Mittwoch, 27. Juli 2011

Günter Rohrmoser: Konservativismus - Christentum - Nihilismus

Schließlich muß dieser Konservativismus sein Verhältnis zur Religion, das heißt konkret zum Christentum, überprüfen. (...) Die Gründe, die einen Menschen heute an der Erhaltung der Welt interessiert sein lassen können, sind aus dem Zustand dieser Welt nicht mehr zu entwicklen. Wenn wir uns das ungeheure Maß an Verbrechen und Perversionen ansehen, leiten sich aus diesem Bild kaum Gründe ab, die für das Erhalten und Bewahren sprechen. Ein neuer Konservativismus wird daher ohne religiöse, das heißt konkret christliche Grundlagen nicht human sein und bleiben können. Das ist eine Einsicht, die durch die großen Erfahrungen unseres [20.] Jahrhunderts gestützt wird. Die große Sinnleere, die ständig aus der einseitigen Logik der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht, hat in regelmäßigen Abständen politische Bewegungen hervorgerufen, die den Verlauf der Geschichte geändert haben. (...) Die sich heute darstellenden Rechten und Rechtsextremisten partizipieren an der gleichen Wurzel des Nihilismus, aus der in den zwanziger Jahren auch der Nationalsozialismus entstanden ist. Die polemische Gleichsetzung dieser Kräfte mit dem Nationalsozialismus ist sicher oberflächlich und interessenbedingt, aber sie haben doch an der gleichen Wurzel des Nihilismus teil, die sich heute in breiten Schichten unserer Gesellschaft ausweitet und aus der bereits der Nationalsozialismus entstanden ist.
Die Schlußfolgerung ist eine einfache. Der letzte, ausschlaggebende Grund des gegenwärtig drohenden Niedergangs der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Nihilismus. Wer die Frage nach seinen Ursachen stellt, wird nicht an der Rolle vorbeikommen, die eine bestimmte, stark anarchistisch-nihilistisch geprägte neomarxistische Philosophie in Deutschland gespielt hat. Die Situation, in der sich diese Philosophie durchsetzen konnte, war duch die Gesellschaft selber verursacht worden. Sie konnte auf die Frage nach ihrem Sinn und nach den Zielen, die sie geschichtlich erstrebt, keine Antwort mehr geben. Es schien so, als erschöpfte sie sich in Konsum, Technik und Hedonismus als letzten Zwecke, die ihr übrig geblieben waren.
Wenn eine solche Lage eintritt, wie sie auch heute wieder eingetreten ist, hat die bürgerliche Gesellschaft aus sich selbst nicht mehr die geistige und moralische Kraft, sich um ihre eigene Zukunft und die Grundlagen ihrer eigenen Legitimität zu bemühen. Sie ist dann innerlich am Ende.

Günter Rohrmoser: Deutschland am Wendepunkt. Umkehr oder Niedergang. Gesellschaft für Kulutrwissenschaft.

Dienstag, 26. Juli 2011

Günter Rohrmoser: Konservativismus und Liberalismus

Der norwegische Attentäter Anders Breivik hat sich als konservativ und christlich dargestellt. Seine angeblich christliche Haltung dürfte er durch seine Taten widerlegt haben. Hier besteht kein Klärungsbedarf.
Etwas anderes bezüglich des Attributes: "konservativ". Daher eine kurze Darlegung zum Konservatismus von Günter Rohrmoser. Es geht dabei besonders um das Verhältnis von Konservatismus und Liberalismus (oder "Konservativismus", wie Rohrmoser selbst ihn nennt).

