaßt. Das reicht, um zu erklären, weshalb die sich von der Kirche emanzipierende Gesellschaft nichts anderes tut, als die Zeit mit nebensächlichen und fruchtlosen Disputen totzuschlagen. Das Resultat dieses Gezänks kann nur ein vollständiger Skeptizismus sein, da man von einem vollständigen Skeptizismus ausging, während doch die Kirche, und allein die Kirche, das heilige Privileg fruchtbarer und ergebnisreicher Diskussionen besitzt. Die cartesianische Theorie, nach der die Wahrheit aus dem Zweifel entspringt wie Minerva dem Haupte Jupiters, steht jenem göttlichen Gesetz entgegen, das sowohl die Zeugung der Ideen als auch die Erschaffung der materiellen Stoffe beherrscht. Nach diesem Gesetz schließt das Konträre stets das Konträre aus und erzeugt das Ähnliche immer das Ähnliche. Kraft dieses Gesetzes geht aus dem Zweifel unaufhörlich der Zweifel und aus dem Skeptizismus ewig der Skeptizismus hervor, so wie der Glaube fortgesetzt die Wahrheit erzeugt und die Wahrheit die Wissenschaft.

(aus: Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus, betrachtet in ihren Grundprinzipien, Erstes Buch, Kapitel III - Hg: G.Maschke, Weinheim 1989)

Sonntag, 22. Juni 2008

Eine Alternative zum lamentieren ? - Huck PAC

Wir sind in Deutschland und vermutlich in fast ganz Europa gewohnt, dass rechte, konservative und christliche Gruppen die politische und geistige Lage bedauern, die hier vorherrschend ist. Auf Deutschland gemünzt - die CDU erscheint weder wirklich konservativ, noch christlich, die existierenden Kleinparteien sind chancenlos, teils operettenhaft.
In den USA gibt es zur Zeit eine Entwicklung, die in dieser Situation interessant sein könnte. Der vormalige Kandidat für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Mike Huckabee, hat eine Organisation gegründet, die wohl aus seinem Wahlkampfstab hervorgegangen ist. Dieser erhielt viel Anerkennung, weil er mit wenig Geldmitteln recht gute Ergebnisse bewerkstelligte. Die Sache heißt nun Huck PAC. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Kandidaten der Republikaner zu unterstützen, die zu den drei Schlagworten von Huck PAC passen: Life - Liberty - Pursuit of Happiness. Genauer gesagt dürfte es sich um politisch konservative, überwiegend dezidiert christliche Politiker der Republikaner handeln. Es geht dabei offenbar um eine Vernetzung dieser politischen Richtung und darum, ihr durch Wahlsiege, die mit Unterstützung der Huck PAC errungen werden, ein möglichst großes politisches Gewicht auf allen Ebenen zu erhalten oder zu verleihen.
Ich denke man kann diese Entwicklung durchaus vor dem Hintergrund einer momentanen Schwäche der christlichen Rechten in den USA sehen. Zwar kann man die Situation dort nicht mit der hier vergleichen, die Anregung erscheint mir aber interessant und diskussionswürdig. Allzu oft scheint es nur die Alternativen: "Völlige politische Abstinenz" und "Teilnahme an der Politik: Ja -Überzeugungen aber nur sonntags vormittags" zu geben. In den USA wohl naheliegend (und in der Entstehung der Organisation bedingt), in Europa aber nicht unbedingt erstrebenswert, erscheint mir dabei die Eingrenzung auf eine politische Partei. Was mir auf jeden Fall gefällt ist, dass man nicht beim lamento stehen bleibt. Ein wenig gehen in Bezug auf die CDU/CSU ja die Christdemokraten für das Leben in diese Richtung, allerdings eben beschränkt auf eine Partei und auf ein Thema, wenngleich ein wichtiges. Wünschenswert erscheint mir eine thematisch breiter angelegte, grundsätzlich überparteiliche Stelle, die ihrerseits Impulse geben kann, zur Meinungsbildung beiträgt, dann aber auch entschieden Partei ergreifen kann.

