Von einem unmittelbar religiösen Gesichtspunkt aus entsteht eine Gesamtordnung des Daseins im Kult. Dieser vollzieht im jeweiligen geschichtlichen Augenblick durch symbolische Formen immer neu das ewig gültige Heilsgeschehen.Seine architektonisch-raumhafte Gestalt ist der Bau der Kirche; vor allem jener des Bischofssitzes, der Kathedrale, welche zu den anderen Kirchen des Bistums in einem Verhältnis der Überordnung und Herleitung steht. Letztere breiten ihrerseits ihren Bedeutungsraum durch Friedhöfe, Kapellen, Wegkreuze usw. in den freien Raum aus und schaffen den Zusammenhang des geheiligten Landes. Was den Kirchenbau selbst angeht, so zeigt der Ritus seiner Weihe, daß er das Ganze der Welt symbolisiert. Aber auch innerhalb seiner ist alles, von der Richtung seiner Achse bis zum einzelnen Gerät, mit symbolischen Bedeutungen gesättigt, in denen Elementarbilder der Existenz mit solchen des Heilsgeschehens verschmelzen. Hinzu kommen die zahllosen figürlichen Darstellungen heilsgeschichtlicher Gestalten und Vorgänge durch Plastik, Malerei und Fensterkunst. Aus alledem entsteht ein Ganzes, welches dem Schauenden die Welt der Glaubenswirklichkeit vor Augen bringt.
Das gleiche geschieht im Nacheinander der Feste und Zeiten des Kirchenjahres. Letzteres verbindet den Jahreslauf der Sonne mit seinen Rhythmen, das Jahr des Lebens mit seinen Gezeiten und das Leben Christi als den Lauf des "sol salutis" zu einer unerschöpflichen Einheit. Sie wird noch einmal dadurch bereichert, daß zu den Festen Christi jene der Heiligen kommen, in denen sich gewissermaßen die christliche Geschichte zusammenfaßt. Dieses Ganze vollzieht sich Jahr um Jahr in der Liturgie jeder Kirche und bildet den Zeitrhythmus der Gemeinde. Indem sich aber auch die Ereignisse der Familie und des Einzellebens, Geburt, Hochzeit und Tod, Arbeit und Ruhe, das menschliche Geschehen der Jahreszeiten, Wochen und Tage in den Lauf des Kirchenjahres eingliedern, wirkt dessen Ordnung bis in die letzte Bewegung des Lebens.
aus: Romano Guradini: Das Ende der Neuzeit. Würzburg 1950.