Montag, 27. Juni 2011

Romano Guardini: Das Opfer

Was bedeutet das Opfer? In ihm bringt der Mensch etwas, was ihm gehört und ihm wertvoll ist - die Gabe soll fehlerfrei sein - dar. Er gibt es weg; gibt es Gott. Es soll Gott gehören. Damit dieses Nicht-mehr-gehören und Gott-gehören zum Ausdruck komme, wird die Gabe zerstört; der Trank, den der Mensch selbst trinken könnte, wird auf die Erde gegossen; die Erstlinge der Ernte werden verbrannt, das Tier wird getötet, vom Feuer verzehrt und so gleichsam hinübergebracht ... Man wird einwenden, was denn Gott mit solchen Gaben solle? Alles, was es gibt, sei doch von ihm geschaffen und gehöre ihm; im übrigen bedürfe Gott keines endlichen Dinges. ... Das ist wahr und wird von den Propheten selbst betont. Die Gabe in sich ist vor Gott nichts. Aber die gegebene, von der Gesinnung des Opfers erfüllte Gabe? Diese Gesinnung bedeutet Anbetung, Dank, Bitte, Reue, Lobpreis. Sie bekennt den Herrn, der über alles herrscht; den Anfang, aus dem alles kommt; das Ende, zu dem alles geht. Sie bekennt, handelnd und entsagend, dass Gott Gott ist. ... Die Gesinnung des Opfers sagt: Eigentlich seiend ist Gott, das Geschaffene nur von seinen Gnaden. So soll er auch der sein, der herrscht. Die Dinge sollen zurücktreten und ihm Raum lassen, damit seine Majestät hervortrete. Es ist die Gesinnung, die sich im Wort der Apokalypse ausspricht: "Dein ist die Danksagung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht" (Offb 5,13). Hinter den Gaben aber steht etwas Anderes, der Mensch selbst. Das Bewußtsein, daß der Mensch Gott gehöre, hat in der Geschichte einen furchtbaren Ausdruck gefunden: im Menschenopfer. Darin hat sich die reine Wahrheit höllisch verkehrt; dennoch ist sie da. Das Opfer spricht: "Nicht ich, Mensch, sondern Du, Gott!" Im Opfer löscht der Mensch sich gleichsam aus, damit Gott alles sei. Das drückt sich in jener Vernichtung aus. Aber es ist keine Vernichtung einfachhin, sondern ein Hinübergang zu Gott. Die Verbennung bedeutet, daß die Gabe in den Besitz Gottes hinübergetragen wird. Im Tiefsten meint das Opfer den Hinübergang in das Leben Gottes durch den Verzicht auf das Leben hier.
aus: Romano Guardini: Der Herr.

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