Sonntag, 15. Juni 2008

Piep

Dass sich niemand Hoffnungen macht - ich bin noch da :).

... aber zur Zeit ziemlich eingespannt, ich hoffe ab Ende der Woche habe ich wieder mehr Zeit!

Pax et bonum!

Sonntag, 8. Juni 2008

"Im Glauben an den lebendigen Gott beugen wir uns vor seinen Geboten" - die CDU und das Christentum

1979 erschien ein kleiner Band: "Das Elend der Christdemokraten". Das ruft natürlich den Gedanken hervor: Damals schon? Ist das Elend vielleicht der Dauerzustand der Christdemokraten? Nunja, wie dem auch sei, es liest sich ganz interessant. Besonders etwa die Problematisierung des Verhältnisses zwischen Theorie/Parteiprogramm und Praxis, wo man ja heute überzeugt ist, dass Parteiprogramme überflüssig und Theorie nahezu verdächtig ist. Im folgenden Aufsatz geht es allerdings um die Frage: Wie halten es denn die Christdemokraten mit der Religion, da sie sich schon einen religiösen Namen geben? Der Verfasser, Eugen Gerstenmaier, Bundestagspräsident von 1954-1969, war promovierter evangelischer Theologe.

Einige Positionsmarkierungen aus seinem Aufsatz im genannten Band:

Anfänge
1945 heißt es in den Kölner Leitsätzen der Union: "Im Glauben an den lebendigen Gott beugen wir uns vor seinen Geboten, den wahren und einzigen Stützen sozialer Ordnung und Gemeinschaft". Die CDU nannte sich damals bewußt eine christliche Partei, da sie der Auffassung war, dass nach dem Verhängnis der nationalsozialistischen Diktatur eine Umkehr an Haupt und Gliedern des Volkes notwendig war.

Säkularisierung
Als christliche Partei hat die folgende Säkularisierung ab Mitte der 50er dann aber auch die CDU erfasst. In dem Maß, in dem die Welt wieder wohnlicher, ja bequem wurde, wurde die deutsche Seele wieder schläfrig. Gleichzeitig zeichnete sich aber auch innerhalb der Kirchen, insbesondere der evangelischen Kirche, eine linkslastige Tendenz ab. Sowohl in der CDU gab es eine Entfremdung gegenüber den Kirchen, gleichwie in der evangelischen und ansatzweise auch in der katholischen Kirche gegenüber der CDU. Nun war die CDU nie ein verlängerter Arm der Kirchen in der Politik, zählte aber auf deren Solidarität, wenn sie als Partei Position verfocht, die sich einwandfrei aus ihrem christlichen Glauben und Denken ergaben [heute wohl erledigter Punkt, KJ].

Bleibende Eckpfeiler
Wenn es auch problematisch ist, politische Entscheidungen aus religiösen Bekenntnissen herzuleiten, lassen sich doch aber durchaus Richtwerte und Orientierungsmerkmale von verbindlicher Kraft und politischer Relevanz aufzeigen. So etwa im Vorrang des Personalismus vor dem Kollektivismus.
Sozialisten räumen der kollektiven Verbindlichkeit den Vorrang vor der persönlichen Freiheit ein. Dabei wird die eigenständige Lebensgestaltung der zu Wagnis und Leistung aufgerufenen Bürger sozialistisch mediatisiert. Die CDU wird dagegen nicht zuerst auf die Gleichheit, als mehr auf die Gerechtigkeit verweisen, die ja mit Rechtsgleichheit und dem sozialen Subsidiaritätsprinzip einhergeht. In diesem Zusammenhang sollte es auch ein Anliegen der CDU sein, dass nicht (christlich gebotene) Solidarität zur Rechtfertigung aller möglichen wirtschafts-, gesellschafts- oder ordnungspolitischen Vorstellungen mit freiheitsfeindlicher Konsequenz herangezogen wird. Auch kann es nicht darum gehen, jeden Lebensbereich zu demokratisieren. Die Mehrheitsherrschaft muss gezähmt werden - ein Mann im Recht ist mehr als eine noch so große Mehrheit im Unrecht.

