Diese jetzt sterbende Epoche wurde vor 500 Jahren eingeleitet durch ein neues Ich-Gefühl: aus dem demütigen Geschöpfe Gottes wird der Herr der Schöpfung. Mit faustischem Drange durchpflügt er die Weltmeere, entdeckt neues Land, hebt die Schätze der Erde, findet Naturgesetze, macht sich die Naturkräfte untertan. In rasendem Zeitmaße verändert die Erdoberfläche besonders in den letzten 150 Jahren ihr Aussehen, ein neuer technischer Zustand hebt an, grundverschieden von dem, wie er mehrere Jahrtausende hindurch bestand. Der Sinn des Lebens tritt zurück hinter der Suche nach den letzten Ursachen allen Lebens; die gedankliche Abstraktion feiert ihre Triumphe, entfernt den Menschen von der Natur und erweckt in ihm den Glauben an eine Zeit, da er willkürlich sein Schicksal gestalten könne ... .Diese geistige Verfassung des modernen Menschen beeinflußt auch seine gesellschaftliche. Das Gefühl für Unter- und Überordnung, für Rang und Wert, in Zeiten innerlichen Zusammenhangs mit Gott und der Natur, demütig als richtungsweisend empfunden, weicht illusionärem und souveränem Verachten der ewigen Grundtatsachen allen menschlichen Seins: Die Menschen werden "gleich", sie werden "gut", sie "bestimmen ihr Schicksal selber". Der metaphysische Trieb pervertiert ins Diesseitige, die gewaltige Epoche der Säkularisation bricht an, gipfelnd in der modernen Massendemokratie, dem größtmöglichen Glück aller. Die Persönlichkeit, jener einzig mögliche Ausdruck des göttlichen Funkens im Menschen, wird gefesselt oder erstickt vom platten Wohlsein der Masse, das zum sturen Idol einer naturfremden und gottverlassenen Menschheit wird. Das geht so lange, bis die letzten metaphysischen Stützen, Erbstücke des christlichen Mittelalters, im sozialen Gebüde der abendländischen Menschheit morsch werden und zerbrechen. Damit fällt das ordnende Prinzip, das immer metaphysischer Herkunft ist, schlechthin. Die ganze aus Vernunft und Vorteil mechanisch konstruierte "Ordnung" ... zerreißt. Im Weltkrieg vernichtete sich die sinnlos aufgespeicherte Materie, so wie das jetzt sinnlos aufgespeicherte Gold die Fäden der Weltwirtschaft zerschneidet. Mit den Massenheeren, die in Materialschlachten zusammengetrommelt werden, wird der Gedanke der Demokratie ad absurdum geführt. Die soziale Ordnung, jener künstliche Ersatz der Nächstenliebe, begeht Selbstmord, indem sie die schaffende Wirtschaft lähmt und mühsam erarbeitete Güter unproduktiv verzehrt. Die gewaltigen Kollektivorganisationen, seien sie kapitalistischer oder - was dasselbe ist - gewerkschaftlicher Art, verfallen in Ohnmacht. Sie verfügen über keine schöpferische Kraft mehr, ihre Eigengesetze werden aufgehoben durch die Macht der natürlichen Entwicklung, die nur meistern kann, wer als schöpferische Persönlichkeit in Demut ausführt, was der geschichtliche Augenblick erheischt. Der "Kapitalismus", jenes mechanische Wirtschaftssystem, welches seine Gesetze statt vom Menschen vom Geld erhält, bricht zusammen. Die Demokratie gräbt sich ihr eigenes Grab. Das soziale Massenglück schlägt um in Massenelend. Der menschliche Übermut der Gottlosen rächt sich in einem wüsten Aberglauben, der die Menschen zu Wunderdoktoren und zu Moskauer Apsoteln treibt. Die Freiheit versackt in seelischer Versklavung und Herrschaft des Polizeiknüppels. Die rohe Gewalt des Versailler Friedensdiktates, verbrämt von ewigen Friedensreden wirkt gewitterbildend und läßt den baldigen Kampf Aller gegen Alle ahnen.
Edgar Julius Jung: Deutschland und die konservative Revolution. In: Deutsche über Deutschland. 1932















