"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Da ist von Gott die Rede. Mit ihm ist noch jemand; bei ihm, auf ihn hin gewendet, wie es im griechischen Text heißt, der wird das Wort genannt. Das, worin jener Erste sein Wesen, seine Lebensfülle, seinen Sinn ausspricht. Auch dieser ist Gott, ebenso wie Der, der das Wort spricht, und doch ist nur e i n Gott. Von diesem zweiten Jemand nun wird gesagt, Er sei in sein Eigentum, das durch Ihn Erschaffene, die Welt gekommen (Joh 1,11). Wir wollen aufmerksam sein auf das, was da gesagt wird: daß Er nicht nur als allgegenwärtiger und allvermögender Schöpfer die Welt durchwaltet, sondern in einem bestimmten Augenblick - wenn es erlaubt ist, so zu sprechen - eine Grenze, eine mit Gedanken, nicht zu erfassende Grenze überschritten habe; daß Er, der Ewig-Unendliche, Unzugänglich-Entrückte, persönlich in die Geschichte eingetreten sei. Wie könnten wir uns wohl Gottes Verhältnis zur Welt vorstellen? Etwa so, daß er, nachdem er die Welt geschaffen, über ihr lebte, in unendlicher Enthobenheit selig sich selbst genügend; die Schöpfung aber ihren ein für allemal bestimmten Gang gehen ließe ... Oder aber so, daß er in der Welt wäre: als schöpferischer Urgrund, aus dem alles hervorginge; als gestaltende Macht, die alles durchwaltete; als Sinn, der sich in allem ausdrückte ... Dort wäre er abgeschieden in jenseitiger Unberührtheit; hier wäre er das Eigentliche in Allem. Wollte man die Menschwerdung aufgrund der ersten Vorstellung denken, so könnte sie nur bedeuten, daß da ein Mensch in einzigartiger Weise vom Gottesgedanken gepackt, von der Gottesliebe entflammt worden wäre - so sehr, daß man sagen könnte: In ihm redet Gott selbst. Wollte man die zweite Vorstellung zugrundelegen, dann würde Menschwerdung bedeuten, daß Gott sich überall ausdrückt, in allen Dingen, in allen Menschen - so sehr, daß man sagen könnte: hier ist Gott leibhaftig in Erscheinung getreten... Wir sehen aber sofort, daß diese Vorstellungen nicht die der Heiligen Schrift sind.Was die Offenbarung über das Verhältnis Gottes zur Welt und über seine Menschwerdung sagt, meint etwas von Grund auf anderes. Danach ist Gott in einer besonderen Weise in die Zeitlichkeit eingetreten: aus selbstherrlichem Ratschluß, in reiner Freiheit. Der ewige, freie Gott hat kein Schicksal; Schicksal hat nur der Mensch in der Geschichte. Hier nun ist gemeint, Gott sei in die Geschichte eingetreten und habe Schickal auf sich genommen. Dieses aber, daß Gott aus der Ewigkeit ins Endlich-Vergängliche eintritt; daß Er den Schritt über die Grenze ins Geschichtliche tut, das begreift kein menschlicher Geist. Ja, vielleicht wehrt er sich sogar von einer "reinen Gottesvorstellung" aus gegen das scheinbar Zufällige, Menschenmäßige darin - und doch geht es gerade damit um das innerste Wesen des Christlichen. Denken allein kommt hier nicht weiter; ein Freund hat mir aber einmal ein Wort gesagt, durch das ich mehr verstanden habe, als durch alles bloße "denken". Wir sprachen über Fragen dieser Art, da meinte er: "Die Liebe tut solche Dinge!" Dieses Wort hilft mir immer wieder. Nicht, daß es dem Verstand etwas erklärte, aber es ruft das Herz, läßt es ins Geheimnis Gottes hinüberfühlen. Das Geheimnis wird nicht begriffen, aber es kommt nahe, und die Gefahr des "Ärgernisses" schwindet.
Keins der großen Dinge im Menschenleben ist aus bloßen Denken entsprungen; alle aus dem Herzen und seiner Liebe. Die Liebe aber hat ihr eigenes Warum und Wozu - freilich muß man dafür offen sein, sonst versteht man nichts ... wenn es nun aber Gott ist, der da liebt? Wenn es die Tiefe und Gewalt Gottes ist, die sich erhebt - wessen wird die Liebe dann fähig sein? Einer Herrlichkeit, so groß, daß sie dem, der nicht von der Liebe ausgeht, als Torheit und Unsinn erscheinen muß.
aus: Romano Guradini: Der Herr. Freiburg 1980.






