Samstag, 16. April 2011

Romano Guardini: Die Unwirklichkeit des Reiches Gottes

Was macht das alles so schwer? Daß unser Herz an Dingen und Menschen hängt, daß wir uns in uns selber behaupten - gewiß; aber das sagt noch nicht alles. Viel schlimmer ist, daß wir im Grunde gar nicht richtig wissen, wofür wir hergeben sollen. Der Verstand "weiß" es vielleicht, hat es gehört oder gelesen; aber das Herz weiß es nicht. Der innere Sinn versteht nicht. Der Wurzel des Lebens ist es fremd. Geben ist ja gar nicht so schwer, ich muss nur wissen wofür. Nicht um Vorteil zu haben, sondern weil ich einen wirklichen Wert doch nur um eines höheren Wertes willen loslassen kann; den muß ich aber fühlen. Und läge der Wert auch nur in der Großmut des Lassens selber - dann muss ich eben fühlen, dass das Lassen herrlich ist. Darum stehen ja die Worte vom "Schatz" [im Acker] und der "Perle" [des Kaufmanns] da! Sobald das Gold vor mir liegt ist es nicht mehr schwer, Haus und Gerät herzugeben; aber ich muß es sehen. Sobald mir die Perle hingehalten wird kann ich alles dafür verkaufen; aber sie muß wirklich vor mir schimmern. Ich soll die Dinge des Daseins für das "Andere" hergeben - aber Dinge und Menschen berühren mich, durchmächtigen mich; das Andere hingegen ist für mein Gefühl unwirklich! Wie kann ich die Mächtigkeit der Welt um eines Schattens willen hergeben?
Dass das Reich Gottes kostbar ist wird mir gesagt, aber ich empfinde es nicht. Was hilft es dem Kaufmann, wenn ihm einer erzählt: Da und da ist eine wunderbare Perle; gib dafür, was du hast? Er muß sie sehen. Daß wir das Schimmern der Perle nicht sehen, daß wir von der Kostbarkeit dessen, was in Christus kommt, nicht innerlich erfaßt sind - das ist das Unglück! Wie sollen wir den Kampf führen, wenn auf der einen Seite "die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit" (Mt 4,8) stehen, auf der anderen Seite aber eine matte Unbestimmtheit?

aus: Romano Guradini: Der Herr.


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