Christdemokraten und Konservative
Schließlich gehören auch Christdemokraten und Konservative zusammen. Die Vorbehalte sind meist sozialpolitischer Natur, wobei es in der Regel wenig wirkliche programmatische Unterschiede gibt. Auch die europäischen Konservativen bekennen sich zum christlichen Erbe des Abendlandes, wie die christlichen Parteien Europas in ihrem Manifest von 1976, wenn sie erklären "Gesellschaft, Staat und Völkergemeinschaft nach einem christlich begründeten Verständnis von der Würde des Menschen und aus dem Gedanken des Personalismus und der Partnerschaft (zu) erneuern und (zu) gestalten."

Fazit
"Von ihrer Grundorientierung könne die Unionsparteien nicht abgehen, ohne ihre Identität zu verleugnen. Ihr C ist mehr als die Erinnerung an eine geschichtliche Stunde der Deutschen. Es war und ist ein Bekenntnis. Es mag sein, daß es im politischen Kalkül von Technokraten und 'Machern', die es auch in den Unionsparteien gibt, als überflüssiger Ballast empfunden wird. Für andere, für Gegner der Union wird es ein Ärgernis bleiben. Kein Grund, das Fähnlein zu wechseln."

Aus und nach: Eugen Gerstenmaier: Ärgernis, Ballast und Auftrag. Notizen zum hohen C der Union. In: Das Elend der Christdemokraten. Freiburg 1979.

Samstag, 7. Juni 2008

EM 2006 - Fähnchen, Wimpel und sonstige Begeisterungen

Endlich ist es soweit, in den Alpen beginnt die EM 2006. Und schon ist sie da - die Begeisterung über die Begeisterung zur WM 2006 im eigenen Land. Autos fahren mit Deutschlandfähnchen umher, mancher hat gar ein Nationalmannschaftstrikot angezogen (nein, kein 10jähriger, sondern erwachsene Männer).
Auf mich wirkt das alles meistens albern. Da laufen Leute, die sonst jeden Sinn für nationale Anliegen, für das Ganze vermissen lassen herum und identifizieren sich auf einmal mit Deutschland - jedenfalls für zwei, drei Wochen. Solange eben, wie die DFB-Mannschaft gewinnt. Wenn sie verliert ist die Identifikation schnell vorbei, die Fähnchen weg, denn dann haben nicht "wir" gewonnen, sondern "die" verloren. Es geht lediglich um ein bisschen Emotionswallung in einer rationalen, technisierten Umwelt. Und da man sich mit der Nationalmannschaft nunmal nur über die Nation identifizieren kann - na gut, halt ein Fähnchen raus und Farbe ins Gesicht geschmiert. Substanz hat das keine. Ein bisschen mehr Spaß für die Erlebnisgesellschaft halt. Mehr nicht.
Ich freue mich über jeden, der sich mit seinem Land und seinem Volk identifiziert, gerne auch zur EM, WM, Olympischen Spielen - aber dann bitte zur Zeit und auch zur Unzeit und nicht nur solange die DFB-Mannschaft Tore schießt ...

Es gibt nichts, was ich widerlicher finde, als Freundschaft, Loyalität und Treue, die nur bei Siegen besteht. Das mag nicht alle treffen, die grade begeistert sind - aber viele. (Und im übrigen musste es mal gesagt werden :-))

Insofern kann ich die Begeisterung von Alexander Jungbluth bei der geschätzten Blauen Narzisse (oder bei Harki, und selbst dem Condottiere) diesmal nicht so recht teilen und schließe mich dem in der BN am Rande erwähnten (wenn auch abgewiesenem) Vorwurf des Partypatriotismus an. Bei Brot und Spiele sind grade die Spiele dran.

