Freitag, 25. März 2011

Welchen Nerv der Zeit trifft Margot Käßmann?

NÜRNBERG - Wer so geliebt, wer so verehrt wird, der braucht eigentlich kein Amt. Donnerstag, Werktag, nachmittags um drei: Die Lorenzkirche ist voll. 800 Karten wurden im Vorverkauf abgegeben. Restkarten? Fehlanzeige. In der Alpha-Buchhandlung hatte eine Frau sogar mit dem Kirchenaustritt gedroht, sollte sie keine Karte bekommen.

Vergebens. Schon zwei Stunden vorher wurde die Kirche geschlossen, damit kein Besucher einfach sitzenbleibt. Es hat auch keinen Zweck, heißt es, sich draußen anzustellen, um vielleicht noch einen Platz auf dem harten Boden im Gang zu erhaschen – so wie das auf Kirchentagen üblich ist, wenn sie kommt. So war es schon, als sie noch in Amt und Würden war. Als Landesbischöfin, als Ratsvorsitzende der EKD, als Deutschlands oberste Protestantin. Das ist sie längst nicht mehr, seit dieser einen Autofahrt im Februar 2010. Doch den Menschen, die zu ihr strömen, geht es nicht darum, was sie ist. Sondern allein darum, wer sie ist: Margot Käßmann, (geistlicher) Superstar.
Man wundert sich. Neben dem üblichen, etwas herablassenden Hochziehen der Augenbrauen über solche "Ereignisse", muss man sich aber vielleicht auch mal fragen, welchen Nerv der Zeit Fr.Käßmann denn nun eigentlich trifft, dass sie derart umjubelt wird. Mir ist das unklar. Oder ist es doch vor allem ihre mediale Bekanntheit?

Kommentare:

Harki hat gesagt…

Der Dalai Lama*. Drewermann. Käßmann.

Man muß sich wohl einfach eingestehen, daß es ein Milieu nicht unerheblicher Größe gibt, in dem derlei Leute verdammt gut ankommen, auch wenn einem rätselhaft ist, warum.

*) Damit meine ich den Lebensweißheits-Sprüche-Klopfer, nicht den Politiker.

Johannes hat gesagt…

Kaßmann ist die Ikone der Betroffenheitskultur. Sie schreibt und spricht stets im Ich-Modus, Ich als Betroffene, als von Scheidung Betroffene, als von Krebs Betroffene, als von einer Trunkenheitsfahrt Betroffene, als von Rücktritt Betroffene. So findet sie als Betroffene stets Beifall von Betroffenen und spendet ihnen Trost. Seht doch, so ihre Botschaft, ich bin nicht anders als Ihr von Krankheit, Scheidung, Trunksucht, Verlust des Arbeitsplatzes Betroffene. Ich tue mir so recht von Herzen leid, und bin doch gänzlich schuldlos an meiner Betroffenheit, den genau das ist der Clou der Betroffenheitskultur, nichts aber auch rein gar nichts hat diese Betroffenheit mit Schuld, Sühne, Versagen, mit dem Leben im Jammertal zu tun, es genügt, betroffen zu sein. Sein Leben ändern muß niemand. Rauschender Beifall, Millionen von begeisterten Anhängern. Glaube als autoerotische Selbstbefriedigung.

Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? Nein, man kann tiefer fallen. In das Reich des ewigen Todes. In die Hölle.

Harki hat gesagt…

"Käßmann ist die Ikone der Betroffenheitskultur."

Nun, da mag ja durchaus etwas dran sein. Personalisierung ist sicher oft ein Schlüssel zu Popularität, siehe zum Beispiel auch Guttenberg.

Nur war die erste namhaft gemachte Sache im Jahre 2006 (Krebs), die zweite 2007 (Scheidung), der Rest steht im Zusammenhang mit ihrer Trunkenheitsfahrt 2010.

Mithin kann das kaum die immense Popularität von Frau Käßmann - schon lange vor 2006 - bei der großen Mehrheit der evangelischen Christen (und ihre entsprechende Verhaßtheit bei den rechten Außenseitern) erklären, scheint mir...

Daß sie - wie Mixa - Alkoholikerin sei, scheint mir angesichts nur einer nachgewiesenen Trunkenheitsfahrt nicht sicher behauptbar.

Johannes hat gesagt…

Käßmann punktet sicher mit ihrer Christentum-Lightlehre, in der weder von Erlösung, noch von Christi Hingabe die Rede ist. Da ist nichts von Verbindlichkeit und von irgendeiner Notwendigkeit in Sachen Lebensführung. Alles gut! Betroffenheit und Heiligkeit sind identisch, mehr braucht es nicht. Das kommt an und garantiert Applaus.

Nikodemus hat gesagt…

Dass Käßmann alkoholabhängig ist, glaube ich nicht.

Was mir im Kopf rumgeht - Käßmann gilt bei den Leuten als eine der ihren, aber man billigt ihr dennoch persönliche Autorität zu. Das zeigt zum einen, dass es Amtsautorität in der Öffentlichkeit kaum noch gibt. Zum anderen lebt Käßmann dabei natürlich auch davon, dass sie den Leuten weitgehend sagt, was sie gerne hören.
Warum laufen die Leute zu Margot Käßmann? Beziehungsweise: Wie könnten wir (Kathos) eine Antwort auf das, was diese Menschen bewegt geben, die sie auch verstehen und annehmen. Mit reiner Kulturkritik ist es nicht getan.

Dorothea hat gesagt…

Ich denke wenn man nicht Christentum light ohne Hölle, Teufel, Fegefeuer und Eigenverantwortung anbieten will kann man mit Frau Käßmann nicht konkurrieren.

Harki hat gesagt…

Entschuldigung, bitte, was ich jetzt zu schreiben gedenke, ist wirklich Quatsch. :-)

Mir schießt gerade durch den Kopf, daß man das Wort "Trunkenheitsfahrt" vielleicht durch "Suffahrt" ersetzen sollte. Als Stellungnahme für die alte Rechtschreibung einerseits, als Parallelbildung zur "Hoffart" andererseits.

Warner hat gesagt…

Johannes hat es sehr treffend ausgedrückt.
In der "Phänomenologie des Geistes" spricht Hegel vom "selbstbewußten Geist", der über das substantielle Leben hinausgegangen ist in das andere Extrem der substanzlosen Reflexion seiner in sich selbst. Sein (des modernen Menschen) wesentliches Leben ist ihm nicht nur verloren, er ist auch dieses Verlustes, und der Endlichkeit, die sein Inhalt ist, bewußt.
Von den Treibern sich wegwendend, daß er im Argen liegt, bekennend und darauf schmähend, verlangt er nun (von der Philosophie) nicht sowohl das Wissen dessen, was er ist, als zur Herstellung jener Substantialität und der Gediegenheit des Seins erst wieder durch sie zu gelangen. Diesem Bedürfnisse soll sie also nicht so sehr die Verschlossenheit der Substanz aufschließen, ... als vielmehr die Sonderungen des Gedankens zusammenschütten, den unterscheidenden Begriff unterdrücken und das Gefühl des Wesens herstellen, nicht sowohl Einsicht als Erbauung gewähren. Das Schöne, Heilige, Ewige, die Religion und Liebe sind der Köder, der gefordert wird, um die Lust zum Anbeißen zu erwecken, nicht der Begriff, sondern die Ekstase, nicht die kalt fortschreitende Notwendigkeit der Sache, sondern die gärende Begeisterung soll die Haltung und fortleitende Ausbreitung des Reichtums der Substanz sein.
zitiert aus:
Hegel: Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp 1973, S. 15f.