"Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt", lesen wir im Evangelium des Apostels Johannes. Wenn von der Würde der Gottesmutter die Rede ist, denken wir an diesen Satz. Als Maria ihre Einwilligung gab, trat der ewige Sohn bei uns ein. Er kam als unser Lehrer, Priester, Prophet und König, um die Schöpfung wieder zu dem Ursprung zurückzuführen, den sie verlassen hatte.
Gott verlangt nach der Hingabe des menschlichen Herzens. Wir können nicht genug darüber staunen; ist Er doch von Ewigkeit her selig in sich selbst und bedarf, um zu sein, der Er ist, keines Anderen. Doch eine Liebe, die wir nie verstehen werden, ließ Ihn die Welt erschaffen und darin Geschöpfe, die sein Ebenbild in sich tragen und begnadet sind, ihren Schöpfer lieben zu können. So tief aber hat Gott die Welt in sein Herz genommen, daß Er sie liebte über die Sünde hinaus und "seinen Sohn hingab, damit alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben."
Der Sohn Marias hat uns die letzte Gewißheit gebracht, daß der Vater uns liebt. Wohl "rühmen die Himmel des Ewigen Ehre, und seine Herrlichkeit kündet das Firmament"; aber daß er uns liebt, steht nicht in den Sternen geschrieben. Das lesen wir nur vom eigenen Herzen ab; denn woher sollten wir die Möglichkeit haben, Ihn zu lieben, wenn nicht von Ihm selbst? Doch wir fühlen, daß etwas zwischen Gott und uns nicht in Ordnung ist. Wir stehen vor Ihm in Schuld und scheuen Ihn. Da ist es der Sohn Marias, der uns von der Liebe des ewigen Vaters überzeugt.
Neun Monate hat Er im Schoße seiner heiligsten Mutter gelebt: wie muß Er sie geliebt haben! Sie hatte Ihm ihr Herz geschenkt, ihre Ehre vor dem Menschen, ihr ganzes Leben, ohne sich zu vergewissern, welchen Gang dieses Leben nehmen würde. Sie hatte Ihn im Geiste empfangen, bevor sie leiblich seine Mutter wurde. Das ist ihr Größe: "Selig bist du, weil Du geglaubt!" Auf die Stunde in Nazareth geht alles zurück. Wir preisen Maria als die Mutter des Glaubens; als die Helferin im Werk der Erlösung; als die Fürsprecherin Aller. Um Christi willen war sie vor Gott ohne Schuld, und vor der Verwesung hat Gott ihren Leib bewahrt - "was hätte Gott ihr noch tun können, das Er nicht getan"? Und Maria war nicht wie ihr Volk; die Dankbarkeit gegen Gott erfüllte ihr Herz.
(Romano Guardini: Der geistliche Mai)



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