Was gibt ihnen das Recht, Ihre Voraussetzungen und Ausgangsprinzipien, die nicht gerechtfertigt oder weiterentwickelt werden müssen, für unzweifelhaft und unsere Voraussetzungen und Ausgangsprinzipien für offenkundig unsinnig und schon auf ewig widerlegt zu halten? Denn wir wissen allzu gut, dass ihre einzige Festung der common sense und Ihr einziger Beweis der fanatische Glaube an die Souveränität, Endgültigkeit und Göttlichkeit des common sense ist. Und ich rufe sie im Namen der Vernunft und ihrer tausendjährigen Tradition zur Überprüfung der Kompetenz des common sense, zur kritischen Ausmerzung seiner überzogenen und frechen Anmaßungen auf. Meine Herren, Sie haben die Vernunft, die große, objektive Vernunft mit dem common sense, dem kleinen, subjektiven Verstand, dem menschlichen Teufelchen, vermischt, und deshalb sind Sie so selbstzufrieden, deshalb zweifeln sie an nichts, deshalb verachten sie alles, was sie nicht verstehen. Die Vernunft hat ihre heilige Schrift, ihre großen Bücher und großen Namen. Aber wo ist die heilige Schrift des common sense, wo sind die großen Bücher, die diese Festung errichtet haben, wo sind die Genies des common sense? Sie erwecken immerzu den Anschein, dass hinter Ihnen eine heilige Schrift stehe, dass Titanen Sie auf ihren Schultern tragen und deshalb erachten Sie sich von jeder wirklichen Begründung oder Widerlegung entbunden. Aber hinter Ihnen steht nur eine einzige Kraft - die Hypothese der Alltäglichkeit, die sinnlose Faktizität, ein Konglomerat alltäglicher, kleiner Eindrücke, eine Pausbäckigkeit, die das Nächste, das Nächstliegende anschaut und vom Gesehenen so überwältigt ist, dass sie blind für das Fernere und Tiefere bleibt.Nikolaj Berdjajew: "Vernunft und common sense." In: "Sub specie aeternitatis. Philosophische, soziale und literarische Essays."

