
Wenn mir beim Arbeiten in der Bibliothek ganz langweilig lese ich immer ein paar Seiten aus den von Rolf Hochhuth herausgegebenen Tagebüchern von Jospeh Goebbels von 1945.
Das ist aus mehreren Gründen recht interessant: (1.) Man kann sehen, wie man sich selbst belügen kann, (2.) man bekommt ein bisschen Einblick in das mit- und gegeneinander von Hitlers Hofschranzen, (3.) man sieht wie der so stolze Goebbels letztlich nur noch darauf schielt, welcher ausländische Staatsschef oder welches feindliche Parlament vielleicht eine Wortwahl benutzt haben könnte, die unter Umständen vermuten ließe, dass sie eventuell einem Friedensschluß geneigt sind, (4.) Goebbels schaut genau auf den Kriegsverlauf in seiner Heimat, die so einigermaßen auch meine ist, daher bekomme ich ein Bild von den Kämpfen in meiner Heimatgegend.
Goebbels bringt aber auch ein paar echte Schoten, er motzt sehr gerne über Leute, von denen er gern hätte, dass sie helfen, was sie aber seiner Ansicht nach nicht genug tun - irgendjemand muss ja Schuld sein und nach der Lektüre der Tagebücher weiß man, dass Goebbels sich jedenfalls nicht für den Schuldigen hielt (und Hitler schon gar nicht...). Also schreibt er, besonders verwegen: am 2.3.1945 in sein Tagebuch, also einige Wochen vor seinem Selbstmord und dem totalen Zusammenbruch des Deutschen Reiches, über Franco, der danach immerhin noch dreizig Jahre regiert hat:
"In Spanien macht man jetzt in Falangismus. Es sind ein paar von Kommunisten ermordete Falangisten beerdigt worden. Die spanische Presse nimmt das zum Anlaß eine ausgesprochen antibolschewistische Kamapagne zu starten. Aber dahinter steht natürlich kein politischer Ernst. Franco ist eine ausgesprochene Krampfhenne. Er bläht sich, wenn ihm die Gelegenheit günstig erscheint, ungeheuer auf: wenn die Gelegenheit aber vorbeigegangen ist; dann wird er wieder kleinlaut und feige."
Man könnte ja denken, dass Goebbels angesicht der Lage die Idee kommen würde, dass Franco vielleicht etwas richtig machte, was zu den Dingen gehörte, die Hitler & Goebbels falsch machten. Diese Idee blieb aus. Die Realität war fern und Goebbels talentiert und verrückt wie immer.


Kommentare:
"Krampfhenne"
Ich dachte immer, das sei eine Erfindung von Franz-Josef Strauß, sieh da.
Und ich bleibe dabei, Franco für einen großen Politiker zu halten. Unter anderem aus den von Dir angerissenen Gründe. Was zählt, ist der Erfolg und die Effizienz, sonst gar nichts.
Nun ja. Was den historischen Wert der von einem gewissen Hochhuth herausgegebenen Tagebücher angeht, habe ich nicht nur wegen der schillernden Persönlichkeit des Herausgebers meine tiefen Zweifel. Dass Zauberlehrling Hochhuth an Gobbels gefallen findet, verwundert mich indes in keiner Weise.
Ich erinnere mich dazu zu gut an gewisse Dokumente, die mir im Laufe meiner Recherchen zur Geschichte der SED in die Hände gefallen sind und in denen unter anderen ein gewisser Albert Norden darüber nachsinnt, wie man bestimmte Dokumente aus besagter Zeit fälschen oder gar erfinden könne. Aus rein volkspädagogischen und hoch anständigen Gründen versteht sich.
Nun will ich die Echtheit der Tagebücher nicht anzweifeln, dazu fehlen mir schlicht die Beweise, aber ich genieße seit dieser Entdeckung „Nachrichten“ aus jener Zeit mit höchster Vorsicht. Kujau war gemessen an den Profis vom SED-Politbüro und ihren Stasi-Schergen ein kleiner Stümper. Schließlich hatten die roten Bonzen vierzig Zeit die Geschichte nachzubessern und im Westen wimmelt es noch heute von gelehrigen Schülern, die sich allesamt „Historiker“ nennen. Mein Vorkommentator macht beispielhaft vor, wie dieses profitable Geschäft funktioniert. Da „Krampfhenne“ sich nun Nazi-Erfindung entpuppt, bietet sich die Gelegenheit das geistige und politische Erbe von Franz-Josef nachhaltig zu kontaminieren. Das ist genau dasselbe Prinzip mit dem Hochhuth Pius XII. ins „rechte“ Licht setzte. Mit nachhaltigem Erfolg, obwohl seine Behauptungen bei näherer Betrachtung vollkommen unsinnig sind.
Mit Realität hat das, um das Thema des Beitrages aufzugreifen, nun auch recht wenig zu tun. Mit Effizienz allerdings schon ein wenig mehr. Was aber lediglich beweist, dass Effizienz und "historische" Wahrheit zwei auseinander klaffende Begriffe sind, die nur ausgewiesene Dummköpfe für dasselbe halten können.
Ob Franco, von dem ich ebenfalls viel halte, nun der große Realist war, wage ich dennoch zu bezweifeln. Er war klug genug sich weitgehend herauszuhalten und hat sich vor allem nach dem Kriege so klein gemacht, dass es einer Feldmaus zur Ehre gereicht hätte. Schaut man indes heute nach Spanien, kann man mit einigem Recht bezweifeln, ob sein Tun wirklich so nachhaltig erfolgreich war. Er hat das europäische Erbe lediglich ein Jahrzehnte konservieren können, eine Restauration oder gar die Ansätze einer abendländischen Rekonquista Europas kann ich indes nicht entdecken. Insofern hätte sein Erbe nur einen sehr begrenzten Wert für wahre Gläubige, die eine christliche Rückeroberung des Kontinents tätig ins Auge fassen würden.
Sei es, wie es sei. Die Behauptung des gänzlichen Kulturbruchs der Nazis nach 1933 ist aus meiner Sicht mit nachdrücklichen Misstrauen zu begegnen, denn es könnte sich in Wahrheit erweisen, das sich die inkriminierte Zeit als bloße, sticknormale und höchst spießige Variante dessen entpuppt, was 1789 aus der Pariser Gosse gekrochen kam. Der industrialisiere Massenmord wurde jedenfalls nicht in Berlin, sondern in Paris ersonnen. Himmler und Saint-Just sind so unterschiedliche Persönlichkeiten nicht.
So. Mist. So lang wollte ich eigentlich nicht werden, aber mir ist wieder einmal die Feder durchgegangen. Vermutlich wegen einem schnöden, modernistischen Kurzschlusses in ihrer Elektrik. Leider kann man nicht mit Kuhscheiße schreiben, denn davon hätte ich gegenwärtig genug. :)
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