Vor einiger Zeit erschien zum Thema Sport bei der BN aber auch ein interessanter Artikel von Felix Menzel.
(Fotoquelle)

Donnerstag, 5. Juni 2008

Hl.Bonifatius

Die Kirche begeht heute den Gedenktag des Hl.Bonifatius, des Apostels der Deutschen.

Ein lesenswerter Artikel zu 'unserem' Heiligen findet sich in der Tagespost vom 5.6.2004, dem 1250.Todestag des Hl.Bonfiatius. Kleiner Auszug:

Vor 1250 Jahren, am 5. Juni 754, ist Bonifatius von friesischen Räubern erschlagen worden. Diese Tat war ein ungeheurer Frevel. Denn Bonifatius war ein berühmter Mann, Missionserzbischof und päpstlicher Legat für Germanien. Sein über 80 Jahre währendes Leben war turbulent und spannungsreich. Es fiel in eine umfassende Wendezeit. Aufregendes und Umstürzlerisches hat sich in ihr getan. (...)

Ein Visionär mit einem großem Entwurf für die Gestaltung der Zukunft war Bonifatius nicht, denn er ist von den dramatischen Ereignissen seiner Zeit mitgerissen worden. Aber er hat sich ihnen gestellt und seine Grundüberzeugungen durchzusetzen versucht.

Rom war für Bonifatius der irdische Hort göttlicher Weisheit. Deshalb folgte er den Anweisungen der Päpste sehr genau. Gerade weil er die kirchlichen Gebote peinlich genau einhielt, meinte er festlegen zu können, wie und was die Menschen zu glauben hatten. Für Bonifatius war das gleichbedeutend mit Gehorsam Gott und seiner Kirche gegenüber. Deren Einheit zu bewahren, war ihm höchstes Gut. Die Verkündigung des Glaubens höchstes Ziel. Er wollte Missionar sein. Zum Reformer haben ihn die Umstände gemacht. In beiden Rollen aber ist er zu einem der Baumeister des christlichen Europa geworden.

Aus einem Brief des Bischofs Bonifatius:

Die Kirche fährt über das Meer dieser Welt wie ein großes Schiff und wird von den Wogen - das sind die Anfechtungen dieses Lebens - hin und her geworfen. Wir dürfen das Schiff nicht verlassen, wir müssen es lenken.
Als Vorbilder haben wir dafür die frühen Väter, Klemens, Kornelius und die vielen anderen in der Stadt Rom, Cyprian in Karthago, Athanasius in Alexandrien. Sie haben unter heidnischen Kaisern das Schiff Christi gesteuert. Sie haben die Kirche geleitet, sie gelehrt und verteidigt, für sie gearbeitet und gelitten bis zum Vergießen des Blutes.
Diese Überlegungen erschrecken mich. "Furcht und Zittern erfassen mich", die Finsternis meiner Sünden drückt mich nieder. Wie gerne hätte ich das Steuer der Kirche, das ich übernommen habe, aus der Hand gegeben, wenn ich nur geeignete Beispiele bei den Vätern oder in der Heiligen Schrift hätte finden können.
Die Wahrheit kann zwar niedergehalten, aber weder besiegt noch getäuscht werden. So flüchtet unser Geist zu Gott, der durch Salomo spricht: "Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit; such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade", und anderswo: "Ein fester Turm ist der Name des Herrn, dorthin eilt der Gerechte und ist geborgen."
Laß uns feststehen in der Gerechtigkeit und unser Herz auf die Versuchung vorbereiten, damit wir das Zögern Gottes ertragen und sprechen: "Herr, du warst unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht."
Laßt uns auf ihn vertrauen, der uns die Last aufgelegt hat. Was wir aus eigener Kraft nicht tragen können, das wollen wir tragen durch ihn. Er ist allmächtig und spricht: "Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht."
Laßt uns am Tag des Herrn im Kampf feststehen, denn "ein Tag der Not und Bedrängnis" kam über uns. Wenn Gott es so will, wollen wir sterben für die heiligen Gesetze unserer Väter, damit wir mit ihnen das ewige Erbe erlangen.
Wir wollen nicht stumme Hunde sein und schwiegend zuschauen, nicht Mietlinge, die vor dem Wolf fliehen, sondern eifrige Hirten: Über die Herde Christi wollen wir wachen und allen Menschen jeden Ratschluß Gottes verkünden, den Großen und Kleinen, den Reichen und den Armen, jedem Stand und jedem Alter, soweit Gott uns Kraft dazu gibt, gelegen und ungelegen, wie es uns der heilige Gregor in seiner Pastoralregel vorgeschrieben hat.