Die einzige Alternative zu dieser Entwicklung, in der eine zunehmend von Krisen geschwächter Liberalismus alleine den wachsenden neuen totalitären Gefahren gegenübersteht, ist, daß wir imstande sein müssen, einen modernen, über sich selbst aufgeklärten und mit sich selbst kritisch umgehenden Konservativismus hervorzubringen. Entwicklen wir diese konservative Kraft nicht, bleibt in der gegenwärtigen Lage als Alternative zur liberalen Ideologie nur eine neue Rechte [*g*] und möglicherweise ein neuer Faschismus übrig. Wer diese Entwicklung nicht will, muß eigentlich für einen solchen erneuerungsfähigen, über sich selbst aufgeklärten, selbstkritischen und den geschichtlichen Herausforderungen angemessenen Konservativismus eintreten. (...)
Dieser Konservativismus darf nicht den Fehler machen, den die Konservativen in den zwanziger Jahren gemacht haben, sich in einen blinden Antiliberalismus zu verrennen. Eine moderne Gesellschaft ist ohne Liberalismus überhaupt nicht existenz- und funktionsfähig. Ohne den Apell an die privaten und persönlichen Initiativen, ohne das Offenhalten des gesellschaftlichen Prozesses ist es unmöglich, aus gemachten Fehlern Konsequenzen zu ziehen, und ohne dies kann eine moderne Gesellschaft nicht überleben. (...) Keiner von uns wäre bereit, ohne die Freiheiten, die alleine der Liberalismus zu gewähren wagt, auch nur einen Tag zu leben. (...) Der klassische Liberalismus ist einer der großen Fortschritte und echten Errungenschaften der modernen Welt.
Problematisch wird der Liberalismus erst, um es auf eine einfache Formel zu bringen, wenn er libertär geworden ist und deshalb die Fähigkeit verloren hat, mit geschichtlichen Krisen fertig zu werden. Eine Gesellschaft, in der der Liberalismus den Charakter einer ideologischen Hegemonialmacht angenommen hat, ist nicht fähig, Krisenlagen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der Liberalismus braucht als korrigierende, ihn ständig an die Wirklichkeit erinnernde Gegenmacht einen vernünftigen, über sich selbst aufgeklärten Konservativismus. Ein Liberalismus, der dieses Korrektiv verneint, schafft sich selbst ab, weil er in liberalem Überschwang all die Kräfte, Werte und Güter verneint, deren er bedarf, um den Sinn einer liberalen Philosophie überhaupt zu begründen. Die größte Heimsuchung der Liberalen ist, daß sie die Neigung haben, dem Brandstifter das eigene Haus zu öffnen. Das ist eine große Einsicht des Schweizer Dichters Max Frisch. Deshalb braucht der Liberalismus als Gegenhalt einen ihm auch geistig gewachsenen Konservativismus.
(es folgt: Konservativismus und Christentum)
Aus: Günter Rohrmoser: Deutschland am Wendepunkt. Umkehr oder Niedergang. Gesellschaft für Kulturwissenschaft.

Montag, 25. Juli 2011

Gedankensplitter zu Oslo / Utoya

1) Der Täter ist geisteskrank. Das schließt eine Bestrafung nicht aus, ist aber einfach so. Er kann die Realität offensichtlich nicht einschätzen.

2) Der politisierende Hintergrund der Tat seitens des Täters ist austauschbar.

3) Derartige Taten kommen in der Regel in besonders friedliebenden Gesellschaften vor, die sich gerne zur Massen-Idylle umgestalten wollen (so ähnlich bei einem früheren Amoklauf einmal Harki, entweder auf seinem Blog oder auf k2). Was sagt uns das? Ich weiß es auch nicht.

4) Wie kann man derartige Taten verhindern? Gar nicht. Alle Rädchen, an denen man drehen könnte, Waffenrecht/Sozialpädagogik, sind grade dort, wo diese Taten vorkommen, besonders weit aufgedreht. Sie wieder zudrehen ist allerdings auch keine Lösung. Nur liegt das Problem wohl anderswo.

5) Die Verwendung des Begriffs "Terror" ist inflationär. Breivik war kein Terrorist, er ist ein verrückter Massenmörder.

Das Problem ist nicht dies oder das, sondern der Mensch selbst. Das Böse schlummert in ihm und nachdem das Verhaltensmuster "Amoklauf", "Bombenanschlag" usw in der Welt ist, wird es nicht wieder verschwinden. Es wird immer Geisteskranke geben, die sich dessen bedienen. Bedauerlicherweise kommt es - etwas zugesptizt - daher wohl vor allem darauf an, wie man damit umgeht, weniger, wie es zu vermeiden wäre (es ist letztlich nicht mehr zu vermeiden). Mag sein, dass sich die Länder, in denen die Amokläufe vorkommen (Skandinavien, GB, Deutschland, USA), von manch anderem "rückständigem" Land da etwas abschauen könnten. Wohl weniger strukturell, sondern wenn, dann eher von der Geisteshaltung.

