Freitag, 7. Januar 2011

Prof. Hubert Windisch zu Ökumene, Selbstreferentialität und Einheit der Christen

Zum anderen muss man leider feststellen, dass in der katholischen Kirche vor allem auf Leitungsebene eine ökumenische Befangenheit eingekehrt ist, die sich hauptsächlich in ökumenischer Betulichkeit ergeht und weder die Wirklichkeit der Gläubigen noch die wirklichen Fragen des Glaubens in den Blick bekommt. (...) Und man muss leider auch feststellen, dass dieser nicht nur katholischen Befangenheit über alle Konfessionen hinweg ein Konsens – eine Art negativer Ökumene – zugrundeliegt, der primär auf die Selbsterhaltung der Kirchen als Apparate und Organisationen achtet. Die Kirchen neigen als soziokulturelle Systeme – wie alle innerweltlichen Systeme auch – dazu, selbstreferenzielle Systeme zu werden. Es geht um sie selbst, um ihre Strukturen, ihr Personal, ihr Geld. Wohlweislich ist man deshalb über konfessionelle Grenzen hinweg darauf bedacht, sich bei dieser Selbsterhaltung gegenseitig nicht wehzutun. Immer aber, wenn Selbsterhaltung vorrangig wird, ist die Kirche bereit, sich den Vorstellungen der Zeit und den jeweiligen politischen Machthabern, ja sogar einer wie auch immer gearteten Politischen Korrektheit zu unterwerfen. Man meint dann, wichtig zu sein aufgrund von Anpassung, obwohl man gerade deshalb deutlich spüren kann, dass man in unserer Gesellschaft als Kirche zunehmend als eine Größe gebraucht wird, die man eigentlich nicht mehr braucht. Wichtigtuerei gegenüber Staat und Gesellschaft nach dem Motto „nützt du mir, nütz’ ich dir“ ist die Folge. Dem Geld des Staates für kirchliches Vielerlei korrespondiert dann der kirchliche Segen für staatliches Allerlei. Das Pfarrdienstgesetz mit der darin aufscheinenden Sexualethik ist nur ein Symptom für eine tiefere Versündigung.
Leicht vergisst man freilich so den Auftrag zu kritischer Zeitgenossenschaft gegenüber Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die weder der Verherrlichung Gottes noch dem Wohl der Menschen dienen. Nun sind immer mehr Gläubige in allen Konfessionen mit diesen Vorgängen unzufrieden. Ein Riss geht quer durch die christlichen Konfessionen. Dieser Riss ist als heilsamer Riss zu verstehen und fruchtbar zu machen. Denn längst schon verlaufen die Scheidungslinien in grundsätzlichen ethischen und auch dogmatischen Fragen nicht mehr konfessionell gebunden innerhalb der Konfessionen selbst. Wir haben diesbezüglich de facto eine neue Art von überkonfessioneller Kirchenspaltung, die nur noch eines mutigen de-jure-Zustandes harrt. Dies wahrzunehmen und auch anzuerkennen, würde eine ganz neue Einheit der Christen entstehen lassen, die sicherlich auch noch bestehende sperrige Unterschiede jenseits ökumenischer Gags verschwinden ließe.

Quelle auf kath.net

Prof. Windisch scheint einer der wenigen Pastoraltheologen zu sein, die sich ein klares katholisches Profil bewahrt haben. Während mir der Anlaß seines Einspruchs - das Pfarrdienstgesetz der EKD - nicht viel bedeutet, so finde ich seine Darstellung der kirchlichen Realität doch sehr wichtig. Versklavung unter die Statistik, hechlen nach besseren Zahlen und positiver Darstellung in dem Medien beherrschen - leider oft schon angefangen auf Pfarreiebene bis hoch in Bistumsleitungen - das Bild. Zum Glück aber nicht überall. Die Kirche in Deutschland wird sich in dem Maß erholen, in dem sie das Evangelium, die unverkürzte Botschaft von der Freundschaft mit Gott und der Erlösung wieder, in den Mittelpunkt rückt.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Joseph Ratzinger: Der Weg der drei Magier

Die Magier hatten wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass der neue König im Könighaus geboren würde; sie hatten wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass er, der die Weisheit und die Quelle alles Erkennens ist, bei den Gelehrten zu finden sei. Aber nun mußten sie feststellen, dass sie dort zwar Auskunft, aber nicht den Neugeborenen selbst fanden. Sie mußten erkennen, dass Gott ganz anders ist, daß er grade nicht in der Macht dieser Welt ist und auch nicht einfach in der Wissenschaft, auch nicht einfach in der Theologie da ist und sich greifen läßt. Sie mussten erkennen, dass die Macht, auch die Macht des Wissens, ihm im Gegenteil oft viel eher den Zugang versperrt. Sie mußten umdenken, umlernen, ihr Sein selbst verwandeln lassen. Sie mußten hinausgehen in die kleine Stadt, die ehedem eine der geringsten gewesen war, aber nun für alle Zeit nicht mehr die geringste ist: nach Betlehem. Sie mußten erkennen, dass die Maßstäbe Gottes ganz anders sind, daß er sich nicht in der Macht dieser Welt zeigt, sondern auf eine ganz andere Weise uns anführt: in der Demut seiner Liebe, die unsere Freiheit bitten kann, ihn anzunehmen, und so uns umwandelt und gottfähig werden läßt.
Auch uns geht es nicht anders als jenen Männern. Wenn wir ausdenken müßten, wie Gott die Welt hätte erlösen sollen, dann würden wir sagen: Er hätte mit großer Macht alles Gegenwärtige niderwerfen müssen, und er hätte mit großer wissenschaftlicher Präzision die richtige Weltwirtschaft einführen müssen, damit alle alles das haben, was sie sich wünschen. Das ist unser Denken. In Wirklichkeit wäre dies eine Vergewaltigung des Menschen und eine Entfremdung, weil so grade das Tiefste in ihm abstirbt. Denn dann wäre unsere Freiheit nicht gefragt und unsere Liebe nicht. Darum muß Gottes Macht sich anders zeigen: in Betlehem, in der demütigen Ohnmacht seiner Liebe.

Aus: Ratzinger, Joseph: Weihnachtspredigten. 1998.