Montag, 2. Juni 2008

Gertrud von le Fort: Die Frau des christlichen Abendlandes

Es ist soweit: Es erscheint der erste Artikel, der aus Gedanken einer Frau schöpft: Gertrud von le Fort (1876-1971). Das Thema bietet sich dann auch gleich an: Die Frau. Gewidmet allen Damen, die diese Seite lesen.

Gertrud von le Fort stellt die Bedeutung der Frau für die Gesellschaft heraus und rollt von dort die Problematik ihrer Gegenwart (der Nachkriegszeit) auf - ihre Gedanken zur oft problematischen Entwicklung der Rolle der Frau, der Auswirkungen, die dies auf die Gesellschaft und Geschichte hat, der Säkularisierung und ihre schließliche Folgerung als Aufruf zum Bekenntnis durch die eigene Existenz sind nicht an eine Zeit gebunden.

Die großen geschichtlichen Ereignisse bezeugen im Grunde nur das Sichtbarwerden und Zutagetreten eines inneren und allgemeinen Weltzustandes. Der Mann steht zwar im Vordergrund der Erscheinungen, doch die Frau stellt ihre verschleierte Tiefe dar. Der Mann volzieht die Geschicke, die Frau ist ihr verborgener Mutterschoß. Die Mutter schenkt ihren Söhnen ja nicht nur das leibliche Leben und ein natürliches Erbe - kein späterer Einfluß wird jemals den Einfluß der Mutter ersetzen oder auslöschen können. Zu den Müttern herabsteigen heißt, die formende Bedeutung des weiblichen Einflusses auf den Mann überhaupt anerkennen: "Wenn der Mann fällt, so fällt nur der Mann, aber wenn die Frau fällt, so fällt ein ganzes Volk."
Die Signatur unserer Zeit ist so gebieterisch, daß sie im Letzten jeder Nation unseres Erdteils das gleiche Siegel aufgedrückt hat, abweichend nur durch die Stärke der Ausprägung, nicht dem Wesen nach. Was den heutigen europäischen Menschen in allen Völkern kennzeichnet, ist eine tiefe Entchristlichung. Sie greift weit über die Zahl der bewußt aus der Kirche ausgetretenen Seelen hinaus. Wir dürfen uns über diesen Punkt keinen Augenblick täuschen, denn an dem rückhaltlosen Eingeständnis dieser bitteren Wahrheit hängt die Einsicht in den furchtbaren Ernst unserer Lage.
Während die vergangenen Jahrhunderte auch dort, wo die Kraft des Glaubens schon gebrochen war, doch wenigstens die vom Christenum bestimmte Ethik noch als Grundlage der menschlichen Gesellschaft festzuhalten suchten, stehen wir heute bereits vor deren praktischen Auflösung, und grade die Frau als Frau stellt vielfach die Auflösung dar! Schon die äußere Erscheinung der heutigen Frau ist in dieser Hinsicht oft aufschlußreich. Wie verräterisch sind gewisse "Aufmachungen", welche die Seelenhaftigkeit ihrer Schönheit zerstören, wie charakteristisch die Überbetonung des Körperlichen! Dem nackten Materialismus des Mannes entspricht eine Frau, die in ihrer Weise auch den Geist an die Materie verraten hat, die Zartheit und Heiligkeit der Liebe an den flüchtigen Genuß, die opfervolle Treue an den nichtigen Erfolg der Eitelkeit.
