Wer ist doch dieser Gott, der nicht die Macht zu haben scheint, seinem Sohn die Aufnahme zu verschaffen, die Er braucht? Welch seltsam beunruhigender Eindruck von Schwäche ... Welch böse, zähe Kraft in dem Ding, "Welt" geheißen, daß es im Stande ist, sich gegen den Ruf Gottes zu verhärten, und den Gottesboten kaltblütig zu erledigen!Was ist das doch für ein Gott, der davor schweigt? Wir leben in einer solchen Gedankenlosigkeit, daß wir das Unerhörte gar nicht mehr fühlen. Wie denken denn die Menschen, daß es zugeht, wenn Göttliches erscheint? Die Mythen reden vom machtvollen, strahlendem Hervorbrechen. Buddha ist wohl Asket, aber er thront in überköniglichem Ansehen. Lao-tse ist ein göttlich verehrter Weiser. Mohammed zieht erobernd vor seinen Heeren durch die Welt. Hier aber wird Gott selbst Mensch. Er hat also, um so zu reden, ein göttlich-ernstes Interesse an dieser Menschenexistenz. Seine Ehre ist mit ihr im Spiel, hinter seinem Ernst steht seine Macht - und alles geht so! Die ganze Führung des Alten Testamentes auf den Messias hin bringt als Endergebnis diese Verhärtung des Volkes und dieses Schicksal des Gottgesandten ... Was ist doch Gott, wenn seinem Sohne das widerfährt?
Hier fühlen wir wohl das Andersartige des Christlichen! Jene anderen "Göttlichkeiten" waren Mächte von dieser Welt, und die Welt erkennt und liebt, was von ihr ist. Hier kommt wirklich etwas von anderswoher - da antwortet sie anders! So ahnen wir auch, was es heißen muß, Christ zu sein: ein Verhältnis zu jenem Gott des Geheimnisses zu haben; mitten in der Welt, die ist, wie sie ist. Das muß ein Fremdwerden in der Welt bedeuten, um so größer, je vertrauter man mit diesem Gott wird. Und nicht wahr, "Welt" bedeutet nicht nur das um uns herum! Welt sind auch wir selbst. Uns selbst ist das in uns fremd, was mit diesem Gott vertraut ist. Und wir haben alle Veranlassung zu der christlichen Furcht, es möchte sich in uns wiederholen, was damals geschah; der zweite Sündenfall: daß wir uns vor Gott verschließen.
aus: Romano Guardini: Der Herr. Über Leben und Person Jesu Christi. 1949.