Samstag, 23. Juli 2011

Leopold Ziegler: Der Glaube

Alles in allem hat mithin der Glaube seine Ursache nicht darin, daß der von ihm Ergriffene in etwa günstiger ausgestattet oder reicher veranlagt wäre als der von ihm Unergriffene. So denken, hieße das an sich Unerklärbare, an sich Ursachlose, mit den Begriffen der Psychologie erklären und mit den Kategorien der Wissenschaft ergründen wollen; so denken hieße im Glauben lediglich ein "endogen psychisches Phänomen" unter andern Phänomenen erblicken, welches der Psychologe zergliedert und beschreibt, um ihm seine Stelle im Seelenhaushalt auszuweisen. Aber seiner ganzen Wesenheit und Grundbeschaffenheit nach ist der Glaube gar kein psychisches Phänomen sondern ein Einbruch der "noumenalen" Zone in die phänomenale, und in diesem Begriff geradezu die Überwindung der letzteren. Richtig erwogen, setzt der Glaube das Ereignis der Menschwerdung Gottes in einem andern Mittel und mit andern Mitteln fort, indem er diese Menschwerdung ins Bewußtsein des Gläubigen hebt und darin wiederholt und erneuert. Nicht eigentlich, "wer den Glauben hat", nein, wen der Glaube hat, wen der Glaube überkommt und übermächtigt, der wird die Paradoxie "dieses" Jesus Christus nicht länger als Paradoxie empfinden. Zwar "versteht" auch er nicht, erkennt, durchschaut, begreift auch er nicht, wieso ausgerechnet "dieser" Jesus Christus der menschgewordene Sohn ist. Daß dies jedoch sich in Wahrheit so verhält, daran setzt er ohne Zaudern sein Leben und seins Lebens Seligkeit, und ohne zu wissen wie, wird er sich täglich von neuem des im Evangelium bezeugten Herrn als Mensch werdung des Sohnes bewußt.

Leopold Ziegler: Überlieferung. Leipzig 1936.

Dienstag, 19. Juli 2011

Die Causa "Rechter Campus-Chefredakteur" oder: "Wer ist ultrarechtskonservativ?"

Es geht einem ja öfter so, dass man von Vorgängen hört, die einen eigentlich zum lachen reizen könnten, wenn sie nicht recht ernst wären.

Wer es nicht mitbekommen hat. Bei der Zeitschrift der Studierendenschaft der Bundeswehr-Uni in München wurde der Chefradakteur enttarnt - er sei "rechts". Mittlerweile hat ein Honorarprofessor (sowieso eine ziemlich merkwürdige Spezies, aber gut...) sogar die Wortneuschöpfung "ultrarechtskonservativ" ins Spiel gebracht (das kommende Wort des Jahres? Wer weiß ...). Wie auch immer - man zeigt sich betroffen, von der Uni-Rektorin bis zur SPD-Bundestagsfraktion. Mir ist noch nicht ganz klar geworden, über was - aber wer wird sich mit solchen Dingen wie Ursachen oder Begründungen abgeben? Das tun nur Kleingeister (wie ich). Es gibt nichts, was man dem jetzt land-auf land-ab vorgeführten Martin B. vorwerfen könnte. Es gab zwar in der von ihm verantworteten Bw-Uni-Zeitschrift einen kontroversen Artikel über die Integration von SoldatINNEN in die Bw, aber den Artikel wirft ihm niemand vor. Er war nur Anlaß, nicht Ursache.
Worum geht es also? Das übliche, ein bisschen Gesinnungsdiktatur (und Sommerloch). Ich will mich darüber gar nicht groß auslassen, kennen wir eh alle und wir müssen uns ja nicht dauernd gegenseitig selbst beklatschen.
Ich kenne den Martin - den fraglichen Finsterling - persönlich. Nicht weiter intensiv, wir sind uns einige male begegnet. Martin hat sich im Zuge dieser Sache gegenüber der Presse als "katholisch konservativ" bezeichnet. Das stimmt auch. Soweit ich ihn kenne ist er ein guter Katholik, nachdenklich und selbstkritisch. Wir hatten einige gute Gespräche über geistliche Fragen. Grade daher erscheint mir das. was sich da jetzt abspielt, vollkommen absurd. Da sind einigen Journalisten die Gehirnwindungen durchgegangen. Denen würde ich gern sagen: Kommt mal wieder auf den Boden. Seht euch mal an, was denn wirklich ist: Nämlich nichts. Die Sache ist ein reiner Selbstläufer.
Zum Schluß noch ... es ist sicher kein Spaß, wenn vom Bayerischen Rundfunk (übrigens dort ein selten dümmlicher Bericht), über die SZ (die in ihrer Haltung aber etwas schwankt) bis zur "Welt" die Massenmedien über einen herfallen, vor allem, wenn man - trotz achtenswerter publizistischer Tätigkeit - doch eher Normalbürger (in Uniform...) als Person der Zeitgeschichte ist. Ich denke, unter uns Katholiken sollte die Solidarität so groß sein, dass ein "Ave" für einen Mitbruder drin ist, der irgendwie unter die Räder gekommen ist. Der Hl.Mauritius oder gar der Hl.Martin selbst dürften sich auch für ihn einsetzen..

Wer sich ein Bild von der Sache machen will: hier.