Wir sind zu den Müttern hinabgestiegen, das heißt wir haben die Söhne begriffen. Die verborgenen Tiefen des Geschehens öffnen sich und lassen geheimnisvolle Zusammenhänge und Entsprechungen erkennen. Bietet nicht die Zerissenheit zahlloser Ehen dasselbe Bild im Kleinen wie die Zerissenheit der Völker im Großen? Mahnen nicht die in Schutt gesunkenen Städte an die vielen Heime längst von innen her zerstörter Familien? Wecken nicht die erschütternden Kinderleichen, die so viele Flüchtlingsstraßen säumten, das Erschauern vor jenen zahllosen Kinderleben, denen man nicht gestattete, das Licht der Welt zu erblicken?
Doch - wenn es stimmt: "Wenn die Frau fällt, so fällt das ganze Volk", so lautet es positiv ausgedrückt: Wenn die Frau gesundet, so gesundet ihr ganzes Volk. Die noch christlichen Frauen unseres Erdteils haben sich zusammengefunden, die Kultur der gemeinsamen Heimat, dieses geliebten, wenn auch allzuoft zerissenen Erdteils, zu verteidigen. Die abendländische Kultur erhob sich im Zeichen des Kreuzes, nur im Zeichen ihres Ursprungs wird sie sich erhalten können. Allerdings wird es sich um einen höchsten Einsatz für den Glauben handeln müssen. Mit einem nur formelhaft geübten Christentum läßt sich der heutige Mensch schwer gewinnen. Die rettenden Entschlüsse sind fast immer die opfervollen. Tiefe Vorstöße ins letztlich Wesentliche werden zu wagen und in allen ihren Konsequenzen zu durchleiden sein.
Die Frau kann diesem auf den rein irdischen Erfolg bedachten Zeitalter eine reinere, höhere und liebevollere Welt entgegensetzen und so tatsächlich das polare Gegengewicht einer solchen in die Waagschale des Schicksals werfen. Der rettende Glaube verlangt nicht sowohl Manifeste und Programme als hingebendes Gelebtwerden. Es gibt für die Frau kein anderes Mittel, das, was sie für die Welt ersehnt, heraufzuführen als es selbst zu verkörpern. Ob im stillsten Kreis der Familie oder in der Öffentlichkeit, das ist zuletzt nicht ganz so wichtig, wie unsere Zeit meint. Der äußere Erfolg ist nicht das Letztentscheidende. Die eigentliche Frage, um welche unsere Gedanken ringen. lautet ja gar nicht: "Ist die Erneuerung des christlichen Abendlandes möglich?", sondern sie lautet: "Wollen wir das christliche Abendland erneuern?" Wir meinen ein absolutes Wollen, ein Wollen auch dann, wenn uns über das Bekenntnis der eigenen Existenz hinaus kein letztes Gelingen beschieden sein sollte. Das Wollen liegt in unserer Hand- der Erfolg ist Gott vorbehalten.

nach: Gertrud von le Fort: Woran ich glaube. 1968.

Leider haben sich die Hoffnungen Gertrud von le Forts wohl nicht erfüllt. Ein authentisch weibliches Element fehlt unserer Gegenwart heute mehr denn je. Auch ob das, was als männlich verkauft wird, authentisch männlich ist, kann gefragt werden. Doch der Aufruf le Forts zum Bekenntnis durch die eigene Existenz, fernab von Erfolgsstatistiken, bleibt.