
Die Kirche begeht heute den Gedenktag des Heiligen Karl Borromeus. Carlo Borromeo aus der Familie De`Medici wurde im Jahr 1538 auf der Burg Arona am Südhang der Alpen geboren. So gehörte er einer der vornehmsten Familien ganz Italiens an und wurde standesgemäß erzogen. Mit 7 Jahren wurde er in den Klerikerstand aufgenommen, allerdings war der Grund darin zu suchen, daß ihm so die Einkünfte eines Klosters zufließen sollten und sein Vater ihm eine glänzende kirchliche Karriere zugedacht hatte. An beidem ist gut zu erkennen, wie das Erscheinungsbild der Kirche damals von Mißbrauch und Weltlichkeit geprägt war.
Als Glücksfall erweis sich, daß Carlo aber tatsächlich eine Berufung zum Priestertum in sich verspürte. Das geistlich heruntergekommene Kloster, dem er eigentlich nur nominell vorstehen sollte, wurde von ihm gründlich erneuert und von dem Kopf auf die Füße gestellt, auf seine Einkünfte von dort verzichtete er zugunsten der Armen.
Auf Wunsch des Vaters studierte Carlo aber zunächst die Rechte in Pavia. Auch als Student führt er einen tadellosen Lebenswandel - ganz im Gegenteil zu dem Priester, der ihm eigentlich bestehen sollte. Doch noch bevor Carlo sein Jura-Studium mit "summa-cum-laude" abschloß, starb sein Vater. Nachdem sein älterer Bruder sich überfordert gezeigt hatte, ordnete der noch nicht Zwanzigjährige die unübersichtlichen Erbschaftsangelegenheiten, inklusive politischer Beziehungen zu der Regierung eines Nachbarstaates. Schon früh zeigte sich Carlos organistorisches und intelektuelles Talent, gepaart mit dem sicheren Gefühl dafür, daß vor allem das Leben in der Kirche von Mißständen befreit und erneuert werden mußte.
Nur kurze Zeit nach dem Tod des Vaters wendete sich das Leben Carlos erneut. Ein Bruder seiner Mutter wurde als Pius IV. Papst von Rom. Wie üblich beorderte der neue Papst Familieangehörige in herausragende Stellungen der Kirche und des Kirchenstaates. Pius IV. machte hier keine Ausnahme. Sein Neffe Carlo Borromeo wurde Kardinal, Erzbischof von Mailand, Kanzler der Kirche und Vorsteher der Verwaltung des Kirchenstaates, um nur einiges herauszugreifen. Er verfügte von nun an über einen Hofstaat, der 150 Personen umfaßte und nahm seine Standesrechte wahr. Das große Vertrauen, daß sein päpstlicher Onkel in ihn setzte, erfüllte er voll und ganz. Er arbeitete viel, verantwortungsbewußt und geschickt, galt zudem als unbestechlich. Dies alles machte ihn zur Ausnahmeerscheinung. In dieser Zeit schrieb er: "Das Geheimnis des Erfolges liegt in dem beharrlichen Willen des Schaffenden. Zuerst gilt es mit Klugheit zu überlegen, dann aber mit Kraft auszuführen und niemals während der Arbeit die Arme sinken zu lassen". In seiner spärlichen Freizeit sammelt er die hervorragensten Köpfe Roms um sich, die Aufzeichnungen ihrer Gespräche gelten als wichtiges Zeugnis der Geistesgeschichte jener Zeit.
Einen herben Schlag versetzte ihm in dieser Situation der plötzliche Tod seines Bruders Federico. Der junge Kardinal war fassungslos, spürte aber durch diesen Schicksalsschlag die Nähe Gottes, gerade auch darin. Er beschloß sein Leben zu ändern. Er entsagte den Eitelkeiten seines Standes und übte strenge Zucht. Ein Gesandter schreibt über ihn: "Kardinal Borromeo ist erst siebenundzwanzigjährig, aber kränklich, da er sich durch Studien, Fasten, Nachtwachen und Abstinenz geschwächt hat. Er ist Doktor der Rechtswissenschaft, widmet sich aber der Gottesgelehrtheit mit einem in unseren Tagen seltenen Eifer. Sein Leben ist das ehrbarste der Welt und seine Religiosität ist so groß, daß man mit Fug sagen kann, er nütze durch sein Beispiel dem römischen Hofe mehr als alle Konzilsbeschlüsse... Der Hof liebt ihn wenig und klagt, daß der Kardinal vom Papst wenig erbittet und von dem Seinigen wenig gibt. Aber was das erste betrifft, so hält er es für eine Gewissenssache. Sein Eigenes verwendet er zu Almosen..."
Papst Pius IV. wandte seine Aufmerksamkeit bald dem Abschluß des Konzils von Trient zu. Das Konzil war unterbrochen, aber noch nicht beendet. Dieser Zustand kam vielen Gruppen und Mächten gelegen. Carlos Aufgabe bestand darin, die Fortführung vorzubereiten. Wieder zeigte er unermüdlichen Arbeitseinsatz und den Willen zum Ergebnis. Nach mehrmonatigen Verhandlungen des jungen Kardinals trat das Konzil wieder zusammen, gegen den Widerstand vieler Seiten. Seine Beschlüsse zur kirchlichen Erneuerung fanden in Carlo Borromeo einen eifrigenVollstrecker.
Vorbildlich setzte er sogleich um, was an den Entscheidungen seine Person betraf. Er begann - als Kardinal und Erzbischof - in den römischen Kathedralen zu predigen, was diesem Stand vorher vollkommen fremd, jetzt aber aufgetragen war. Auch gab er ihm verliehene Pfründe an den Papst zurück, da deren Häufung nun als verboten galt. Schließlich entschloß er sich auch, seine Amtsgeschäfte als Erzbischof von Mailand selbst aufzunehmen (er hatte sich dort bislang vertreten lassen) und trat in Rom von seinen Aufgaben zurück.
