Im folgend resümierten Aufsatz befasst sich Günter Rohrmoser mit dem Vorhandensein des Risikos im Leben auch des Menschen in den modernen Gesellschaften, seiner Wahrnehmung davon und seinem Umgang damit.
Menschliches Leben und Risiko gehören zusammen, "diese Einsicht gehört zur Tradition des den Religionen zu verdankenden Wissens, das für alle großen Menschheitskulturen durch die Jahrtausende prägend war." Der Mensch ist durch seine Natur vor die Aufgabe gestellt, "auf der Basis eines konstitutiven Mangels sich selber erst die Bedingungen seines Lebens ... zu schaffen." Eine nur durch Handeln zu schaffende Sicherheit bleibt aber stets gefährdet.
Im alten Begriff der Sünde zeigt sich,"dass der Mensch mit seinem Vorkommen in dieser Welt die Neigung, ja die unwiderstehliche Tendenz hat, sich selbst und seine Welt zu bedrohen." Der Mensch erträgt nicht nur Risiken -er ist auch eines, für andere und für sich selbst. Von dieser Riskiertheit menschlicher Existenz aus erhob sich in den Religionen "die Frage nach dem Grund und Sinn" menschlicher Möglichkeiten des Daseins an Gott. Besonders deutlich findet sich dies im griechischen Denken: Gott stellt die durch den Menschen gestörte Ordnung des Kosmos wieder her - was für den Menschen tragische Auswirkungen zeitigen kann.
In den letzten 200 Jahren schien nun die Möglichkeit gegeben, eine Welt, "in der definitive Sicherheit machbar" ist, zu erreichen. Wissenschaft und gesellschaftliche Bedingungen sollten eine "Entkontigentisierung" erreichen, "die Totalität der Bedingungen" menschlicher Existenz (individuell, sozial, eventuell auch spirituell) wirkte greifbar. Man sollte das nicht verteufeln - die positiven Folgen der wissenschaftlichen und industriellen Entwicklung sind enorm. Doch muss man "nüchtern feststellen, dass wir uns zumindestens seit dem Beginn der 70er-Jahre ... in einem epochalen und kulturellen Wandel befinden." Methoden und Ziele des Fortschritts sind fragwürdig geworden und der beispiellose Erfolg der Industriegesellschaft untergräbt die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeit. Mittlerweile entspricht der "Handlungszwang, der von den immer gefährdeteren Strukturen ausgeht, immer weniger den menschlichen Handlungsmöglichkeiten und Fähigkeiten".
- die Eingriffe betreffen nicht nur die Natur, sondern auch de kulturellen und sozialen Bedingungen, ohne dass man zum Zeitpunkt des Eingriffs wirklich weiß, worauf man sich einlässt
- die zunehmende Unberechenbarkeit von Folgen lässt Risiken fast unzumutbar erscheinen
- die Gesellschaft ist in einer "Steuerungskrise": Durch die wechselseitigen Abhängigkeiten wird "ein Problem durch ein anderes" substituiert.
Es ist schizophren, an den Wohltaten und Segnungen des technisch-wissenschaftlichen Fortschrittes festhalten zu wollen, jedoch das unvermeidbare, minimalisierte Restrisiko abzulehnen, was "tendenziell zu einer Gesamtparalyse des Systems" führt. Eine Lösung ist aber nur möglich, wenn man bereit ist "nicht nur den Preis des Fortschritts, so prekär auch dieser geworden sein mag, sondern auch den Preis der Freiheit zu zahlen."
Leben und Risiko gehören zusammen. Was brauchen Menschen um in dieser Situation bestehen zu können? Die Antwort des Sokrates-Platon: Tapferkeit. "Tapferkeit ist eine Art des Wissens, ein Wissen um das, was jeweilig zu fliehen und zu bekämpen ist, ein Wissen was zu meiden und um das, was man mutig anpacken muss." Als Wissen gehört Tapferkeit zur Vernunft, diese wird durch die zunehmenden Risisken herausgefordert, vor ihr begründet sich auch das Christentum als "die Alternative sowohl zum Modernismus wie zum Fundamentalismus."
Günter Rohrmoser: Christliches Denken als Fundament des Modernen Konservatismus.
Kurze Bemerkung:
Zwar sind die Schlußbemerkungen zur Weiterführung und Lösung arg allgemein, aber die Analyse finde ich sehr stark.