Dienstag, 26. Juli 2011

Günter Rohrmoser: Konservativismus und Liberalismus

Der norwegische Attentäter Anders Breivik hat sich als konservativ und christlich dargestellt. Seine angeblich christliche Haltung dürfte er durch seine Taten widerlegt haben. Hier besteht kein Klärungsbedarf.
Etwas anderes bezüglich des Attributes: "konservativ". Daher eine kurze Darlegung zum Konservatismus von Günter Rohrmoser. Es geht dabei besonders um das Verhältnis von Konservatismus und Liberalismus (oder "Konservativismus", wie Rohrmoser selbst ihn nennt).

Die einzige Alternative zu dieser Entwicklung, in der eine zunehmend von Krisen geschwächter Liberalismus alleine den wachsenden neuen totalitären Gefahren gegenübersteht, ist, daß wir imstande sein müssen, einen modernen, über sich selbst aufgeklärten und mit sich selbst kritisch umgehenden Konservativismus hervorzubringen. Entwicklen wir diese konservative Kraft nicht, bleibt in der gegenwärtigen Lage als Alternative zur liberalen Ideologie nur eine neue Rechte [*g*] und möglicherweise ein neuer Faschismus übrig. Wer diese Entwicklung nicht will, muß eigentlich für einen solchen erneuerungsfähigen, über sich selbst aufgeklärten, selbstkritischen und den geschichtlichen Herausforderungen angemessenen Konservativismus eintreten. (...)
Dieser Konservativismus darf nicht den Fehler machen, den die Konservativen in den zwanziger Jahren gemacht haben, sich in einen blinden Antiliberalismus zu verrennen. Eine moderne Gesellschaft ist ohne Liberalismus überhaupt nicht existenz- und funktionsfähig. Ohne den Apell an die privaten und persönlichen Initiativen, ohne das Offenhalten des gesellschaftlichen Prozesses ist es unmöglich, aus gemachten Fehlern Konsequenzen zu ziehen, und ohne dies kann eine moderne Gesellschaft nicht überleben. (...) Keiner von uns wäre bereit, ohne die Freiheiten, die alleine der Liberalismus zu gewähren wagt, auch nur einen Tag zu leben. (...) Der klassische Liberalismus ist einer der großen Fortschritte und echten Errungenschaften der modernen Welt.
Problematisch wird der Liberalismus erst, um es auf eine einfache Formel zu bringen, wenn er libertär geworden ist und deshalb die Fähigkeit verloren hat, mit geschichtlichen Krisen fertig zu werden. Eine Gesellschaft, in der der Liberalismus den Charakter einer ideologischen Hegemonialmacht angenommen hat, ist nicht fähig, Krisenlagen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der Liberalismus braucht als korrigierende, ihn ständig an die Wirklichkeit erinnernde Gegenmacht einen vernünftigen, über sich selbst aufgeklärten Konservativismus. Ein Liberalismus, der dieses Korrektiv verneint, schafft sich selbst ab, weil er in liberalem Überschwang all die Kräfte, Werte und Güter verneint, deren er bedarf, um den Sinn einer liberalen Philosophie überhaupt zu begründen. Die größte Heimsuchung der Liberalen ist, daß sie die Neigung haben, dem Brandstifter das eigene Haus zu öffnen. Das ist eine große Einsicht des Schweizer Dichters Max Frisch. Deshalb braucht der Liberalismus als Gegenhalt einen ihm auch geistig gewachsenen Konservativismus.
(es folgt: Konservativismus und Christentum)
Aus: Günter Rohrmoser: Deutschland am Wendepunkt. Umkehr oder Niedergang. Gesellschaft für Kulturwissenschaft.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Danke für das Zitat. Ich habe mir erlaubt zu verlinken.

Harki hat gesagt…

Eine ganz kurze Anmerkung zum Begriff Konservativismus (mit "vi"): Konservatismus (ohne "vi") wurde noch vor so dreißig Jahren als Anglizismus empfunden - was es wohl ursprünglich auch war und was man als Konservativer natürlich nicht unbedingt mochte.

Und nun verbeiße ich mir einen nerdigen Witz zum vi.

Harki hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Nikodemus hat gesagt…

Danke Harki für die Aufklärung wg. Konservativismus. Ich habe das Wort so noch nie bewußt wahrgenommen. An Le Penseur danke für die Verlinkung!