In Mailand angekommen erwartete ihn eine kirchlich heruntergekommene Diözese. Es herrschten Mißstände, die zwar bis heute bekannt sind, aber jeder Beschreibung spotten. Genauso hart wie Erzbischof Borromeo aber gegen sich selbst sein konnte (seine asketische Disziplin rief gleichermaßen Bewunderung und Spott hervor) konnte er auch durchgreifen. Er visitierte jeden Winkel seines Gebietes, schritt gegen die Mißstände ein und gewann auch Gebiet zurück, das, nicht zuletzt aufgrund der Mißstände, dem Protestantismus anheimzufallen drohte.
Bis heute gilt er deswegen als "Lehrmeister der Bischöfe", sein handeln als vorbildlich. So wurde er in den Vorbereitungen des I.Vaticanums ausgiebig studiert, und auch im 20.Jahrhundert bezogen sich die Päpste Pius XI. und Johannes XXIII. persönlich auf den Erzbischof von Mailand.
Zu seinen Errungenschaften zählten neben der Abschaffung der zahlreichen Mißstände konkret die solide theologische Ausbildung der Priesterschaft, die umfangreiche Einführung einer (Laien-)Katechese und die - nicht zuletzt aus persönlichen Mitteln geförderte - Einrichtung sozialer Institutionen.
Wegen seiner Reformen war Carlo aber zunächst geradezu unpopulär. So schritt er gegen die Auswüchse des Karnevals ein und machte sich daran, Mißstände in der Ordenslandschaft zu beheben. Dies brachte ihm einen Mordanschlag aus den Reihen des Humiliatenordens ein, der - der Legende folgend - wunderhaft abgewendet wurde. Aber auch ansonsten schreckten seine Gegner nicht davor zurück, sich gewaltsam zur Wehr zu setzen, sie waren aber letztlich alle nicht in der Lage der sachlichen Richtigkeit von Borromeos Maßnahmen in Verbindung mit seiner Persönlichkeit zu widerstehen. Problematisch war auch Carlos Verhältnis zu den damaligen spanischen Statthaltern von Mailand, das vielfach als "kalter Krieg" bezeichnet wird. In der langen Zeit vor Erzbischofs Borromeos Amtsausübung hatten diese sich daran gewöhnt, die Kirche Mailands mitzuregieren und einen umfassenden Herrschaftsanspruch zu stellen. Das führte zu dauerhaften Streitigkeiten mit dem neuen Amtsinhaber. Dem Vatikan war diese Entwicklung nicht recht, sah man doch in Spanien einen wichtigen Verbündeten. So kam es auch zu Spannungen zwischen Rom und Mailand, die erst durch den triumphalen Besuch Carlos in Rom bei Papst Gregor XIII. behoben wurden.
Carlo Borromeo hatte aber noch weitere Bewährungsproben zu bestehen. 1570 brach in Mailand eine Hungersnot aus, in der sich der Erzbischof um die Hungernden sehr verdient machte. Sechs Jahre später erschütterte eine Pestepidemie Norditalien und auch Mailand. Nachdem die staatlichen Stellen versagt hatten, übernahm die Kirche die Versorgung der Kranken und die Vorsorgemaßnahmen in der Stadt: "Der Kardinal geht sehr oft ins Lazarett und tröstet die Kranken, ermuntert die Angestellten, besichtigt den Friedhof, in dem die an der Pest gestorbenen bestattet werden, begibt sich in die Barracken, in die verschlossenen Häuser, spricht mit allen, tröstet alle. Für alle sorgt er, so gut er kann. Eine andere Tröstung hat diese Stadt nicht. Es ist fast, als erwecke er mit seiner Gegenwart die Leute zum Leben. Es wäre das größte Unheil, wenn Gott ihn aus diesem Leben abberiefe". Der Bischof führte hygienische Vorschriften ein, dazu fanden Andachten und Prozessionen statt, er selbst tat Buße. Die Pest forderte zwar viele Opfer in Mailand, im ganzen ging sie an der Stadt aber glimpflicher vorbei als an vielen anderen betroffenen Städten.
Schon im Leben erreichte Carlo aus geschenkter Gnade und eigener Willensanstrengung den Ruf der Heiligkeit. Er war ein fieberhafter Arbeiter, seine Freizeit bestand vor allem aus dem Studium theologischer Schriften, dem Gebet, dem Schreiben und Ausarbeiten. Schlaf und Nahrung gönnte er sich nur in einem Maße, das - nach Meinung vieler Zeitgenossen - das notwendige Maß noch unterschritt. Auch trug er den Bußgürtel. Er sagte: "Um anderen Licht zu machen, verzehrt die Kerze sich selber". Sein Ansehen war in höchste Höhen gestiegen. Man sagte, "es war, als sei ein Apostel Christi wieder auf die Erde zurückgekehrt", ein Protestant meinte: "Wenn alle Bischöfe und Priester gewesen wären wie dieser, wäre es nicht zur Glaubensspaltung gekommen". Aber zwanzig Jahre brennenden Eifers forderten ihren Preis. Schon vom herannahenden Tod gezeichnet arbeitete der Kardinal so gut es eben ging und über seine schwindenden Kräfte hinaus. Der Tod ereilte den ausgemergelten Mann im Alter von 46 Jahren am 3. November 1584.
Die Verehrung seines Grabes setzte praktisch unmittelbar danach ein. 1610 wurde er vom Papst heilig gesprochen, seine Verehrung ist in der ganzen katholischen Welt verbreitet.
Zur Vertiefung: G.Kranz "Politische Heilige", Augsburg 1964.