Donnerstag, 5. April 2012

Gethsemane

Das war die Stunde von Gehtsemane: daß Jesu Menschenherz und -geist in die letzte Erfahrung dessen eintrat, was die Sünde vor dem richtenden und rächendem Antlitz Gottes bedeutet. Daß sein Vater von ihm forderte, Er solle diese Sünde als die seine auf sich nehmen. Und daß Er, wenn man so sagen darf, den Zorn des Vaters wider die Sünde gegen sich, der sie auf sich genommen, gerichtet sah und die Abwendung des Ihn "verlassenden" heiligen Gottes erfuhr. (...)
Gebe der Herr, daß jene Stunde jene Stunde an uns (...) nicht verloren sei. In ihr hat Er den Willen des Vaters angenommen und den Seinen hingegeben. "Sein" Wille war nicht, sich gegen Gott zu behaupten; das wäre ja die Sünde gewesen. Dieser "Wille" war wohl nur der Schauder eines so lebendigen und reinen Wesens davor, im Stand des Sünders stehen und - nicht aus persönlichem Tun, aber aus der unendlichen Verselbigung der stellvertetenden Liebe - Jener sein zu wollen, auf dem der Zorn Gottes lag. Das anzunehmen war wohl der Inhalt seiner Worte: "Nicht was Ich will, sondern was Du".
Das alles ist durchkämpft worden. Was nachher kam, war der Vollzug dieser Stunde. In ihr wurde alles vorweggenommen; was nachher kam, war nur das Vollbringen.
Und in welcher Einsamkeit! So groß, daß wir fühlen, den Jüngern sei im Grunde gar kein Vorwurf zu machen. An dem Unendlichen, was da geschah, mußte ihr kleines Mitfühlen-können so abgleiten, wie das Herz eines Kindes, wenn die Erwachsenen etwas Schreckliches durchleben: es wendet sich ab, fängt an zu spielen, oder schläft ein. Gerade, daß es nicht anders geht, zeigt wie hoffnungslos die Einsamkeit ist.
Wie Jesus da das Dasein gesehen hat, hat es keiner sonst gesehen; nicht vor ihm und nicht nach ihm. Da wurde die Welt aus dem Trug gehoben (...), da geschah Wahrheit. Und der Anfang wurde gesetzt, von dem aus auch wir aus den Trug durchdringen können. Denn das bedeutet ja doch Erlöstwerden, dorthin zu treten, wo Christus steht, in irgendeinem Maße seinen Blick auf die Welt, sein Grauen vor der Sünde mitzuvollziehen. Dazu willens und bereit zu sein, dahinein den Punkt der Entscheidung, das Ende und den Anfang zu setzen - das macht christliches Dasein aus.

aus: Romanu Guardini: Der Herr.

1 Kommentar:

Arminius hat gesagt…

Ich danke Dir für Deine häufigen Guardini-Zitate. Dank Deiner Beiträge habe ich mir das Buch vor einer Weile gekauft und arbeite mich nun Kapitel für Kapitel voran.
Manchmal sind seine Satzkonstruktionen etwas schwer lesbar, aber die Mühe lohnt sich Satz für Satz.