Sonntag, 26. April 2009

Robert Spaemann: Gute Staatsverfassung und schöner Lebensvollzug

Eine gute Staatsverfassung ist von der Art, daß jeder bei der Sache, die er macht, sich am besten befindet, wenn er sie gut macht, ohne sich um seinen Gewinn noch eigens bemühen zu müssen. Die Teleologie [Zielgerichtetheit] der einzelnen Handlungen in diesem Staat ist gerade so ausgerichtet, daß aus ihr die Reproduktion eines sinnvollen Gesamtzusammenhanges menschlichen Lebens hervorfließt. Warum aber soll geschehen, was einem solchen Zusammenhang förderlich ist? Platons Antwort ist: um eines schönen Lebens im Ganzen willen. ...
Das telos [Ziel] des Menschen ist nicht irgendein endlicher Zweck, sondern das schöne Leben im Ganzen. Hier herrscht ein optimales Gleichgewicht der Zwecke, wo kein Zweck die anderen auf sich hin zu bloßen Mitteln funktionalisiert. Dies gilt für den Staat und seine Gerechtigkeit ebenso wie für das einzelne Individuum. Platon gibt so eine teleologische [auf ein Ziel gerichtete], eine funktionale Begründung einer nicht-funktionalen Ethik. Es ist ein Probierstein moralischer Normen, ob sie sich funktional auf die Erhaltung eines guten Gemeinwesens beziehen lassen. Aber das gute Gemeinwesen ist seinerseits ein solches, das seine Rechtfertigung nicht in seiner puren Selbstbehauptung, sondern in seinem schönen Lebensvollzug findet, im harmonischen Verhältnis aller Zwecke und aller zweckgerichteten Künste zueinander.

Robert Spaemann/Reinhard Löw: Natürliche Ziele. Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Stuttgart 2005.

1 Kommentar:

Mcp hat gesagt…

Wusste gar nicht das Spaemann Neuplatoniker ist. Oder ist das nur ein Versatzstück?

Na egal. Ach der Plato! Wurde für seinen Versuch in Syrakus einen Idealstaat zu errichten fast gelyncht, so erbost war der Mob ob seiner Experimente. Das „schöne Leben“ als ästetisches Gesamtkunstwerk ist eine reichlich akademische Vorstellung. Es gibt nur wenige Menschen, die das hinbekommen und einer von ihnen war ausgerechnet der Schüler von Aristoteles: Alexander der Große.

Der Vergleich der beiden Philosophen im Praktischen fällt also ziemlich eindeutig aus, so das ich Aristoteles, in Anlehnung an eine uralte kirchliche Tradition, einfach „den Philosophen“ nenne, so als hätte es vor ihm und nach ihm keine Philosophie gegeben. In gewisser Weise stimmt das auch.

Wie dem auch sei, der Philosoph sagt, dass ein Mensch nur das mit Hingabe und Aufopferung tut, zu dem er geboren wurde. Geboren wird jeder Mensch mit nur ihm eigenen Begabungen und Talenten. Daraus erwächst seine Pflicht alles dafür zu tun, diese Gottesgaben auszuentwickeln, vom einfachen Handwerk bis zur vollendeten Kunst. Aber auch sein Recht vom Gemeinwesen zu verlangen, dass man ihm die Möglichkeit dazu gewährt.

Der Zweiklang von Pflichten und Rechten spiegelt das Wechselspiel zwischen Individuum und Gemeinschaft wieder, bei der beide profitieren. Denn Talente und Begabungen wegzuwerfen, kann sich kein Staat, welcher auf Dauer überleben will, leisten.

Es gibt kein Recht ohne Pflicht und umgekehrt. Das moderne Ego wird es auf die harte Tour begreifen lernen.